ZEIT ONLINE: Herr Solms , ist das Zeitalter des Marktliberalismus endgültig vorbei?

Hermann Otto Solms : Ich bin lange genug in der Politik, um zu wissen, dass auch der Zeitgeist einer Konjunktur unterliegt. Außerdem: Schauen Sie sich doch mal die Ergebnisse der Politik an. Der Republik ging es nie besser – und es waren sicherlich keine linken Reformen, die das möglich gemacht haben. Wir haben die höchste Erwerbstätigenzahl aller Zeiten und drastisch weniger Arbeitslose.

ZEIT ONLINE : Man kann die Situation auch anders beschreiben. Eben weil die Politik zu marktgläubig war, ist die Welt in die Krise geraten. Die Rettungsaktionen, die dann folgten, haben die Staaten an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit geführt. Warum braucht es da noch eine liberale Partei, die den Staat weiter schwächen will?

Solms : Weil nur die FDP die Freiheit der Bürger glaubhaft verteidigt, allerdings von ihm auch mehr Eigenverantwortung einfordert.

ZEIT ONLINE : Aber Ihre Partei konnte sich in der Koalition noch nicht profilieren. Die großen Reformer der vergangenen Jahrzehnte hießen Schröder und Clement – nicht Westerwelle und Solms.

Solms : Die Steuer- und die Arbeitsmarktreform von Rot-Grün waren richtig. Die FDP hat sie in der Opposition unterstützt. Dennoch werden bald die Unterschiede zu uns sichtbar werden. Denn Rot-Grün will inzwischen die Arbeitsmarkt- und Rentenreformen nicht nur zurückdrehen, sondern mit drastischen Steuererhöhungen Bürger und Unternehmen sogar zusätzlich belasten. Das würde die spürbar positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt wieder zunichte machen. Eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes wird die Investitionsfähigkeit von rund 80 Prozent der Unternehmen in Deutschland schwächen. Das Steuerthema wird im Wahlkampf 2013 mit Wucht zurückkommen.

ZEIT ONLINE : Das klingt so, als sei die FDP-Krise nur einem kurzzeitigen Meinungsumschwung in der Bevölkerung geschuldet. Ihr Parteifreund Dirk Niebel sagt hingegen: Die FDP muss raus aus den Schützengräben und alte Positionen räumen – etwa den Widerstand gegen einen flächendeckenden Mindestlohn in Deutschland.

Solms : Der politisch festgelegte, flächendeckende Mindestlohn ist nicht nur falsch, er ist gefährlich. Denn er würde in einen Überbietungswettbewerb der Spitzenkandidaten münden, die in jedem Bundestagswahlkampf versuchen würden, den Mindestlohn hoch zu steigern. Nein, die Lohnfindung muss bei den Tarifpartnern bleiben.

ZEIT ONLINE : Also kann die FDP einfach weiter machen wie bisher?

Solms : Natürlich nicht. Sie muss sich zunächst wieder auf ihre Kernthemen konzentrieren. Im Übrigen werden die Wähler in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode zunehmend die möglichen Alternativen prüfen und erkennen, dass die jetzt so erfolgreiche Politik nur mit der FDP fortgesetzt werden kann.

ZEIT ONLINE : War es ein Fehler, dass die FDP nicht das Finanzministerium übernommen hat? Auf dieses Amt haben Sie in den vergangenen Jahren hingearbeitet.

Solms : Die Dinge lassen sich nicht zurückdrehen. Es war immer klar, dass es schwierig werden würde, das Finanzministerium zu bekommen, wenn der FDP-Parteichef Außenminister werden will. Das empfand Guido Westerwelle damals als wichtiger. Auch Frau Merkel wollte uns das Finanzministerium nicht geben. Das hat sie mir gegenüber damals persönlich zum Ausdruck gebracht.

ZEIT ONLINE : Wäre denn ein Finanzminister Solms heute noch im Amt?

Solms : Ich hätte mir zugetraut, diese Aufgabe erfolgreich auszuführen. Neben der Haushaltskonsolidierung wären auch aufkommensneutrale Steuerreformen möglich gewesen.

ZEIT ONLINE : Hätten Sie die Politik der Bundesregierung auf europäischer Ebene mitgetragen? Sie sind ein Gegner der politischen Union, für die Wolfgang Schäuble und Angela Merkel werben .

Solms : Wir haben alle eine Entwicklung durchlaufen. Als das erste Griechenland-Paket beschlossen wurde, war es innerhalb der CDU / CSU noch völlig unklar in welche Richtung sie gehen wollte. Die FDP hat bereits damals dafür geworben, dass es zu keiner Vergemeinschaftung der Schulden kommen darf und dass die Verantwortung für die Finanzpolitik bei den nationalen Parlamenten und Regierungen verbleiben muss. Das ist heute Politik der gesamten Bundesregierung.

ZEIT ONLINE : Ein Finanzminister Solms hätte schneller auf mehr Fiskaldisziplin in Europa gedrungen?

Solms : Die Ursache der Krise ist die übermäßige Verschuldung der Staaten. Wer die Krise lösen will, muss die Verschuldung bekämpfen. Das war mir von Anfang an klar.