Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen), spricht während der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen in Kiel. © Carsten Rehder/dpa

Ja, wo ist denn Winfried Kretschmann ? "Kann ihm mal jemand Bescheid sagen, dass er jetzt reden kann?", fragt die Tagungspräsidentin etwas ratlos in den Saal. Die Grünen sind schneller als gedacht mit den vorherigen Anträgen fertig geworden. Es ist Mittagszeit: Viele Delegierte kauen im Vorraum noch an ihren Bio-Frikadellen, im Saal fehlt der "grüne Papst". Als er herbeieilt, klatschen sich die verbliebenen Grünen nur langsam warm. Die Parteiführung hätte Kretschmann bestimmt lieber einen feurigeren Einzug bereitet.

Schließlich hält er beim Grünen-Delegiertentreffen in Kiel seine letzte große Rede vor der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 an diesem Sonntag. Und für die grünen Bahnhofsgegner sieht es überhaupt nicht gut aus: Ein Drittel aller Wahlberechtigten Baden-Württembergs müssten gegen das Projekt stimmen, um einen Baustopp zu erwirken. Kaum jemand bei den Grünen geht daher noch von einem "Wunder" aus, wie der Ministerpräsident die verbliebene Rest-Hoffnung auf ein Aus für den teuren Tiefbahnhof nennt. Zumal in Umfragen auch noch eine Mehrheit für das Bahnhofsprojekt ist.

Bevor am Samstag in Kiel nach ihm gesucht wird, hat Kretschmann am Rand der Parteitagshalle viele Interviews geben müssen. Ja, ja, natürlich glaube er noch an Wunder: "Heute mehr denn je, die Beteiligung per Briefwahl ist bisher ziemlich gut." Aber: "Es gibt immer Enttäuschungen im Leben, damit muss man umgehen können", sagt der grüne Ministerpräsiden mit ernstem Gesicht. In seinem dunklen Anzug mit dem biederen Streifenhemd wirkt der 63-Jährige wie ein gutmütiger Großvater.

Natürlich werde er ein Ja zu Stuttgart 21 akzeptieren, antwortet Kretschmann geduldig auf Nachfragen. Zur Not werde er den Weiterbau der Bahnstrecke auch von seiner Landespolizei beschützen lassen. So sei das eben mit der direkten Demokratie: Auch ein unliebsames Ergebnis müssten die Grünen akzeptieren, mahnt der – nun eher strenge – Großvater. Er weiß: Als Ministerpräsident wird er womöglich auch den ein oder anderen Parteigenossen vom Baugelände wegtragen lassen müssen.

Später auf dem Parteitagspodium trocknet Kretschmann denn auch vorsorglich grüne Tränen. Der Konflikt um S21 sei schon ein Erfolg gewesen, "egal, wie das morgen ausgeht": "Es ging nicht nur um einen Bahnhof, sondern auch um Partizipation." Künftig würden die Bürger bei Großprojekten mitentscheiden. Am Ende der Rede sagt Kretschmann noch einen denkwürdigen Satz: "Man kann ja nicht stetig aufsteigen, wo gibt es denn sowas, es gibt immer Rückschläge." Die Grünen danken es ihm mit ordentlichem Applaus.

Kretschmann hat "alles versucht"

Diesmal stimmen die Bilder: Die Delegierten jubeln ihrem Ministerpräsidenten mit vielen bunten S-21-Protest-Plakaten zu. "Ja zum Schutz von Umwelt und Bahnhof" steht zum Beispiel auf einem rosafarbenen Pappquadrat. Schließlich muss der Baden-Württemberger am Sonntag Ja ankreuzen, wo er Nein meint: Zur Abstimmung steht ein Ausstiegsgesetz. Es ist kompliziert.

Es sind keine einfachen Tage für den Ministerpräsidenten. Acht Monate nach seinem Amtsantritt spürt Kretschmann erstmals sehr deutlich die Nachteile der Macht. Nicht nur bei Stuttgart 21. Das lassen ihm die allermeisten Grünen noch durchgehen. "Er hat alles versucht", sagt ein Delegierter.

Nein, Kretschmann hat sich in einer ganz anderen Frage bei den eigenen Leuten unbeliebt gemacht. Und zwar einer, die an diesem Wochenende aktueller denn je ist: Der Demonstration gegen den Castor-Transport. "Protest macht jetzt eigentlich keinen Sinn mehr", hatte der grüne Ministerpräsident der ZEIT gesagt – und staatsmännisch daran erinnert, dass er sich mit Schwarz-Gelb auf eine ergebnisoffene Endlagersuche verständigt habe. Das sei "eine große Leistung. Die, die protestieren, müssen sich das mal klarmachen."

Empfindlich reagieren nicht nur die Anti-AKW-Initiativen im Wendland auf diese Äußerungen. Die frühere Sprecherin der Grünen Jugend, Gesine Agena, sagt in ihrem Redebeitrag auf dem Parteitag: "Ich habe gelesen, es lohnt sich nicht mehr zu protestieren. Aber es lohnt sich immer. Wir müssen klarmachen, dass wir uns gegen Gorleben stellen." Per Videoschalte jubeln die Delegierten denn auch am Samstagnachmittag demonstrativ den dickvermummten örtlichen Aktivisten im Wendland zu. "Hier sind 20.000 Leute. Das tut mir für Herrn Kretschmann ziemlich leid", ruft eine durchgefrorene, grüne EU-Abgeordnete Rebecca Harms gehässig Richtung Kiel.

Kretschmann sagt, er sei vielleicht missverstanden geworden: "Meine kritische Haltung zu Gorleben hat sich doch nicht geändert." Allerdings müsse jetzt vor allem die ergebnisoffene Endlagersuche vorangetrieben werden. Dafür habe er, Kretschmann, schweren Herzens auch eine geologische Inspektion Baden-Württembergs angeboten. Das sei der "einzig verantwortbare Weg": Es gehe darum, den geeignetsten Standort für den Atommüll zu finden. Viel Applaus bekommt Kretschmann für diese Stelle seiner Rede nicht.