Die Analyse des Piratenparteitags fiel eindeutig aus: Ihre liberale Bürgerrechtspolitik haben die Piraten in Offenbach durch eine klar linke Sozialpolitik ergänzt, so deuteten es etliche Beobachter. Denn die einstige Internetpartei hatte die Forderung nach Grundeinkommen zur Parteilinie erhoben , sie sprach sich gegen Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger aus und für frei zugängliche Drogen. Sind die Piraten also am vergangenen Wochenende nach links gerückt?

Wer diese Frage einem Piraten stellt, fängt sich meist Schelte ein. Vehement wehren sich Mitglieder und Parteiführung gegen ein solches Etikett, sie lehnen jegliche Verortung in herkömmliche Links-Rechts-Schemata ab. Von einem Linksruck könne keine Rede sein, beteuert Parteichef Nerz, der die Piraten als die Partei der Bürgerrechte und "liberale Kraft in Deutschland" sieht. Das klingt nach der Furcht, im Schlagschatten anderer linker Parteien zu verschwinden. Frei ist derzeit immerhin nur der Platz der FDP – wenn man auf die Umfragen schaut.

Und in der Tat: Bislang entzogen sich die Piraten erfolgreich der Einpassung in existierende Schablonen. Wofür steht die Partei, abgesehen von ihren Kernthemen Netzpolitik und das Transparenzversprechen? Das war vor dem Parteitag oft genug kaum auszumachen. In ihrem Piratenwiki debattieren Mitglieder und Interessierte Positionen zu einer schier unendlichen Themenfülle. Für und gegen Griechenland-Hilfen, für und gegen Mindestlöhne – eine Tendenz war bei etlichen Themen lange nicht erkennbar, auch vor den Abstimmungen auf dem Parteitag nicht.

Das ist jetzt anders. Mit ihren Beschlüssen zum bedingungslosen Grundeinkommen, der doppelten Staatsbürgerschaft, ihren Plädoyers für Europa und einem Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr haben sich die Piraten klarer denn je verortet. Und ob sie es wollen oder nicht, sie stehen damit zumindest weiter links als die derzeitige FDP.

Die Partei argumentiert, dass sie das alte Links-Rechts-Schema überwunden habe. Das mag zukunftsweisend sein, doch der Realität in Deutschland entspricht es (noch) nicht. Auch heute noch gehört es zur Sozialisation der meisten Jugendlichen, sich irgendwann politisch zu verorten, links, konservativ oder was auch immer. Links-Rechts-Schablonen sind nicht einfach bloß eine Erfindung der Medien oder der Politikwissenschaft. Sie sind real.

Das alles könnte den Piraten gleichwohl egal sein, würden sie nach dem Wahlerfolg in Berlin nicht zu höheren Zielen streben. Der Bundestag soll es 2013 sein, und davor noch das ein oder andere Landes- oder Kommunalparlament.

Und genau da wird politische Einordnung so wichtig. Nicht nur, weil die wenigsten Wähler Wahlprogramme komplett durchlesen, sondern vor allem, weil eine Partei, die mehr sein will als bloß eine vorübergehende Erscheinung, verlässlich auch in Fragen sein muss, die sich heute noch gar nicht stellen. Wie CDU und SPD, Grüne, FDP und Linke seinerzeit auf die Finanzkrise reagierten, ließ sich einigermaßen abschätzen, obwohl vieles an dieser Krise völlig neu war. Auch wie diese Parteien auf tatsächliche oder scheinbare Bedrohungen reagieren, ist halbwegs klar.

Doch wie würden die Piraten auf heute nicht absehbare Probleme und Krisen reagieren? Was wären ihre Antworten? Aus welchem Fundus würden sie sich mit Ideen bedienen? Die Ergebnisse des Offenbacher Parteitages legen nahe: aus dem linken. Doch diese Vermutung, so sie denn überhaupt stimmt, kann den Wählern der Piratenpartei auf Dauer nicht ausreichen. Sie dürfen erwarten, von "ihrer Partei" auch nach einer Wahl nicht völlig vor den Kopf gestoßen zu werden.

Die Piraten müssen sich entscheiden, wo genau sie stehen. Noch scheuen sie diese Festlegung, was unter anderem dazu führt, dass zwielichtige Leute wie Bodo Thiesen noch immer Mitglied der Partei sind. Ein Dauerzustand kann das nicht sein.