KriseDer gefährliche Optimismus der Westdeutschen

In der Krise zeigen sich die Gefahren für die Demokratie. Unser ostdeutscher Redakteur Christian Bangel wundert sich, warum so wenige um sie fürchten. von 

Für einen Ostdeutschen klingt die Geschichte der Bundesrepublik noch immer wie ein Märchen. Das Land der Nazis von 1945 zivilisiert und repariert sich zur allseits respektierten viertgrößten Industrienation der Welt. Östlich seiner Grenzen scheitert das Gegenexperiment einer kleinbürgerlichen, ideologischen Diktatur. Und dann gelingt es gar noch, den kommunistischen Überrest aufzunehmen, ohne dabei pleite zu gehen. Deutschland ist demokratisch, wirtschaftlich erfolgreich, intellektuell produktiv. Und selbst die dreijährige Krise hat es bisher erstaunlich stabil überstanden.

Doch geschehen ist auch dies: Das europäische Projekt schwebt in Lebensgefahr. Die sozialen Spannungen sind gewachsen, der Glauben vieler Bürger ist erschüttert, dass es gerecht zugeht. Eine rechtspopulistische, vielleicht islamophobe Partei auf Bundesebene erscheint denkbar. Manche Zonen des Landes sind für den Staat nicht mehr erreichbar . Rechtsextremer Terrorismus ist entstanden.

Wie wird man einmal über unsere Zeit sprechen? Waren das normale Probleme eines erwachsenen Landes? Oder die ersten Vorboten eines anderen Deutschlands? Eines, das weniger frei ist, das in seiner Vielfältigkeit ein Problem sieht. Auch mein Geburtsland wirkte vollkommen stabil, bis es plötzlich und gottseidank starb. Die Ostdeutschen haben erlebt, dass ein ganzes Gesellschaftsgefüge mit all seinen Hierarchien und ordnenden Bindungen über Nacht verschwinden kann.

Die meisten meiner westdeutschen Kollegen und Politiker winken hier ab. Sie halten es für ausgeschlossen, dass in Deutschland vordemokratische Zustände ausbrechen könnten. Ihr Optimismus aber ist wie mein Pessimismus rein empirisch, er läuft kurzgefasst auf das alte kölsche Motto hinaus: Et hätt noch immer jot jejange. Kann es sein, dass die bis hierher geglückte Geschichte der BRD blind macht für die Vorstellung, demokratische Kultur und zivile Verfasstheit des Landes könnten, wenn es schlecht läuft, wie in Ungarn oder Italien erodieren?

Mich und wohl viele andere Ostdeutsche auch hat die Enttarnung der braunen Terrorzelle NSU nicht sonderlich überrascht. Es war überdeutlich zu sehen, wie wenige sich den Neonazis in den Weg stellten und wie bereit diese waren, mit brutaler Gewalt Angst zu verbreiten. Als in den neunziger Jahren im Osten große Regionen entstanden, in denen Migranten und Linke in Lebensgefahr gerieten, hieß es in Parteien und Presse nur, es müssten eben mehr Arbeitsplätze her.  

Gänzlich undenkbar erschien es dort, dass es auf deutschem Boden ein Gebiet geben könnte, in das Parteien, Verwaltung, Presse, Zivilgesellschaft nicht mehr vordringen können. Die Nazis verschafften sich aber gerade im musterschülerhaften Sachsen mit seiner geringen Arbeitslosenquote ihren verlässlichsten Rückhalt.

"So what?" – so beschrieb der Soziologe Heinz Bude bei ZEIT ONLINE die Reaktion vieler Westdeutscher auf diesen Prozess der Entzivilisierung. “Dann gibt es eben Gegenden, in denen Berliner Schulen keine Klassenfahrt mehr machen können." Andererseits glauben die meisten Beobachter offenbar noch immer, dass die Neonazis irgendwann einfach wieder verschwinden. Dass sie eine gesamtdeutsche Entwicklung vorwegnehmen könnten – diese Gefahr ist keinen Gedanken wert.

Doch nicht nur im Osten greift die verdeckte oder offene Ablehnung von Demokratie und Marktwirtschaft um sich. Der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer warnt seit Jahren davor , was passiert, wenn die Mittelschicht schwindet; wenn Reiche und Arme sich verabschieden vom Gemeinwesen. Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wächst, einen Klassenkampf gibt es inzwischen auch von oben.

