Immerhin, die Kanzlerin weiß noch, woran sie ist. Öffentlich tut sie jedenfalls so: Angela Merkel bescheinigte Bundespräsident Christian Wulff am Montag "hervorragende Arbeit" und ihr "vollstes Vertrauen". Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff betonte: "Ich kenne Christian Wulff seit 20 Jahren und weiß, dass er ein ganz solider und integrer Politiker ist."

Wirklich?, fragen sich viele Bürger. Der ehemalige niedersächsische Regierungschef hat schließlich von einem Unternehmerehepaar einen günstigen 500.000 Euro-Privatkredit angenommen. Dennoch will er zu diesem Zeitpunkt keine "geschäftliche Beziehung" zu Egon Geerkens unterhalten haben. Wulff verbrachte mehrfach seinen Urlaub in den Villen der Geerkens oder anderer Geschäftsleute . Laut seinen Anwälten hatten die insgesamt sechs Reisen "keinen Bezug zu seinen öffentlichen Ämtern". Reicht das aus als Erklärung?

Die Wulff-Affäre wirft viele Fragen auf, für die es bisher keine befriedigenden Antworten gibt: Ist das Gewähren eines Privatkredits unter Freunden in jedem Fall als Vorteilsnahme zu werten – nur weil der Begünstigte ein Amtsträger, in diesem Fall Ministerpräsident, ist? Ist es für die moralische Bewertung des Falles relevant, dass Egon Geerkens und Christian Wulff tatsächlich seit Jahren einander eng verbunden sind? Ist es wichtig, dass der Kredit von Egon Geerkens oder doch "nur" von seiner Frau stammte? Er hatte Wulff schließlich auf mehreren, als Ministerpräsident unternommenen Reisen begleitet. Ob Egon Geerkens, der mit Schrott und Schmuck sein Vermögen gemacht hat, persönlich oder geschäftlich wirklich einen Vorteil daraus zog, ist nicht bekannt.

Ebenso unklar ist die Bewertung von Wulffs Urlaubsreisen. Darf sich ein Ministerpräsident von wohlhabenden und wirtschaftsnahen Freunden einladen lassen? Gibt es Parallelen, gibt es qualitative Unterschiede zu Lothar Späth, der wegen einer gesponsorten Ägäis- Kreuzfahrt 1991 als baden-württembergischer Regierungschef zurücktreten musste? Oder zu Joschka Fischer, der als Außenminister 2004 in einer mallorquinischen Villa von Allianz-Vorstand Paul Achleitner urlaubte?

Die Opposition weiß nicht, was sie fordern soll

Die Opposition jedenfalls traut sich im Fall bislang nicht so richtig aus der Deckung. Sie verlangt lediglich lautstark mehr Aufklärung vom Bundespräsidenten und doziert über die Vorbildfunktion, die das Staatsoberhaupt haben sollte. Nur sehr wenige Politiker forderten bisher von Wulff, dass er "persönliche Konsequenzen" ziehen solle, wie es der FDP-Abgeordnete Thomas Dechant am Montag formulierte.

Es ist bizarr: Der Skandal ist längst da , er dominiert die Schlagzeilen, doch kaum jemand vermag ihn rechtlich und moralisch einzuordnen. Was genau ist Christian Wulff vorzuwerfen? Die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International beschränkt sich bisher darauf, vom Bundespräsidenten mehr Aufklärung zu fordern. Sie will erst einmal die weiteren Entwicklungen abwarten, bevor sie sich positioniert.

Auch LobbyControl-Mitarbeiter Timo Lange ist vorsichtig, er spricht von einer "kniffligen Frage". Moralisch sei für ihn der Fall zwar klar. Ein Amtsträger solle in jedem Fall den Anschein von Vorteilsnahme vermeiden, auch wenn er mit Vertretern der wirtschaftlichen Elite schon lange befreundet sei. Die Vorwürfe an Wulff schadeten schon jetzt auch dem moralisch bedeutsamen Amt des Bundespräsidenten. Sollte das Staatsoberhaupt deswegen zurücktreten? Lange seufzt: Es sei schwer, sich festzulegen.

"Hauskauf rechtlich zumindest dubios"

Rechtlich gesehen wird der Fall noch schwieriger: Wo fängt Korruption an? Grundsätzlich liege Vorteilsnahme vor, wenn "Geld oder ein geldwerter Vorteil an ein konkretes Versprechen geknüpft ist", sagt Lange. Doch das Versprechen müsse eben auch nachweisbar sein.

Der Göttinger Staatsrechtler Werner Heun sieht das anders. Er glaubt, dass Wulff sich durchaus strafrechtlich angreifbar gemacht hat. Auch das Gewährleisten von Vorteilen für die "allgemeine Klimapflege" seien sanktionierbar, sagt Heun. Unter dem juristisch abstrakten Begriff der "Klimapflege" könne zum Beispiel durchaus fallen, dass Unternehmer Geerkens Wulff auf staatlichen Wirtschaftsdelegationen begleitete. Die vergünstigte Kreditabgabe sei in jedem Fall "rechtlich dubios" gewesen, findet Heun. Schwieriger sei ein juristisches Urteil bezüglich der Urlaubsreisen, eben weil sie im Privaten stattgefunden hätten.