Die Piraten sind stolz auf ihre Wendigkeit. Ein fixer Antrag hier, eine neue Aktionsgruppe, eine spontane Kampagne dort: Basisdemokraten geben sich beweglich und meinungsfreudig. Immer und überall. Einmal mehr hat das heute Mittag eine Gruppe bayrischer Piraten bewiesen. Über Nacht ließen sie Protest-T-Shirts drucken. Der Beschluss des Parteitags von gestern, die Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommen einzufordern, hat sie aufgebracht. So wie viele süddeutsche Piraten sind die jungen Leute aus Bayern strikt gegen das Grundeinkommen. "Wir wollten eine überspitzte Gegenreaktion machen", sagt einer aus der Gruppe. Alle 20 T-Shirts seien ihnen "aus den Händen gerissen" worden. Der Aufdruck ist eindeutig: "BGE – Blauäugig, Gutgläubig, Einfältig!"

Ein kurzer Protest gegen die eigene Partei. Er zeigt im Kleinen die Reibungshitze, die die junge Partei aushalten muss. Ohne zu verbrennen, will sie die permanente Offenheit und die uneingeschränkte Transparenz aushalten. Ob bei Themen, Personal oder in den Diskussionen – Piraten ringen ständig um ihre Produktivität. Das ist anstrengend. Zu sehen ist dies an diesem zweiten Tag des Bundestreffens in Offenbach.

Besonders der Vormittag verlief zäh. Immer wieder streckten Piraten ihre grünen und roten Stimmkarten gleichzeitig in die Luft – als Zeichen für einen Antrag zur Geschäftsordnung. Fast immer folgte einer solchen Meldung ein kollektives Aufstöhnen oder ein Kopfschütteln. Insbesondere wenn geheime Abstimmungen gefordert wurden.

Piraten müssen auf ihr Budget achten

Denn jeder Antrag kostet Zeit und, vor allem: Geld. Dabei muss die chronisch klamme Kleinpartei ihre Ausgaben stets im Auge haben. Allein die Ausrichtung des Offenbacher Parteitages kostet die Partei nach eigenen Angaben über 40.000 Euro – und das bei einem Jahresgesamtbudget von 140.000 Euro. Verständlich , dass da der Versammlungsleiter immer wieder aufs Tempo drückte: "Die Halle kostet uns pro Stunde etwa 600 Euro", rief er in den Saal.

Bereits am Samstag waren wichtige Themenblöcke auf der Strecke geblieben : Wirtschaft und Finanzen nur angerissen, Bauen und Verkehr sowie Umwelt und Energie musste der Parteitag aus Zeitgründen zunächst auslassen. Und auch heute gingen regelmäßig Anträge zur Geschäftsordnung bei der Parteitagsleitung ein. "Die typische GO-Schlacht", kommentierte das ein Pirat auf Twitter. Redelisten mussten rasch geschlossen werden und die Redezeit betrug nicht mehr als 60 Sekunden, woran sich nicht alle Piraten hielten. "Ihr macht es uns heute nicht einfach", sprach da der Versammlungsleiter ins Mikrofon. "Dann such dir eine andere Versammlung!", entgegnete ihm ein Pirat aus der Menge.

Auch das mediale Aufkommen brachte bisweilen Unruhe ins Plenum. Über 180 Journalisten hatten sich akkreditiert; alle großen Fernsehstationen hatten ihre Kameraleute losgeschickt, um stimmungsvolle Bilder einzufangen. Als ein Kameramann eines Privatsenders während einer geheimen Abstimmung filmte, kam es zu Tumulten. "Hausverbot, Hausverbot" tönte es durch die Halle. Ein Pirat verdeckte mit seiner flachen Hand das Objektiv der Kamera. Der Mann vom Fernsehen dürfe dann natürlich im Saal bleiben.

Auch der eigene Bundesvorsitzende bekam Kontra. Sebastian Nerz ließ sich vor der Bühne im Scheinwerfer der Kamera interviewen. Im Hintergrund die großen Piratenflaggen und die Leinwand mit dem Programm. Dem Versammlungsleiter gefiel dies gar nicht. "Lieber @tirsales (Nerz’ Twitter-Name), ich möchte Dich bitten, Deine Interviews in der Halle zu unterlassen. Wir müssen hier arbeiten. Vielen Dank." Nerz brach das Gespräch ab und ging hinaus.