Der Gedanke an einen gar gewalttätigen Systemwechsel übersteigt die Vorstellungskraft vieler Frustrierter im Westen, doch die Grundlage für eine vorrevolutionäre Situation gibt es auch dort: Immer weniger Menschen glauben daran, dass die Gesellschaft ihren Teil des Vertrages einhält. Es ist nicht wahrscheinlich, aber denkbar, dass Demokraten irgendwann im ganzen Land in der Minderheit sind. Ist diese Erkenntnis bei den meisten angekommen? Ich zweifle daran.

Der unerschütterliche, vielleicht trügerische Glaube an unser Gesellschaftsmodell zeigt sich auch in der Euro-Krise. In vielen Ländern gilt das alleinige Beharren Deutschlands auf dem Sparen als Spiel mit dem Feuer . Die Regierung (richtig, Angela Merkel ist eine Ostdeutsche) macht den Umgang mit den Schuldenstaaten dennoch – sehr zum Wohlwollen der Deutschen zu einer Frage von Disziplin gegen Nachlässigkeit. Kurzfristig wirksame Medikamente wie Eurobonds oder EZB-Interventionen werden verweigert, um den Spardruck auf die Schuldenstaaten aufrecht zu erhalten. Das erfordert angesichts eines drohenden Euro-Kollapses eine luxuriöse Entspanntheit. Woher, fragt sich einer, dessen Heimatland es nicht mehr gibt, kommt dieses Selbstvertrauen, dass schon alles gut gehen wird? Weil wir Recht haben? Man will es nicht glauben.

"Wenn Südeuropa die Steuern erhöhen und Ausgaben streichen soll", wunderte sich kürzlich ein Redakteur der Washington Post auf Deutschlandbesuch, „wie soll dort Wirtschaftswachstum entstehen?“ Die Antwort der Deutschen sei simpel: So wie wir es getan haben – ob die Umstände nun vergleichbar sind oder nicht. Eine Gelassenheit, bilanziert der Autor, die er gern teilen würde. Dem Redakteur fehlte eben die Berieselung durch Guido Knopp und seine Elogen auf die letzten 60 goldenen deutschen Jahre. Wollen wir hoffen, er liegt trotzdem falsch.

Gut möglich, dass Deutschland stabil, demokratisch, offen, prosperierend und rational bleibt. Und gut, dass daran geglaubt wird – auch in der Krise. Nur ist die optimistische Unbeirrbarkeit, die Jürgen Klinsmann zur WM 2006 zur populärsten deutschen Sekundärtugend machte, nicht besonders beruhigend. Einstweilen wäre schon viel gewonnen, würde regelmäßig jemand Wichtiges einwerfen, dass wir für unsere schöne Demokratie weiterhin ernsthaft kämpfen müssen. Dass es 60 Jahre lang gut ging, sagt über unsere Zukunft nichts.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. und das Experiment EURO-Europa sind nicht identisch und nicht untrennbar verbunden.
    Das sollte man erkennen, dann wird klar, warum das Scheitern des Einen nicht das Scheitern des Anderen sein muss.
    Und die Demokratie steht ohnehin auf einem anderern Blatt, als die Eurokratie.

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Occupy
    • 22. Dezember 2011 19:10 Uhr

    Seit Einführung des Euro gab es (meines Wissens nach) eine jährliche Inflationsrate des "kleinen Warenkorbs" (für den Verbraucher relevant) von 8%, also eine durchschnittliche Verdoppelung der Preise innerhalb von 9 Jahren, und gleichzeitig ein Absinken der durchschnittlichen Gehälter um 0,4%. Also eine massive Ausbreitung der Armut in Deutschland. Nennen Sie das nun Aufschung? Seltsame Definition.

    ist der zweischneidige Einfluss der Globalisierung. Deutschland hat sich durch die Agenda 2010 besser auf diese Herausforderung eingestellt als der Rest der EU. Wie Lange das reicht weiss niemand. Die Gravitation zum niedrigeren gemeinsamen Nenner ist schockierend und kann bestenfalls abgemildert werden. Politiker, die gewohnt sind das Blaue vom Himmel zu versprechen sind ueberfordert und argumentieren mit "alternativlos". Man braucht sowohl Optimismus als auch Kreativitaet um diese Herausforderungen zu meistern.

  2. 2. Wurst

    Nazis, Krise, Europa, Untergang des Abendlandes Merkel, und nochmal Nazis: 'n bisschen viel was der Autor da in einem Artikel verwursten will. Und @reallast: der Aufschwung (!) Deutschlands, das Projekt Europa und €-Europa SIND untrennbar miteinander verbunden. Fällt eins weg brechen die anderen beiden über kurz oder lang zusammen.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Und @reallast: der Aufschwung (!) Deutschlands, das Projekt Europa und €-Europa SIND untrennbar miteinander verbunden. Fällt eins weg brechen die anderen beiden über kurz oder lang zusammen."

