"Jeder zweite geht in Frührente", titelte am Mittwoch die Süddeutsche Zeitung und viele Medien, auch ZEIT ONLINE , folgten. Ein kleiner Aufreger zwischen den Jahren. In der Tat ist es bemerkenswert, wenn inzwischen 47,5 der Neurentner vorzeitig in Ruhestand gehen – sei es, weil sie keine Arbeit mehr finden, ausgebrannt sind oder sich selbst für ein frühes Rentendasein entscheiden. Und das, obwohl uns seit Jahren Politiker wie Experten erklären, dass wir alle länger arbeiten müssen. Wegen der zunehmenden Zahl der Alten bei immer weniger Beitragszahlern und wegen der gestiegenen Lebenserwartung.

Bloß, die Beschäftigten und die Wirtschaft reagieren darauf offensichtlich nicht wie gewünscht. Im Gegenteil. Denn im Jahr 2000 hatten nur 14,5 Prozent vorzeitig ihre Rente beantragt. Eine Steigerung also um mehr als 200 Prozent in zehn Jahren – trotz der beschlossenen schrittweisen Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre.

Oder vielleicht gerade deswegen. Denn ab nächstes Jahr tritt diese Erhöhung Schritt für Schritt in Kraft. Womöglich gehen auch deshalb jetzt weit mehr Menschen in Frührente, weil sie die ab 2012 steigenden Abschläge bei einem vorzeitigen Ausscheiden fürchten.

Aber wo ist der Skandal? Sicher, wie DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach in der SZ zurecht beklagt: "Solange Beschäftigte kaum eine Chance haben, bis 65 zu arbeiten, ist die Rente mit 67 ein Rentenkürzungsprogramm." Aber das ist vornehmlich die Schuld der Arbeitgeber, die lieber jüngere, billigere Arbeitskräfte einstellen als ältere, erfahrene, aber vielleicht nicht mehr ganz so leistungsfähige bis zum Rentenalter zu beschäftigen. Dies ist kein Versagen der Politik.

Von schlimmer und wachsender Altersarmut, vor der Sozialverbände angesichts der neuen Zahlen nun mal wieder warnen, kann jedenfalls nicht die Rede sein. Noch nicht. Die jetzige Rentnergeneration ist die wohlhabendste, die Deutschland je hatte. Und je haben wird. 1123 Euro Durchschnittsrente im Monate selbst im Vorruhestand sind nicht wenig und entsprechen immer noch mehr als 40 Prozent des Durchschnittseinkommens. Das verfügbare Nettoeinkommen aller Rentner beträgt laut Statistischem Bundesamt sogar 65 Prozent des durchschnittlichen Einkommens. Viele Alleinerziehende haben weniger zum Leben. Und beantragen deshalb weit häufiger ergänzende staatliche Hilfe zum Lebensunterhalt.

Das eigentliche Problem ist die Erwerbsminderungsrente

Erschreckend dagegen ist die ebenfalls drastisch steigende Zahl von Menschen, die oft schon in jungen Jahren eine Erwerbsminderungsrente beantragen müssen, weil sie nicht mehr arbeiten können. Und die im Schnitt nur 700 Euro im Monat bekommen.

Hier besteht wirklicher Handlungsbedarf. Bei diesen aus dem Arbeitsleben Gedrängten, körperlich oder psychisch Kranken, sollte der Gesetzgeber die drastischen Rentenabschläge zurücknehmen. Diese Menschen leben tatsächlich in gesellschaftlicher Armut. Und haben kaum eine Chance, da je wieder aus eigener Kraft herauszukommen.

Eine generelle Rücknahme der Abschläge für Frührentner hingegen würde nur die Generationen-Ungerechtigkeit vergrößern und falsche Anreize setzen. Denn zahlen müssten dafür die Jüngeren, die selber in Zukunft nur mit einer Minirente rechnen können – über höhere Beiträge oder höhere Steuern.