ZEIT ONLINE: Ein niedriger Lohn bedeutet aber eine weitere Abwertung der Erwerbsarbeit.

Liebermann: Nur wenn Sie den Wert einer Tätigkeit am Lohn bemessen. Der sagt aber nichts darüber aus, welche Bedeutung diese Tätigkeit für die Person hat, die sie ausübt und für jene, die sie in Anspruch nehmen. Ist die Müllabfuhr weniger bedeutend als das Investmentbanking? Solange jemand seinen Beruf gerne ausübt, sich mit der Aufgabe identifiziert, ist er bereit, erhebliche Lohneinbußen in Kauf zu nehmen. Problematisch wird das erst, wenn die Löhne zu niedrig sind, um ein sicheres Auskommen zu haben. Man hadert dann ja nicht mit seinem Beruf, sondern mit der Einkommenssituation. Das bringt Leistungseinbußen mit sich. Die wiederum tauchen in keiner Statistik auf.

ZEIT ONLINE: Verabschiedet sich eine Gesellschaft, die ein Bedingungsloses Grundeinkommen einführt, nicht vom alten Ideal "Recht auf Arbeit"?

"Wir können Lebenszeit zurückgewinnen"
Sascha Liebermann

Liebermann: Ein Recht auf einen Arbeitsplatz gibt es auch heute nicht, wie wir an der Entwicklung des Arbeitsmarkts sehen. Zum Glück gibt es dieses Recht nicht, denn Erwerbsarbeit ist ja nicht per se sinnvoll. Sie ist es nur, wenn sie zur Wertentstehung notwendig ist. Wo Maschinen sie ersetzen kann, können wir Lebenszeit zurückgewinnen. Durch ein Grundeinkommen wäre es möglich, sich Aufgaben zuzuwenden, die Maschinen nicht übernehmen können und die nicht zwangsläufig in Erwerbstätigkeit führen müssen.

ZEIT ONLINE: Schon in der Bibel heißt es "Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen". Ist es wirklich denkbar die Verbindung von Erwerbsarbeit und Entlohnung zu lösen?

Wehner: Das ist nicht ganz richtig. Bei Paulus heißt es, dass man im Schweiße seines Angesichts sein Brot essen soll. Dass man es auch unter ausbeuterischen, womöglich inhumanen Bedingungen verdienen soll, davon ist nicht die Rede. Paulus droht nicht jenen, die nicht arbeiten wollen, sondern er warnt davor, den sogenannten Müßiggänger "als Feind zu halten", stattdessen sollte man ihn "als einen Bruder vermahnen". Was sagt mir das? Wir müssen mit jenen, die arbeitslos sind oder im Arbeitsleben eher Verweigerungsimpulse verspüren, im Dialog bleiben. Ob wir unter Bedingungen des Bedingungslosen Grundeinkommens mehr Müßiggänger haben würden, dazu sagt uns auch Paulus nichts. Man sollte darüber nicht populistisch spekulieren, stattdessen sollte mehr dazu geforscht werden.

ZEIT ONLINE: Wer soll das Grundeinkommen eigentlich bezahlen? Ist es überhaupt finanzierbar?

Liebermann: Die Frage klingt kompliziert, die Antwort ist einfach: nur das Gemeinwesen kann es "bezahlen". Das geht nur, wenn die Bürger das Grundeinkommen auch zu tragen bereit sind. Das gilt für alle öffentlichen Leistungen heute gleichermaßen. Finanziert werden sollte es mittels eines Steuerwesens, das Leistungserstellung fordert und nicht hemmt. Die Vorschläge zur Finanzierung über eine Konsumsteuer, wie sie etwa Götz W. Werner und Benediktus Hardorp vertreten, bei Wegfall aller Einkommensbesteuerung, scheint mir die Richtung zu weisen.

Die Fragen stellte: Max Neufeind. Er ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrumfür Organisations- und Arbeitswissenschaften an der ETH Zürich.