    Nichts als unplausible Behauptungen, die Welt geht nicht unter, wenns keinen Euro mehr gibt und ein Ende der real existierenden EU wäre längst keine Katastrophe, schon gar nicht für Deutschland. Na gut, das fantasielose politische Parlamentariervolk, welches sich pragmatisch nennt und nicht merkt, dass das mittlerweile ein Schimpfwort ist, müssten wir wohl austauschen...

    • sudek
    • 26. Dezember 2011 7:07 Uhr

    Es ist schon erstaunlich, welche lockerflockigen, unverantwortlichen Kommentare auf eine ernste Bedrohung durch rechte Gewalt und rechte Mörder hier zu lesen sind.

    Ich empfehle mal durch die brandenburgischen Orte direkt an der polnischen Grenze zu fahren und in die Gesichter zu schauen, in Supermärkte zu gehen, mit den Büprgermeistern zu sprechen...

    Da läuft es einem kalt den Rücken runter

  3. Aus meiner Sicht ein erster guter und diesmal auch authentischer Text von Herrn Bangel. Ein Text der nicht Stile kopiert, sondern jetzt mit einer echten Meinung im Raum steht. Die geforderte Wachsamkeit ist notwendig. Allerdings sind Panik und Pessimismus auch keine Lösungen. Es fehlt einfach eine auf breiter Ebene geführte gesellschaftliche Debatte, in der viele der Probleme offen angesprochen werden. Eine Debatte, die nicht nur von Parolen und Einzelfallbetrachtungen bestimmt ist.

    In Krisen neigen wir Menschen ja gern zur Polarisierung, dieses Phänomen ist vielleicht eine der größten Schwierigkeiten, weil sie Randpositionen stärkt. Wir sollten schauen, dass wir auch in diesen Zeiten verdichteter Veränderungsprozesse das Vertrauen in die Mitte nicht verlieren. Es gibt sehr viele Gründe, in Bezug auf die aktuelle Entwicklung nicht pessimistisch zu werden. Allein die junge europäische Generation, die jetzt irgendwo zwischen Schule und Master steckt, weiß die friedliche interkulturelle Luft, die sie atmet, sehr zu schätzen. Und sie ist nicht die einzige.

    4 Leserempfehlungen
  4. Dekoriert mit dem bereits einmal genutzten, spießigen Vorgartenfoto des NPD-Funktionärs, wird alles in ein Töpfchen geworfen und mehr Skepsis gefordert?

    Tut mir leid, aber das Süppchen ist versalzen, denn meiner Meinung nach haben die Themenkreise nicht zwingend miteinander zu tun und Mahner, Schwarzseher und Menschen, die die angeblich absturzschwangeren Verhältnisse beklagen, gibt es meiner Meinung nach in Deutschland schon viel zu viele.

    Und was der Optimismus mit der NPD und den Morden von den Zwikauer Tätern zu tun hat, wird bei all dem gar nicht klar. Aber scheint ein netter Aufhänger für die angeblich drohende Apokalypse zu sein, denn diesen Schlenker habe ich nun schon einige Male gelesen auch wenn er meiner Meinung nach sehr wenig her zu geben in der Lage ist.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wie kann man diesen gelungenen Aufruf zur Wachsamkeit denn missverstehen? Die Zeichen der Zeit müssen uns momentan nun einmal besondere Vorsicht walten lassen. Übersetzt man diese Zeichen nämlich und stellt sie in einen direkten Vergleich mit den letzten Jahren der Weimarer Republik, dann sollten nämlich bei jedem die Alarmglocken läuten.

  5. Redaktion

    Liebe/r christygoe,

    schade, dass ich nicht unterbringen konnte, was meine Sorge ist: Der unerschütterliche Glaube daran, dass die Bundesrepublik demokratisch und offen bleiben wird. Ich habe im Text auch versucht, deutlich zu machen, dass ein solcher Bruch nicht wahrscheinlich ist. Dass aber Sorge dennoch wichtig.
    Das mit Bild stimmt natürlich. Wir haben das geändert.

