Politischer Witz: Die mit dem Wulff heulen
Dank der Wulff-Affäre hat der politische Witz Hochkonjunktur. Christiane Peitz über die Funktion von Humor in Skandal- und Krisenzeiten der Demokratie.
"Liebling, ich habe die Würde des Amtes geschrumpft." Das Internet ist voll von Wulff-Witzen, allein die auf den Präsidenten gedrehten Filmtitel sind Legion. Von "Einer flog über das Eigenheim" über "Jäger des verlorenen Anrufs" und "ABeowulff" bis zu "Ich weiß, was du letzten Sommer gekriegt hast" sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
Ein Phänomen, mit dem sich auch seriöse Nachrichtensendungen befassen.
Wer die Macht hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Schon Catull belustigte sich über Caesar. Der Spott gehört seit Alters her zur Politik, als scharfe Waffe der Demokratie ebenso wie als Instrument zur Selbstermächtigung der Bürger in Diktaturen: ein Selbstheilungsmittel mit kathartischer Wirkung. Liebling, ich habe die Würde des Amtes geschrumpft? Dann holt sich der Wähler die Würde eben zurück und reagiert auf die Respektlosigkeit, mit der ausgerechnet der Bundespräsident der Meinungs- und Pressefreiheit begegnet, seinerseits mit Häme. Der soll die Grundrechte schützen? Schützen wir sie besser vor ihm.
Die Würde des Amtes klingt immer mehr nach Konjunktiv.
Schriftsteller Peter Glaser
Wir sind der Souverän, wir sind das Volk, deshalb sind wir so frech. Man erschrickt vor der klaffenden Lücke zwischen dem ranghöchsten Amt im Staate und der unsouveränen Person, die es innehat, und füllt die Distanz mit gewitzten Interventionen. "Die Würde des Amtes klingt immer mehr nach Konjunktiv", twittert der Schriftsteller Peter Glaser. Oder: "'Ganz oben!' Günter Wallraff ist Christian Wulff". Der Eigenheim-Kredit, das biedere Eigenheim selber, der Präsident als Grundstücksverpächter für eine Tanke in Westerkappeln, die Mailbox-Wutattacke, es wirkt alles so kleinkariert, eines Großen nicht würdig. Falsches Format: Der Witz macht das Unangemessene kenntlich, die Fallhöhe, von der aus da einer stürzen könnte.
No jokes with names. Die gute alte Regel ist mit den "Wulff im Schafspelz"-Pointen außer Kraft gesetzt. Nicht nur die Zote, auch der gewöhnliche Witz ist triebgesteuert, wie Sigmund Freud in "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten" bemerkte. Wie kann man nur so dämlich sein und dem Bild-Chef auf Band brüllen oder dem Landtag einen Kredit verschweigen! Das kann doch nicht wahr sein: Der Gedanke an einen Präsidenten, der derart peinliche Dinge tut, ist unerträglich.
Da ist der Wulff-Witz als Aggressionsabfuhr immer noch besser als Fremdschämen. Bloß der Lustgewinn ist geschmälert, weil die Zahl der Witzfiguren in Deutschlands politischer Klasse zunimmt. Guttenberg, Rösler, Lindner, da blamiert sich bald eine ganze Generation.
Così fan tutte: Wulff hätte sich nur George Clooneys "Iden des März" im Kino anschauen müssen, um zu wissen, was jeder Politikberater als ehernen Grundsatz verinnerlicht hat. Als Präsident kannst du die Nation belügen, betrügen und Kriege anzetteln – nur die Praktikantin darfst du nicht vögeln. Das heißt, Schweinereien im großen Stil sind kein Problem in den oberen Etagen, es sind die (vermeintlich) kleinen Fehltritte, über die Kaiser und Könige stolpern.
