Stuttgart 21 Der grüne Papst stimmt auf die Niederlage ein

Auch wenn S21 kommt, war der Protest ein Erfolg, sagt Winfried Kretschmann beim Grünen-Parteitag. Aber jetzt sind die Castor-Gegner sauer auf ihn. Von L. Caspari, Kiel

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), spricht während der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Kiel.

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), spricht während der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Kiel.

Ja, wo ist denn Winfried Kretschmann? "Kann ihm mal jemand Bescheid sagen, dass er jetzt reden kann?", fragt die Tagungspräsidentin etwas ratlos in den Saal. Die Grünen sind schneller als gedacht mit den vorherigen Anträgen fertig geworden. Es ist Mittagszeit: Viele Delegierte kauen im Vorraum noch an ihren Bio-Frikadellen, im Saal fehlt der "grüne Papst". Als er herbeieilt, klatschen sich die verbliebenen Grünen nur langsam warm. Die Parteiführung hätte Kretschmann bestimmt lieber einen feurigeren Einzug bereitet.

Schließlich hält er beim Grünen-Delegiertentreffen in Kiel seine letzte große Rede vor der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 an diesem Sonntag. Und für die grünen Bahnhofsgegner sieht es überhaupt nicht gut aus: Ein Drittel aller Wahlberechtigten Baden-Württembergs müssten gegen das Projekt stimmen, um einen Baustopp zu erwirken. Kaum jemand bei den Grünen geht daher noch von einem "Wunder" aus, wie der Ministerpräsident die verbliebene Rest-Hoffnung auf ein Aus für den teuren Tiefbahnhof nennt. Zumal in Umfragen auch noch eine Mehrheit für das Bahnhofsprojekt ist.

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Bevor am Samstag in Kiel nach ihm gesucht wird, hat Kretschmann am Rand der Parteitagshalle viele Interviews geben müssen. Ja, ja, natürlich glaube er noch an Wunder: "Heute mehr denn je, die Beteiligung per Briefwahl ist bisher ziemlich gut." Aber: "Es gibt immer Enttäuschungen im Leben, damit muss man umgehen können", sagt der grüne Ministerpräsiden mit ernstem Gesicht. In seinem dunklen Anzug mit dem biederen Streifenhemd wirkt der 63-Jährige wie ein gutmütiger Großvater.

Natürlich werde er ein Ja zu Stuttgart 21 akzeptieren, antwortet Kretschmann geduldig auf Nachfragen. Zur Not werde er den Weiterbau der Bahnstrecke auch von seiner Landespolizei beschützen lassen. So sei das eben mit der direkten Demokratie: Auch ein unliebsames Ergebnis müssten die Grünen akzeptieren, mahnt der – nun eher strenge – Großvater. Er weiß: Als Ministerpräsident wird er womöglich auch den ein oder anderen Parteigenossen vom Baugelände wegtragen lassen müssen.

Später auf dem Parteitagspodium trocknet Kretschmann denn auch vorsorglich grüne Tränen. Der Konflikt um S21 sei schon ein Erfolg gewesen, "egal, wie das morgen ausgeht": "Es ging nicht nur um einen Bahnhof, sondern auch um Partizipation." Künftig würden die Bürger bei Großprojekten mitentscheiden. Am Ende der Rede sagt Kretschmann noch einen denkwürdigen Satz: "Man kann ja nicht stetig aufsteigen, wo gibt es denn sowas, es gibt immer Rückschläge." Die Grünen danken es ihm mit ordentlichem Applaus.

Kretschmann hat "alles versucht"

Diesmal stimmen die Bilder: Die Delegierten jubeln ihrem Ministerpräsidenten mit vielen bunten S-21-Protest-Plakaten zu. "Ja zum Schutz von Umwelt und Bahnhof" steht zum Beispiel auf einem rosafarbenen Pappquadrat. Schließlich muss der Baden-Württemberger am Sonntag Ja ankreuzen, wo er Nein meint: Zur Abstimmung steht ein Ausstiegsgesetz. Es ist kompliziert.

Es sind keine einfachen Tage für den Ministerpräsidenten. Acht Monate nach seinem Amtsantritt spürt Kretschmann erstmals sehr deutlich die Nachteile der Macht. Nicht nur bei Stuttgart 21. Das lassen ihm die allermeisten Grünen noch durchgehen. "Er hat alles versucht", sagt ein Delegierter.

Nein, Kretschmann hat sich in einer ganz anderen Frage bei den eigenen Leuten unbeliebt gemacht. Und zwar einer, die an diesem Wochenende aktueller denn je ist: Der Demonstration gegen den Castor-Transport. "Protest macht jetzt eigentlich keinen Sinn mehr", hatte der grüne Ministerpräsident der ZEIT gesagt – und staatsmännisch daran erinnert, dass er sich mit Schwarz-Gelb auf eine ergebnisoffene Endlagersuche verständigt habe. Das sei "eine große Leistung. Die, die protestieren, müssen sich das mal klarmachen."

