Heiko Maas tingelt derzeit durch seine Heimat. Für diese Woche hat er sieben Sondersitzungen in den SPD-Kreisvorständen im Saarland einberufen, jeden Abend sind es zwei Veranstaltungen. Er werde "reinhören, wie die Diskussion ist", sagte der Parteichef im SR-Fernsehen . Für Maas geht es um die politische Zukunft. Um die Option zur Macht, auf die er so lange gewartet hat.

Denn das kleine Saarland steht Kopf: CDU-Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hat überraschend ihr Bündnis mit der FDP und den Grünen platzen lassen und der SPD eine große Koalition angeboten – "auf Augenhöhe", wie sie betont. Maas könnte also Minister werden, Vorsitzender eines Super-Ressorts, vielleicht zusätzlich Chef der Staatskanzlei. In einem kleinen Bundesland wie dem Saarland mit nur einer Million Einwohnern bedeutet das großen Einfluss. Maas wäre nicht Ministerpräsident. Aber er wäre sehr nahe dran – und das nach zwölf langen Jahren in der Opposition.

Die SPD-Basis ist allerdings nicht wirklich begeistert über die neue Machtoption ihres Landeschefs. Die Sozialdemokraten fordern seit Jahren die Ablösung der Regierung, sie werfen der CDU  vor, abgewirtschaftet zu sein. Die SPD hat außerdem einen Untersuchungsausschuss gegen Kramp-Karrenbauer angestrengt, weil sie angeblich die Kostenexplosion beim Bau eines Museumspavillons verschwiegen hat . An diesem Dienstag tagte das Gremium zum ersten Mal. Und jetzt soll die SPD diese Ministerpräsidentin politisch stützen? Und noch dazu als Juniorpartner, wo die Sozialdemokraten doch in letzten Umfragen mit 35 Prozent 3 Prozentpunkte vor den Christdemokraten lagen?

Sofortige Neuwahlen oder große Koalition?

Heiko Maas weiß, dass er Überzeugungsarbeit leisten muss. Auch weil sich hartnäckig das Gerüchte hält, dass er sich im Hintergrund schon längst mit Kramp-Karrenbauer auf ein Bündnis geeinigt hat, dass es sich um ein abgekartetes Spiel handelt. Am Montagabend stellte sich Maas in Saarlouis und in Kirkel den Fragen der Kreisverband-Angehörigen. "Sehr ehrlich" habe der SPD-Chef in seinem Heimatverband Saarlouis die "politischen Optionen" vor den rund 100 Teilnehmern zusammengefasst, erzählt Kreisvorstandsmitglied Joachim Jacob ZEIT ONLINE. An der Basis gibt es den Ruf nach sofortigen Neuwahlen.

In der dreistündigen Vorstandssitzung in Saarlouis warnte Maas nach Angaben von Jacob eindrücklich davor, sich auf einen Sieg zu verlassen. Denn die Sozialdemokraten fürchten, dass die Ministerpräsidentin durch ihr hartes Aufkündigen der unglücklich agierenden Jamaika-Koalition Sympathiepunkte bei den Wählern gesammelt hat. "Kramp-Karrenbauer wird überall als Retterin des Landes dargestellt", sagt ein Mitglied der SPD-Führung. Außerdem könnte die CDU bei Neuwahlen Stimmen von der FDP abgreifen, die im Saarland in einem noch desaströseren Zustand ist als im Bund. Schnell wären die Christdemokraten wieder stärkste Kraft und die Sozialdemokraten düpiert.