Früher war es der Job des Hofnarren, die Mächtigen durch den Kakao zu ziehen. Er war der Außenseiter, der nicht zur feinen Gesellschaft gehörte und sich auf seiner exzentrischen Position Frechheiten erlauben durfte. Heute ist diese Lizenz allen erteilt, längst hat die Mediengesellschaft den Job des Narren übernommen. Der Spott fungiert dabei als Korrektiv gegen Machtanmaßung und -besessenheit. Und spätestens seit Karl Kraus und Tucholsky gehört die Satire zum Wesen der Demokratie und muss immer neu verteidigt werden, zum Beispiel im Streit um die Mohammed-Karikaturen.




… und dies jetzt mit aller Entschlossenheit, diesmal in Richtung Bundestag … um bei den Wulff-Witzen zu bleiben. Nur der Anlass ist weniger witzig. Da hätten wir doch locker noch weitere fette Beute für die Journalie (die muss nur wollen), wenn es um Kredite, und Bankkontakte geht und einen ganz schlimmen Verdacht. Beispielsweise die 90% der Angeordneten die für die Bankenrettung stimmten, die sollen ausnahmslos über Bankkonten verfügen und sehr viele von ihnen auch Kredite bei den Banken zu laufen haben. Insoweit bemerkenswert, da 90% des Volkes es nicht wollten. Eine ungewöhnliche Konstellation die unterscuht werden muss. Dagegen ist Wulff in diesem Falle ja auch weit genug weg und kann jetzt ganz beherzt aber entschieden zurücktreten:
„Stoppt Wulff die Bankenrettung, Abgeordnete sollen Kredite offenlegen“ … Link
… und für die Presse ein abermaliges gefundenes Fressen und wenn alles gut geht, dann wäre endlich mal den Bürgern und Steuerzahlern geholfen. Können die Beteiligten, katzbalgenden Parteien folgen? Dreck lauert überall, man braucht ihn nur einzusammeln, der meiste Dreck wird aber liegen gelassen, so wie dieser untersuchungswürdige vermutlich auch, also nur weiter Wulffs-Geheul, schade … (°!°)
Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Kommentaren an der Diskussion. Danke, die Redaktion/ls
denn haett ich gern gelesen.
denn haett ich gern gelesen.
Zu unseren Spitzenpolitikern fallen mir auch nur noch spitze Bemerkungen ein. Dass Sie auch schreiben dürfen Herr Wulff ist dämlich gefällt mir schon sehr - allerdings nur in einem Kommentar wie diesem. In einem Artikel mit dem Anspruch über mehr als nur die Witze aus dem Internet zu informieren wäre dies definitiv unter dem Niveau der Zeit. Es ist so schon grenzwertig, wenn auch von befreiender Ehrlichkeit.
"Wie kann man nur so dämlich sein und dem Bild-Chef auf Band brüllen oder dem Landtag einen Kredit verschweigen! Das kann doch nicht wahr sein: Der Gedanke an einen Präsidenten, der derart peinliche Dinge tut, ist unerträglich. ... "
Vielleicht eher ein "Schaf im Wulffspelz" ... ?!
Nicht nur Wullf kriegt sein Fett weg, auch Frau Schausten wird zerlegt. Die Öffentlichkeit ist sich m.E. in vielen Fällen bewußt, daß es sich um ein inszeniertes Schmierenstück zwischen Medien und ertapptem Politiker handelt und beide lügen wie gedruckt, um jeweils besser dazustehen. Der Ertappte mimt trotz seiner Dämlichkeit die Unschuld und die Verkörperung des gesunden Volksempfindens spielt sich als "bürgernahe" Moralinstanz auf, der zufolge man Freunde für die Übernachtung zahlen läßt. Herr, lass Hirn regnen, Gras wachsen und schaff den ÖRR ab.
Filmplakat:Reiche pflasterten seinen Weg
Ich werde mir heute abend "Change me if you can" mit Tom Hanks als Kai Diekmann anschauen!
Entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/ls
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