    Bestes,
    Christian Bangel

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und mit Verlaub - davon lebt das politische Kabarett der Bundesrepublik und diverse andere Mahner spätestens seit den 80ern, als vor Michael Kühnen, Hess-Gedenk-Märschen und was weiß ich noch allem ständig gemahnt und gewarnt wurde, dass die Bundesrepublik - damals noch ohne die DDR - wieder in wie auch immer geartete rechte Strukturen zurück fallen könnte.

    Vielleicht habe ich diese Sorge zu oft gehört und mußte sie in Schule und später in politischen Gremien durchdiskutieren, weil alles Gefahr und jegliches Verhalten ruchbar und mit Blick auf die Nazizeit verdächtig sein konnte.

    Vielleicht sind im Westen viele zu oft mit diesem Bild und diesen Ängsten umgegangen, ohne dass sich politisch oder gesellschaftlich etwas ins Rechte geändert hätte.

    Und vielleicht schätzen viele Menschen die Taten der Zwickauer Mörder auch als das ein, was sie sind - Mordtaten und nicht Vorboten einer rechten Terrorherrschaft mit Duldung der Bevölkerung.

    Ich jedenfalls bleibe wohl Optimistisch und kann die Sicht nicht nachvollziehen, was aber auch daran liegen kann, dass ich nie im Osten lebte und vielleicht ist das der Punkt, an dem das Verständnis hapert?

  6. "Dass es 60 Jahre lang gut ging, sagt über unsere Zukunft nichts."

    Wenn es etwas gibt, dass die DDR und Deutschland 2.0 (das Land, in dem Sie gerade leben) verbindet, dann ist es die konsequente Ausblendung der Realität durch die Politik und der gleichermassen konsequente Vertrauensentzug durch den Bürger.

    Ähnlich wie in der DDR bilden auch im wiedervereinigten Deutschland Ideologien, Wunsch- oder Zwangsvorstellungen zunehmend die Basis der politischen Entscheidungsfindung, und in beiden Ländern hat eine wachsende Anzahl an Bürgern das Gefühl, dass ihre Interessen in diesem Staat keine Berücksichtigung mehr finden.

    Das materielle Niveau ist zwar bedeutend höher, und es gibt ein Mehr an politischen Freiheiten - bzw. die Unfreiheiten sind bedeutend geringer - aber für die Entwicklung an sich sind diese Punkte weniger ausschlaggebend als die o.g. Aspekte.

    Was die Zukunft bringt: Eine zunehmende Verschärfung der bestehenden Probleme, dazu einige Neue, die gleichermassen ungelöst bleiben, sowie letztlich die Erkenntnis, dass es auch für das wiedervereinigte Deutschland einen point of no return gibt, jenseits dessen für Krisen keine Lösungen mehr existieren, sondern nur noch ein für die Bürger äusserst kostspieliger Kollaps des bestehenden Systems bleibt.

    Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen benötigt man keine Kristallkugel, es reicht, den status quo zu analysieren, bzw. festzustellen, was alles an Strategien zur Lösung der anstehenden Probleme nicht existiert.

    17 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Dr. No
    • 22. Dezember 2011 16:30 Uhr

    Sehr richtig.
    Die politischen Freiheiten, die Sie genannt haben werden bereits beschnitten und das Materielle Niveau wird auch weiter sinken.

    bzw Lösungsansätze gibt es viele, bloß werden sie nicht angewendet, im Interesse populärer bzw populistischer Symbol- und Symtombekämpfungspolitik.

    • Uh-Oh
    • 22. Dezember 2011 16:09 Uhr

    Sehr geehrter Herr Bangel,

    in letzter ZEIT finde ich wenige Artikel die zur Abwechslung einfach mal etwas in Frage stellen. Umso mehr freut mich ein Artikel wie dieser. Einfach mal tatsächliches Gedankengut anstatt Infotainment auf die Menschen loslassen.

    Gerne auch mehr detailliertere Ausführungen über z. B. die schwindende Demokratie bzw. Bürgerrechte. Oder den Euro.

    Ansonsten weiter so!

    PS:Vielleicht nächstes Mal besser nicht so viele Themen anreißen! Das macht meiner Meinung nach nicht den besten Eindruck.

    3 Leserempfehlungen
  7. Sowohl in der Außen-(EU), Innen-(Ach, es gibt nur die paar Glatzen...), als auch Wirtschaftspolitik(SOZIALE-Marktwirtschaft) ist momentan vieles was mal sicher schien ziemlich ins Schwanken geraten.
    Und das hängt durchaus alles miteinander zusammen, angefangen mit der immer deutlicher werdenden Globalisierung bis hin zu undemokratischen Gebaren in der europäischen Gemeinschaft.

    4 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service