Als die junge Frau aus Russland ans Mikrofon tritt, wird es plötzlich ganz still im Saal. Das ewige Klappern der Tastaturen, das Dauer-Piepen der Handys, alle Gespräche: wie abgestellt. Es ist Sonntag, der Parteitag der Piraten in Offenbach ist noch in vollem Gange, als Lola Voronina zu reden beginnt: "Freunde, Bürger, Piraten, während ihr Euch hier versammelt, seid Ihr keine Partei. Ihr seid das Flaggschiff einer internationalen Gemeinschaft von Freiheitskämpfern." Krachender Applaus. Auch weil die Zuhörer wissen, dass die russischen Piraten in ihrem Heimatland offiziell nicht als Partei anerkannt sind. Ihr Name umschreibe ein Verbrechen, heißt es in einer fadenscheinigen Begründung Moskaus.

In Offenbach schwärmte Lola Voronina von der Freiheit und der Gleichheit im Netz, von den "weisen Entscheidungen" der deutschen Piraten. Die waren sichtlich gerührt. "Liebesgrüße aus Moskau", twitterte einer .

Tatsächlich gelten die deutschen Piraten im Ausland als großes Vorbild. Gemeinsam mit den Kollegen aus Schweden verfügen sie über die wohl besten Strukturen. Die meisten Mitglieder, die meisten Mandate und die besten Zustimmungswerte haben sie außerdem. Auch deshalb waren auf dem Parteitag in Offenbach viele Piraten aus anderen Ländern zu Gast. Zusammengebracht von der Pirate Parties International (PPI) waren sie gekommen, um zu lernen. So wie Lola Voronina aus Moskau, die stellvertretende Vorsitzende der russischen Piratenpartei, die keine Partei sein darf.

Oder wie Yiannis Panagopoulos. Auch der 31-jährige Grieche hat sich in Offenbach umgeschaut und war begeistert vom "Spirit of Offenbach". Auch in seinem Heimatland wächst die Bewegung. Im Januar soll die offizielle griechische Piratenpartei gegründet werden. 200 Unterschriften von Wahlberechtigten, eine Satzung und die Bewilligung des Obersten Gerichts brauchen Panagopoulos und seine Mitstreiter dafür. "Kein Problem", sagt er und fügt sofort hinzu: "Wir wollen es aber ganz langsam angehen lassen."

"Ich fühle mich nicht wie ein Politiker"

Für Panagopoulos begann alles mit dem Aufbau einer Website. Inspiriert von den Wahlerfolgen der schwedischen Piraten 2009 sicherte er sich die Website www.pirateparty.gr . Doch es war keineswegs so, dass er sich nun in die Parteiarbeit stürzte. Er dachte noch nicht einmal daran. Auf seiner Seite veröffentlichte er eigene Beiträge, Dokumente sowie Artikel, die ihn interessierten, aber zugleich Kernthemen der Piraten sind: Transparenz, Informationsfreiheit, freier Austausch von Wissen. Von organisierter Politik jedoch keine Spur. Und auch heute noch sagt Panagopoulos: "Ich fühle mich nicht wie ein Politiker."

Doch Panagopoulos hat schnell gemerkt, dass er nicht allein ist. Die Anzahl der Seitenbesucher stieg an, auch die Kommentare wurden mehr. In Athen und Thessaloniki, den beiden größten Städten Griechenlands, entstanden Stammtische, an denen sich die Aktivisten austauschten. Derzeit nehmen etwa jeweils 40 Leute daran teil. Welchen Einfluss dabei Erfolge ausländischer Piraten haben, konnte Panagopoulos zuletzt im September beobachten. Die Zugriffe auf seine Homepage verdoppelten sich am Tag, als die Berliner Piraten in das Abgeordnetenhaus einzogen. Danach gab es wieder neue Gesichter am Stammtisch.

"Das Interesse ist da", sagt Panagopoulos. Er führt das auch darauf zurück, dass die Griechen ihr Vertrauen in die etablierten politischen Kräfte verloren hätten. Sie stünden neuen Bewegungen prinzipiell offen gegenüber. Doch Panagopoulos macht ihnen keine Versprechungen. Schon gar nicht hat er eine Lösung auf die griechische Wirtschaftskrise parat. "Wir wollen mit mehr Transparenz das Problem der Korruption lösen", sagt er dazu. "Wenn man etwas ändern will, dann muss man eben dabei sein."