In Deutschland nimmt die Diskriminierung von Minderheiten zu. Eine Forschergruppe um den Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer beschreibt eine zunehmende Spaltung einer durch andauernde Krisen verunsicherten Gesellschaft. Entsicherung, Richtungslosigkeit und Instabilität seien zur "neuen Normalität" geworden, heißt es in der Langzeitstudie Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

In allen sozialen Gruppen sei die Nervosität gestiegen, Abstiegsangst sei weit verbreitet, die Ungleichheit habe zugenommen. Die Forscher beobachteten eine Abwertung von Langzeitarbeitslosen, Hartz-IV-Empfängern, Zuwanderern, Homosexuellen und Behinderten. Sie hat demnach seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 zugenommen. Der Soziologe Heitmeyer spricht von einer "explosiven Situation als Dauerzustand".

Verstärkt wird das soziale Auseinanderdriften nach seinen Erkenntnissen durch das Verhalten der Besserverdienenden, die sich nicht mehr an der im Grundgesetz festgeschriebenen Maxime "Eigentum verpflichtet" orientiere. Stattdessen beobachtet er bei ihnen eine "rohe Bürgerlichkeit", die sich "bei der Beurteilung sozialer Gruppen an den Maßstäben der kapitalistischen Nützlichkeit, der Verwertbarkeit und Effizienz orientiert und somit die Gleichwertigkeit von Menschen sowie ihre psychische wie physische Integrität antastbar macht." Nach dieser rein auf wirtschaftlichen Nutzen ausgerichteten Logik würden etwa Hartz-IV-Empfänger und Langzeitarbeitslose als "Nutzlose" und "Ineffiziente" diskriminiert.

Angesichts dieser Einstellung warnt Heitmeyer vor einem "Klassenkampf von oben". Maßgebliche Teile der Eliten und Besserverdienenden würden sich aus der Solidargemeinschaft stärker zurückziehen, hatte der Sozialforscher dem Spiegel gesagt. "Die zunehmende Spaltung zersetzt das Miteinander, die Gesellschaft ist vergiftet", sagte er dem Magazin. Die Angst vor dem eigenen Abstieg veranlasse dazu, andere Menschen abzuwerten.

"Zehn Prozent denken rechts"

Diese Abwertung beobachtet Heitmeyer auch bei anderen Minderheiten, insbesondere Einwanderern und Muslimen. Immer weniger Menschen wollten in Regionen mit vielen Moslems leben. Mehr als 50 Prozent hätten damit Probleme. Zugleich beobachtet der Sozialforscher eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. "Etwa zehn Prozent der Deutschen denken durch und durch rechts", sagte Heitmeyer. Das sei ein Anstieg um sechs Prozent in den vergangenen sieben Jahren.

Das rechtspopulistische Potenzial ist der Studie nach seit 2003 zwar insgesamt gesunken. Heitmeyer sieht aber "ernste Warnsignale" für eine größere Anfälligkeit für Rechtspopulismus. In einer repräsentativen Umfrage seiner Studie stimmte etwa jeder Zweite der Aussage zu, Deutschland werde "in einem gefährlichen Maß überfremdet". Verantwortlich für diese gestiegene Anfälligkeit seien die ungelösten Finanz-, Wirtschafts-, Fiskal- und Schuldenkrisen. Sie hätten das Vertrauen in die Politik geschwächt und ein Gefühl der Machtlosigkeit ausgelöst.