Zum Holocaust-Gedenktag hat Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki vor dem Deutschen Bundestag anhand seiner persönlichen Erinnerungen von der Verfolgung der Juden und dem von den Nazis organisierten Völkermord berichtet. "Ich spreche heute nicht als Historiker, sondern als Zeitzeuge, genauer als Überlebender des Warschauer Ghettos zu Ihnen", sagte Reich-Ranicki . Er war in einer jüdischen Familie aufgewachsen und hatte die Gefangenschaft im Warschauer Ghetto überlebt.

Mit etwas brüchiger, aber entschlossener Stimme berichtete der 91-Jährige von seiner Einweisung ins Ghetto und den Verhaftungen und Erschießungen dort. Detailliert schilderte er die Ereignisse des 22. Juli 1942, des Tages, an dem die Räumung des Ghettos befohlen worden war: "Die SS hatte das Todesurteil über die Juden von Warschau gefällt."

Reich-Ranicki beschrieb "die Angst vor dem, was sich in den nächsten Tagen ereignen würde". Er erzählte von der schnellen Hochzeit mit seiner Freundin Teofilia, genannt Tosia , um sie als Ehefrau vor dem Abtransport zu schützen, und vom Selbstmord des Obmanns des Judenrats, der nicht für die Deportation der Menschen verantwortlich sein wollte. "Sie verlangen von mir, die Kinder meines eigenen Volkes umzubringen", zitierte Reich-Ranicki aus einem Abschiedsbrief des Obmanns.

"Die in den Mitvormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September", sagte Reich-Ranicki. "Was die 'Umsiedlung der Juden' genannt wurde, war bloß (...) eine Aussiedlung, die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck – den Tod." Auch Reich-Ranickis Eltern waren in Treblinka ermordet worden.

Lammert erinnert an rechtsextreme Mordserie

Nach der Rede herrschte im Bundestag minutenlange Stille, unterbrochen durch verhaltenen Beifall. Bundespräsident Christian Wulff und der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle , stützten den offensichtlich gesundheitlich angeschlagen Reich-Ranicki auf dem Weg vom Rednerpult zurück zu seinem Platz. An der Gedenkveranstaltung nahmen zudem Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU ) sowie Bundesratspräsident Horst Seehofer ( CSU ) teil.

Am Holocaust-Gedenktag wird weltweit der Opfer der Judenverfolgung durch die Nazis gedacht: Am 27. Januar 1945 waren die Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden. Auschwitz steht symbolhaft für den Völkermord und die Millionen Menschen, die vom Nazi-Regime verfolgt und umgebracht wurden. Seit 1996 erinnert der Bundestag jährlich in einer Gedenkstunde an die Befreiung des Vernichtungslagers.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hatte in seiner Eröffnungsansprache Menschen gewürdigt, die sich gegen Rechtsextremismus und Neonazis engagieren. "Es sind Menschen, die ein Beispiel geben und Mut machen", sagte er. Angesichts der jüngst entdeckten Neonazi-Mordserie sagte Lammert, diese Gewalt und dieser Hass seien nicht zu akzeptieren.

Der Parlamentspräsident wies zudem auf Untersuchungen hin, nach denen 20 Prozent der Bundesbürger latent antisemitisch eingestellt seien. "Das sind in Deutschland genau 20 Prozent zu viel."