Am Tag nach dem überraschenden Rücktritt von FDP-Genralsekretär Christian Lindner analysieren Politikbeobachter die Folgen für die Partei und ihre Führung. Die Welt bedauert den Rücktritt und beschreibt die Nöte des Parteivorsitzenden Philipp Rösler: "Nur Monate nach dem kometenhaften Aufstieg der beiden Ausnahmetalente ist von beiden und der Partei nur mehr ein Trümmerhaufen übrig." Im Kontrast zu Westerwelle, Niebel oder Brüderle "wirkten die beiden grazilen Jünglinge habituell und kulturell wie Antithesen zum existierenden Parteiestablishment". Doch sei "der Zauber der genialischen jungen Männer" im Nu verfolgen. Wenig aus ihrem Ideenlabor habe im Alltag der Parteizentrale überlebt. "Uninspirierte Apparatschiks, mediokre Bürokraten und eine unflexible Personalpolitik" hätten den von Lindner angestoßenen Aufbruch verhindert, meint der Autor der Welt.

 "Einiges spricht dafür, dass Lindners Rücktritt nicht ein Bauernopfer ist", analysiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Er sei "das Damenopfer, mit dem eine Diskussion über den missglückten Führungswechsel und den unglücklich agierenden Vorsitzenden verhindert werden soll". Dass Lindners Rücktritt den König – also Rösler – vor dem Fall rettet, bezweifelt die FAZ: "Eher wirkt sein Abgang wie das Eingeständnis, dass der Führungswechsel im Mai, der sich im Kern auf die Ablösung Westerwelles als Vorsitzender beschränkte, missglückt ist." Weit und breit sei in der FDP niemand zu sehen, der ein Lindner vergleichbares intellektuelles Profil hätte. Bei Rösler habe sich gezeigt, "dass er es nicht kann, weder als Chef der Partei noch als Wirtschaftsminister".

Zwei feindliche Lager in der FDP sieht die Tageszeitung (taz) aus Berlin: "Dort der Brüderle-Flügel der mittelständischen Unternehmer, die von ihrer Führung handfeste Steuererleichterungen einfordern. Hier die zu früh an die Macht gekommenen Mittdreißiger, die ihre Partei thematisch verbreitern wollen, aber selbst nicht recht wissen, was das heißen soll." Für Lindner habe es in diesem Machtkampf nichts mehr zu gewinnen gegeben. Sein Rücktritt schwäche die Rösler-Fraktion, statt Druck von ihr zu nehmen. Die Macht des Fraktionschefs Brüderle werde zunehmen und Röslers Tage als Parteichef seien bald gezählt – spätestens nach der nächsten Landtagswahl, die im Mai in Schleswig-Holstein stattfindet.

Schlimmer geht's nimmer, reimt die Wiener Zeitung Die Presse: "Die viel zitierte 'Boygroup' (...) gab noch einmal Anlass zur Hoffnung. Nun ist klar: Die Wende ist missglückt." Für den Rücktritt gebe es persönliche Gründe: "Schon länger ist Lindners Verhältnis zu Rösler getrübt." Auch der größte Optimist müsse nun Dramatisches für die FDP befürchten: "Dass Rösler der Neubeginn diesmal gelingt, ist angesichts seiner bisherigen Performance als Parteichef nicht zu erwarten.»

Baldiges Ende der Koalition

"In Lebensgefahr" sieht die Rheinische Post die FDP: Lindners Rücktritt belege das Scheitern der liberalen Boygroup: "untereinander zerstritten, zuletzt spinnefeind, von den großen Linien überfordert, vom Alltag zermürbt". Rösler sei mit seinen Aussagen zum FDP-Mitgliederentscheid über den Euro wie ein "Mini-Putin" aufgetreten, "der Wahlergebnisse kommentiert, bevor die Stimmen ausgezählt sind". Rösler sei kein Gestalter mehr, sondern gehetztes Wild. Lindner dürfte Rösler mit seinem Rücktritt deshalb nur einige Tage oder Wochen voraus sein. Übrig blieben danach nur noch Gesundheitsminister Daniel Bahr und Fraktionschef Rainer Brüderle, schreibt das Düsseldorfer Blatt.

Die Süddeutsche Zeitung spekuliert über das baldige Ende der schwarz-gelben Koalition: "Die Zeit dieser FDP ist vorbei." Die Partei könne die Buchstaben "i.L." hinter ihren Namen schreiben: "in Liquidation". Ihr letztes Kapital sei die Jugend ihrer Führung gewesen: "Sie hat auch dieses Kapital noch verspielt." Lindner sei als Generalsekretär fast damit ausgelastet gewesen, "seinen untauglichen Parteichef Rösler und dessen im Außenministerium schwadronierenden Vorgänger Westerwelle nach außen zu verteidigen".

Die Berliner Zeitung erlebt "eine gespenstische Uraufführung": Seit gestern regiere eine Koalition der Lebenden und der Toten. Die Verantwortung für den immer rapideren Niedergang der FDP trage nicht allein der Generalsekretär, "sie trifft nicht weniger den Chef". Die Partei habe jegliches Ansehen in der Bevölkerung verspielt und ihre Existenzberechtigung als Regierungspartei verloren. Rösler solle sich zurückziehen und dem "schauerlichen Spiel" von Schwarz-Gelb endlich ein Ende machen.