Für einen Ostdeutschen klingt die Geschichte der Bundesrepublik noch immer wie ein Märchen. Das Land der Nazis von 1945 zivilisiert und repariert sich zur allseits respektierten viertgrößten Industrienation der Welt. Östlich seiner Grenzen scheitert das Gegenexperiment einer kleinbürgerlichen, ideologischen Diktatur. Und dann gelingt es gar noch, den kommunistischen Überrest aufzunehmen, ohne dabei pleite zu gehen. Deutschland ist demokratisch, wirtschaftlich erfolgreich, intellektuell produktiv. Und selbst die dreijährige Krise hat es bisher erstaunlich stabil überstanden.

Doch geschehen ist auch dies: Das europäische Projekt schwebt in Lebensgefahr. Die sozialen Spannungen sind gewachsen, der Glauben vieler Bürger ist erschüttert, dass es gerecht zugeht. Eine rechtspopulistische, vielleicht islamophobe Partei auf Bundesebene erscheint denkbar. Manche Zonen des Landes sind für den Staat nicht mehr erreichbar . Rechtsextremer Terrorismus ist entstanden.

Wie wird man einmal über unsere Zeit sprechen? Waren das normale Probleme eines erwachsenen Landes? Oder die ersten Vorboten eines anderen Deutschlands? Eines, das weniger frei ist, das in seiner Vielfältigkeit ein Problem sieht. Auch mein Geburtsland wirkte vollkommen stabil, bis es plötzlich und gottseidank starb. Die Ostdeutschen haben erlebt, dass ein ganzes Gesellschaftsgefüge mit all seinen Hierarchien und ordnenden Bindungen über Nacht verschwinden kann.

Die meisten meiner westdeutschen Kollegen und Politiker winken hier ab. Sie halten es für ausgeschlossen, dass in Deutschland vordemokratische Zustände ausbrechen könnten. Ihr Optimismus aber ist wie mein Pessimismus rein empirisch, er läuft kurzgefasst auf das alte kölsche Motto hinaus: Et hätt noch immer jot jejange. Kann es sein, dass die bis hierher geglückte Geschichte der BRD blind macht für die Vorstellung, demokratische Kultur und zivile Verfasstheit des Landes könnten, wenn es schlecht läuft, wie in Ungarn oder Italien erodieren?

Mich und wohl viele andere Ostdeutsche auch hat die Enttarnung der braunen Terrorzelle NSU nicht sonderlich überrascht. Es war überdeutlich zu sehen, wie wenige sich den Neonazis in den Weg stellten und wie bereit diese waren, mit brutaler Gewalt Angst zu verbreiten. Als in den neunziger Jahren im Osten große Regionen entstanden, in denen Migranten und Linke in Lebensgefahr gerieten, hieß es in Parteien und Presse nur, es müssten eben mehr Arbeitsplätze her.  

Gänzlich undenkbar erschien es dort, dass es auf deutschem Boden ein Gebiet geben könnte, in das Parteien, Verwaltung, Presse, Zivilgesellschaft nicht mehr vordringen können. Die Nazis verschafften sich aber gerade im musterschülerhaften Sachsen mit seiner geringen Arbeitslosenquote ihren verlässlichsten Rückhalt.

"So what?" – so beschrieb der Soziologe Heinz Bude bei ZEIT ONLINE die Reaktion vieler Westdeutscher auf diesen Prozess der Entzivilisierung. “Dann gibt es eben Gegenden, in denen Berliner Schulen keine Klassenfahrt mehr machen können." Andererseits glauben die meisten Beobachter offenbar noch immer, dass die Neonazis irgendwann einfach wieder verschwinden. Dass sie eine gesamtdeutsche Entwicklung vorwegnehmen könnten – diese Gefahr ist keinen Gedanken wert.