Ein Generalsekretär, der als Hoffnungsträger gilt und die Brocken hinwirft . Eine Regierungspartei, von der man nicht weiß, ob sie überhaupt noch mitregiert. Ein Vizekanzler ohne Autorität. Ein Parteichef, der nicht vermittelt, wohin er führen will. 65.000 Mitglieder, die zu lustlos, zu ausgezehrt oder zu desillusioniert sind, um einem Mitgliederentscheid, bei dem die Zukunft ihrer Partei auf dem Spiel steht, das notwendige Quorum zu verschaffen: Ist das noch eine Krise oder löst sich die FDP bereits auf?

Die Liberalen gehen so in das Jahr 2012, wie sie auch schon in das Jahr 2011 gegangen sind – mit einer offenen Führungsfrage. Vor zwölf Monaten personifizierte Guido Westerwelle den spektakulären Machtverfall seiner Partei. In einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Ignoranz hatte der FDP-Vorsitzende den historischen Wahlsieg der Liberalen vom Herbst 2009 in einen so rapiden Niedergang verwandelt, dass er den Chefsessel räumen musste. Sein Nachfolger hat die Krise geerbt und bis heute keinen Ansatz gefunden, sie zu beenden. Der überraschende Rücktritt von Christian Lindner rückt den Vorsitzenden nun ins Scheinwerferlicht. Nur ist nicht viel von ihm zu sehen. Sieben Monate nach seinem Amtsantritt ist Philipp Rösler im Chefsessel verschwunden.

Zu jung, zu unerfahren und von der Überforderung zerschlissen

Der Übergang von Westerwelle zu Rösler entpuppt sich als ein Wechsel vom Übermütigen ins Mutlose, vom Lauten ins Kleinlaute, vom Mann, der zu viel wollte, zu einem, von dem niemand weiß, was er will.

Einen entscheidenden Unterschied zwischen der Stimmung Ende 2010 und Ende 2011 gibt es aber: Vor einem Jahr konnte die FDP ein paar Hoffnungsträger aufweisen, die das Versprechen eines baldigen Aufbruchs verkörperten. Zwölf Monate danach sind die Erwartungen verflogen. Zu jung, zu unerfahren und zugleich schon von der Überforderung zerschlissen: Die Hoffnungsträger haben sich binnen Jahresfrist in Elendsverwalter verwandelt, Lindner hat sich sogar einstweilen verabschiedet. Woher also soll Rettung kommen?

Die Zweifel an Rösler wachsen, weil er immer neue Fehler begeht, sich und seine Partei ohne Not in Bedrängnis bringt. Den Mitgliederentscheid zum permanenten Rettungsfonds ESM erklärte der Vorsitzende vier Tage vor der Zeit per Zeitungsinterview für gescheitert, das notwendige Quorum werde nicht erreicht. Mit diesem ebenso ungeschickten wie undemokratischen Akt vertieft er den Graben zwischen ESM-Gegnern und -Befürwortern in der FDP. Ausgerechnet der Vorsitzende hat also die Geschlossenheit verhindert, die mit der Entscheidung, die an diesem Freitag offiziell verkündet wird, wiederhergestellt werden soll.

Ähnlich fragwürdig handelte Rösler in der Vorbereitung des Dreikönigstreffens, mit dem die FDP am 6. Januar traditionell das politische Jahr beginnt. In dem Maße, in dem die junge Führung hinter den Erwartungen zurückblieb, wuchs der 66-jährige Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle zum starken Mann heran. Bei der Dreikönigskundgebung im kommenden Jahr will sich die FDP nun aus der Krise katapultieren, wieder einmal. Brüderle soll dort aber nicht reden. Die FDP kämpft um ihr Überleben – und nicht ihr aktuell stärkster Mann kommt zum Einsatz, sondern das Quotenkiller-Duo Birgit Homburger/Dirk Niebel. Welcher Chef lässt so etwas zu? Nur einer, der Konkurrenz fürchtet.