Empfindlich reagieren nicht nur die Anti-AKW-Initiativen im Wendland auf diese Äußerungen. Die frühere Sprecherin der Grünen Jugend, Gesine Agena, sagt in ihrem Redebeitrag auf dem Parteitag: "Ich habe gelesen, es lohnt sich nicht mehr zu protestieren. Aber es lohnt sich immer. Wir müssen klarmachen, dass wir uns gegen Gorleben stellen." Per Videoschalte jubeln die Delegierten denn auch am Samstagnachmittag demonstrativ den dickvermummten örtlichen Aktivisten im Wendland zu. "Hier sind 20.000 Leute. Das tut mir für Herrn Kretschmann ziemlich leid", ruft eine durchgefrorene, grüne EU-Abgeordnete Rebecca Harms gehässig Richtung Kiel.

Kretschmann sagt, er sei vielleicht missverstanden geworden: "Meine kritische Haltung zu Gorleben hat sich doch nicht geändert." Allerdings müsse jetzt vor allem die ergebnisoffene Endlagersuche vorangetrieben werden. Dafür habe er, Kretschmann, schweren Herzens auch eine geologische Inspektion Baden-Württembergs angeboten. Das sei der "einzig verantwortbare Weg": Es gehe darum, den geeignetsten Standort für den Atommüll zu finden. Viel Applaus bekommt Kretschmann für diese Stelle seiner Rede nicht.

 
Leser-Kommentare
  1. "Natürlich werde er ein Ja zu Stuttgart 21 akzeptieren, antwortet Kretschmann geduldig auf Nachfragen. Zur Not werde er den Weiterbau der Bahnstrecke auch von seiner Landespolizei beschützen lassen."

    Egal, wie es morgen ausgeht, Sie kann man als Landes"vater" beim nächsten mal bedenkenlos wählen. Danke für klare Worte zum Wesen einer Demokratie.

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    ...wer sie für grüne Politik will, muß ihnen halt künftig mehr als 24,7% der Stimmen geben, das würden die Schwaben auch tun, jetzt schon 32%, nur noch 2 Punkte hinter der CDU, das lässt hoffen auf die nächsten Wahlen im Ländle, ein grüner Stuttgart-OB ist so gut wie sicher nächstes Jahr. Dazu das Auslichten des schwarzen Filzes in den Herrgottswinkeln, was allein durch Zeitablauf stattfinden wird: Alle Trümpfe bei den Grünen für die Zukunft: Oben bleiben!

    ...wer sie für grüne Politik will, muß ihnen halt künftig mehr als 24,7% der Stimmen geben, das würden die Schwaben auch tun, jetzt schon 32%, nur noch 2 Punkte hinter der CDU, das lässt hoffen auf die nächsten Wahlen im Ländle, ein grüner Stuttgart-OB ist so gut wie sicher nächstes Jahr. Dazu das Auslichten des schwarzen Filzes in den Herrgottswinkeln, was allein durch Zeitablauf stattfinden wird: Alle Trümpfe bei den Grünen für die Zukunft: Oben bleiben!

  2. Eigentlich ist er in der falschen Partei.

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    für einen echten Demokraten, bzw. warum sind die Grünen undemokratischer als gerade diese Partei? Außer den Piraten fällt mir keine Partei von nennenswerter Bedeutung ein, die als Antwort auch nur entfernt in Frage kommen würde.

    für einen echten Demokraten, bzw. warum sind die Grünen undemokratischer als gerade diese Partei? Außer den Piraten fällt mir keine Partei von nennenswerter Bedeutung ein, die als Antwort auch nur entfernt in Frage kommen würde.

  3. Es geht unseren Radikalinskis doch garnicht um den Protest gegen das Endlager Gorleben.
    Ganz egal, wo man ein Endlager eröffnen würde, es würde dagegen protestiert werden. Denn durch diese Proteste hält man seine radikalisierten Anhänger bei der Stange, wenn man sie das nächstemal braucht.
    Vielleicht wieder in Stuttgart ?

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  4. Deutsche Sprache, schwere Sprache. Ich frage mich, was ein Castor-Gegner ist. Ist es jetzt schon so, dass man Gegner eines Behälters sein kann? Oder Gegner des Inhalts eines Behälters? Nicht jeder verkürzte Begriff macht auch Sinn.

