Es war kurzzeitig wie im Stadion. Da sprangen Piraten von ihren Sitzen auf. Sie johlten und sie klatschten. Sie lagen sich in den Armen und schlugen vor lauter Freude einander ab. Dazu feixten sie und gestikulierten. Geballte Fäuste in der Luft. So sehen Sieger aus.

Doch nicht allen der 1300 Anwesenden in der Offenbacher Stadthalle war in diesem Moment nach Feiern zumute. Zwischen den vielen Jubelnden winkten etliche Mitglieder ab, schüttelten den Kopf oder spendeten abfällig Beifall. Diese Abstimmung hat den Parteitag bewegt, womöglich sogar eine Partei erschüttert.

Denn was sich hinter dem soeben beschlossenen Antrag "PA284" verbirgt, hat es in sich. Die Piratenpartei spricht sich nach einer hitzigen Debatte für die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommen aus . Ein Entschluss, der die Partei auf Jahre hinaus prägen wird. Er legt ihren sozialpolitischen Standort fest. Er schärft eine bisher wachsweiche Position im Programm der Piraten und ersetzt sie durch einen Beschluss, der diesen so sehr mit Emotionen besetzten Begriff enthält. Dazu hat jeder eine Meinung, manche auch gleich zwei, wie man an diesem Nachmittag in Offenbach hören konnte.

Dabei war klar, dass die Aussprache nicht ohne Streit ablaufen würde. Schon vor dem Parteitag war der Antrag diskutiert worden. Auf Twitter und in Foren der Piraten war von prinzipieller Ablehnung bis grundsätzlicher Zustimmung das ganze Meinungsspektrum vertreten – ein mögliches Abstimmungsergebnis am heutigen Tag unvorhersehbar. Gut in Erinnerung war vielen Piraten zudem der Chemnitzer Bundesparteitag vom Dezember 2010. Damals wurde ein Antrag zum Bedingungslosen Grundeinkommen stundenlang diskutiert und hinterher abgelehnt.

Chemnitzer Verhältnisse zeichneten sich auch in Offenbach ab. Hinter dem Mikrofon in der Hallenmitte bildete sich eine lange Schlange. Etwa 70 Wortmeldungen gab es. Die Leitung des Parteitages beschränkte die Redezeit auf kompakte 60 Sekunden. Rasch schloss sie die Rednerliste.

Für oder dagegen, schnell wurde klar, dass es kaum Zwischentöne geben würde. Es gehe nicht an, dass Kinder zum Essen zur Tafel gehen müssten, sagte einer, in einem Land, das so "kackreich ist wie Deutschland". Ein andere Pirat sprach von einer "sozialen Ausgrenzung", die Hartz-IV-Empfänger erleiden würden. Schon allein deshalb sei er für das Bedingungslose Grundeinkommen. Ein junger Pirat sprach von der "allgemeinen Menschwürde". Es sei schlichtweg falsch, davon auszugehen, dass Menschen nur faul rumliegen, würden sie ein Bedingungsloses Grundeinkommen beziehen. Er rief seinen Parteifreunden zu: "Was habt Ihr für ein negatives Menschenbild?"

Kein Beitrag blieb umkommentiert. Applaus, Pfiffe, Buh-Rufe. Als eine Gruppe Piraten damit begann, die letzten Sekunden der Redezeit einiger Piraten laut herunterzuzählen, um damit ihre Ablehnung zu zeigen, reichte es der Parteitagsleitung. "Noch einmal und ihr fliegt raus", hieß es vom Podium.

Der Furcht vor einer Spaltung wollte man umgehend entgegentreten

Die Gegner des Grundeinkommens warfen den Befürwortern Effekthascherei vor. "Wer für das Bedingungslose Grundeinkommen ist, unterschätzt die Faulheit der Menschen und ist ein Populist", sagte einer. Es sei utopisch, nicht zu finanzieren und würde den gesellschaftlichen Frieden bedrohen. Die Motivation arbeiten zu gehen, verschwinde. "Das ist ein Schritt in Richtung Kommunismus", klagte eine Frau. Eine andere empfand den Schritt, die Einführung des Grundeinkommens ins Wahlprogramm zu schreiben, als verfrüht. "Wir brauchen zunächst eine internationale Vernetzung, um zu klären, was möglich ist. Allein geht es nicht", sagte ein Pirat.

Das Abstimmungsergebnis spiegelte die Diskussionslage wider: Am Ende waren es 756 Ja-Stimmen. 374 Piraten stimmten mit Nein. Die Zweidrittelmehrheit war erreicht, mit 66,9 Prozent denkbar knapp.

Doch der Jubel wich schnell. Vor allem in der Parteiführung. Der Furcht vor einer Spaltung wollte man umgehend entgegentreten. Einige Piraten hatten mit dem Parteiaustritt gedroht für den Fall, dass man sich das Thema Grundeinkommen zu eigen mache. Auch deshalb betonte die politische Geschäftsführerin Marina Weisband, dass der Antrag lediglich besage, dass man im Falle einer Regierungsübernahme eine Enquetekommission einsetzen wolle. Diese würde dann die Chancen der Einführung eines Grundeinkommens ausloten. Erst dann würden die Piraten den Wähler mittels Volksbefragung entscheiden lassen. Viel Konjunktiv also. Weisband fasste das so zusammen: "Die Debatte ist nicht vorbei." Sie selbst habe gegen den Antrag gestimmt: "Mir war die Debatte zu kontrovers. Ich hätte gerne mehr Leute mitgenommen."

Auch der Parteichef Sebastian Nerz war über den Entscheid unglücklich. Es sei "insgesamt sehr schade". Gleichzeitig war er auch um Beschwichtigung bemüht: "Wir sind eben eine offene Partei", sagte er. Da könne vieles passieren, ob es einem passe oder nicht.