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    Naja, zumindest kann man den Sohn des Zeus unsympathisch finden ;-)

    ...ist zumindest Ihre Aussage, Hardliner 1, "Nicht jeder verkürzte Begriff macht auch Sinn.", denn wenn Sie schon so exakt zu argumentieren versuchen, sollte Ihnen auch nicht entgagen sein, dass Sie zwar im Englischunterricht gut aufgepasst haben (to make sense), aber auf der "Denglish"-Welle mitschwimmen.
    Denn in korrektem Deutsch "macht" nichts "Sinn" sondern "ist sinnvoll" (oder nicht, also sinnlos), "ergibt einen Sinn" (oder keinen), "hat einen Sinn" (oder keinen), möglicherweise sehen Sie "einen Sinn darin" (oder eben keinen).

    Naja, zumindest kann man den Sohn des Zeus unsympathisch finden ;-)

    ...ist zumindest Ihre Aussage, Hardliner 1, "Nicht jeder verkürzte Begriff macht auch Sinn.", denn wenn Sie schon so exakt zu argumentieren versuchen, sollte Ihnen auch nicht entgagen sein, dass Sie zwar im Englischunterricht gut aufgepasst haben (to make sense), aber auf der "Denglish"-Welle mitschwimmen.
    Denn in korrektem Deutsch "macht" nichts "Sinn" sondern "ist sinnvoll" (oder nicht, also sinnlos), "ergibt einen Sinn" (oder keinen), "hat einen Sinn" (oder keinen), möglicherweise sehen Sie "einen Sinn darin" (oder eben keinen).

  5. der den Castoreinsatz leitet, hätte ich die Gegner schon längst vorgeführt. Beim geringsten Störversuch, hätte ich die Lok abkuppeln lassen, zurück mit ihr ins Depot, und den Transport dort stehen lassen wo er grade ist. Wo er doch so furchtbar gefährlich strahlt, sollten die Atomfeinde doch eher interessiert daran sein, das Zeug von der Schiene zu kriegen, statt sich wie kleine Kinder ein Loch ins Knie zu freuen, wenn sie ihn 2 Stunden aufhalten konnten.

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    Und als führender Polizeibeamter wären Sie damit nicht nur Ihren Job los, sondern hätten auch vor Gericht erscheinen müssen. Für die fahrlässige Deponierung eines gemeingefährlichen Objekts auf einem Teil der öffentlichen Infrastruktur. Zu den Polizisten: Die tun nur ihre Arbeit, unabhängig von ihrer persönlichen Ansicht. Und zu den Protestierenden: Leider kann ich mir auch keine andere, wirksamere Form des Protests vorstellen. Haben Sie Vorschläge?

    Und als führender Polizeibeamter wären Sie damit nicht nur Ihren Job los, sondern hätten auch vor Gericht erscheinen müssen. Für die fahrlässige Deponierung eines gemeingefährlichen Objekts auf einem Teil der öffentlichen Infrastruktur. Zu den Polizisten: Die tun nur ihre Arbeit, unabhängig von ihrer persönlichen Ansicht. Und zu den Protestierenden: Leider kann ich mir auch keine andere, wirksamere Form des Protests vorstellen. Haben Sie Vorschläge?

  6. Man ist gegen "Castor"
    man ist gegen Gorleben.
    man ist gegen Endlager,
    mann ist gegen Atomkraft, man ist gegen Leitungs Trassen, man ist gegen Windkraft die man hort und sieht, Mann ist gegen Stuttgart,
    gegen Autobahn, Speicherkraftwerke, gegen Laerm, Hunde und Klavier, hm gegen Auslaender die auslaendisch sind , man ist gegen alles, moechte alles haben, nett, sauber, geruchsneutral
    man ist in Deutschland, man hat bis in die spaeten 70iger Jahre Transfer Zahlungen aus US bekommen, das will man nicht wahrhaben, man ist Wer. Die andern sind nur faul...Castor Folklore, genau das ist es.
    Lasst die Dinger auf der Wiese stehen die Atom Meiler in der Landschaft und bewacht sie

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    • JD
    • 26.11.2011 um 17:59 Uhr

    Alte und junge verbruddelte Menschen sind gegen Kindergärten in ihrer Nähe!

    • bayert
    • 27.11.2011 um 8:49 Uhr

    Die Nuklearmedizin wäre ohne radioaktive Stoffe aufgeschmissen.

    • JD
    • 26.11.2011 um 17:59 Uhr

    Alte und junge verbruddelte Menschen sind gegen Kindergärten in ihrer Nähe!

    • bayert
    • 27.11.2011 um 8:49 Uhr

    Die Nuklearmedizin wäre ohne radioaktive Stoffe aufgeschmissen.

  7. Naja, zumindest kann man den Sohn des Zeus unsympathisch finden ;-)

    Antwort auf "Castor-Gegner?"
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    Wo Sie recht haben, haben Sie recht!

    Wo Sie recht haben, haben Sie recht!

  8. 8. Recht

    Wo Sie recht haben, haben Sie recht!

    Antwort auf "Mythologie"

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