IntegrationDie Integrationsdebatte ist zurück in der Ebene

Der zweite Integrationsbericht lässt hoffen. Vor allem wird klar, dass die Ängste vor einem verdummenden Deutschland unnötig sind, die Sarrazin schürte.

Thilo Sarrazin schreibt an einem neuen Buch. Bevor eine Debatte darüber ausbricht, ob diese Meldung den Tatbestand der Drohung erfüllt, sei entwarnend hinzugefügt: Dieses Mal geht es nicht um Migration, Integration oder Demografie. Medien vermelden, das neue Werk behandele den Euro.

Glück gehabt. Dieses Thema hat noch dem provokantesten Schreiberling die giftige Tinte vertrocknen lassen. Freunde der Polarisierung müssen sich also bis auf Weiteres mit dem Vorwort zur Taschenbuchausgabe von "Deutschland schafft sich ab" zufrieden geben. Darin sortiert der Autor noch mal fein säuberlich die politische Landschaft in seine "Befürworter" und die, die gegen ihn waren – oder zu blöd, ihn zu verstehen.

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Doch selbst ein zweites Sarrazin-Buch würde Deutschland vermutlich nicht so treffen, wie es ihm mit seinem ersten gelungen war. Die Debatte hat sich abgekühlt, die Beiträge sind nachdenklicher, nüchterner geworden, eine Atmosphäre, in der man den am Donnerstag erschienenen zweiten Bericht der Integrationsbeauftragten Maria Böhmer zunächst einmal als das lesen kann, was er ist – eher dröge Kost, eine minutiöse Untersuchung des Patienten Einwanderungsgesellschaft anhand aller verfügbaren Daten, vom Bildungsblutdruck bis zum Kriminalitätspuls.

Viele Werte sind erfreulich. Der Anteil der Jugendlichen mit Migrationshintergrund ohne Schulabschluss ist zurückgegangen, besonders in der zweiten Generation. Die Arbeitslosenquote unter Migranten ist gesunken, und zwar über den konjunkturellen Trend hinaus. Vieles spricht dafür, dass sich die Lebensstile zunehmend angleichen. Zwar besuchen immer noch weniger Kinder von Einwanderern unter drei Jahren eine Kindertagesstätte, es sind aber bereits mehr als noch 2005. Auch die negativen Werte sind noch deutlich. Weiterhin ist die Erwerbslosenquote unter Einwanderern höher, ihr Einkommen geringer und: Ausländer werden doppelt so oft vor Gericht verurteilt (eine Zahl freilich, über die sich lange streiten lässt).

Natürlich verstecken sich zwischen den endlosen Zahlenkolonnen politische Implikationen. Vor allem zeigt der Bericht, dass die Ängste, die Sarrazin schürte – die Angst etwa vor einer "Verdummung" der Gesellschaft – auf einen typischen Fehler im Umgang mit Statistiken zurückgehen. Sarrazins Prognose beruht auf einer linearen Fortschreibung aktueller Beobachtungen in die Zukunft. So kam er zu der These, dass die aktuelle Geburtenrate unter Migranten, kombiniert mit deren Bildungsgrad, irgendwann ein "dümmeres" Deutschland ergeben müsse. Er missachtet damit die Wandelbarkeit von Gesellschaft, wie sie der Integrationsbericht belegt.

Zwar ist dieser Wandel langsam und mühsam. Er wird auch nicht durch polarisierende Debatten befördert, sondern allein dort, wo sich Lehrer und Erzieher, Sozialarbeiter und Richter um Sprachkenntnisse, Bildung und Auswege aus kriminellen Milieus bemühen: tief in der Ebene. Wo auch die Integrationsdebatte glücklicherweise wieder angekommen ist.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leserkommentare
  1. Wissen Sie, was ich von Verallgemeinerungen wie der Ihren halte? Nichts. Sie müssen von dummen Menschen kommen, denen die Fähigkeit entweder abhanden gekommen ist zu differenzieren oder die einfach von Geburt an mit wenig Intelligenz ausgestattet waren. Außerdem lassen Verallgemeinerungen wie der Ihren eigentlich keine sachliche Diskussion mehr zu. Sie sind plump, dumm und im Zweifel sogar beleidigend. Schade, hätte eine fruchtbare Diskussion werden können.

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  2. auseinander gesetzt, hätte man Konsequenzen ziehen können. Das war nicht gewollt, denn das Versagen der verantwortlichen Politiker sollte weder zum Thema werden noch sollten Einsichten erfolgen. Nur weiter wie bisher, irgend wie wird es schon gut gehen!
    Im übrigen ist durchaus die Querverbindung zwischen den Fähigkeiten von Wulf und der Integrationspolitk möglich.
    Im übrigen sei angemerkt, daß kaum jemand etwas gegen Ausländer hat, die sich in die Gesellschaft einfügen und ihren Beitrag zur Weiterentwicklung leisten.

    10 Leserempfehlungen
    Antwort auf "@ 2 aufmerksam lesen"
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    Ihnen 100% zu.

    Ihnen 100% zu.

  3. "Vor allem wird klar, dass die Ängste vor einem verdummenden Deutschland unnötig sind,.."

    Ich weiß nicht....bekommt nicht jedes Volk den Bundespräsidenten,den es verdient

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf beleidigende Äußerungen. Danke, die Redaktion/jz

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    Wir bekommen den BP, den Frau Merkel ausguckt. Seit wann dürfen wir da wählen?

    Und wie sonst sollten wir das beeinflussen? Wir können doch nicht bei jeder BP-Wahl einen Volksaufstand veranstalten.

    "Wir bekommen den BP, den Frau Merkel ausguckt. Seit wann dürfen wir da wählen?"

    Bitte übersehen Sie nicht,dass ja irgendjemand die Fr.Merkel gewählt haben muß!

    Wir bekommen den BP, den Frau Merkel ausguckt. Seit wann dürfen wir da wählen?

    Und wie sonst sollten wir das beeinflussen? Wir können doch nicht bei jeder BP-Wahl einen Volksaufstand veranstalten.

    "Wir bekommen den BP, den Frau Merkel ausguckt. Seit wann dürfen wir da wählen?"

    Bitte übersehen Sie nicht,dass ja irgendjemand die Fr.Merkel gewählt haben muß!

  4. Er hat eine Betrachtung darüber angestellt, was passieren kann, wenn sich die bisherige Entwicklung unverändert fortsetzt. Die Absicht war, das Land aus seinem politisch korrekten Dämmerschlaf wachzurütteln oder gar aufzuschrecken. Was ihm ja auch bestens gelungen ist. Eine Missachtung der Wandelbarkeit der Gesellschaft, wie es ihm dieser Artikel vorwirft, kann ich daraus nicht ableiten. Möglicherweise oder sehr wahrscheinlich war es gerade sein Ziel, den Wandel, den wir heute so hoffnungsvoll begrüßen, mit einem initialen Hau(!)-Ruck in Gang zu setzen. Ich finde, gerade aus der Rückschau heraus kann man dem Mann gar nicht genug dankbar dafür sein, dass er das Thema "Integration" auf die gesellschaftliche und politische Aganda gepusht hat. Ja, es hat sich etwas getan seitdem, und das geht in die richtige Richtung.

    7 Leserempfehlungen
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    • Kelhim
    • 13.01.2012 um 14:10 Uhr

    Über Integration wurde schon Jahre vor dem Erscheinen des pseudowissenschaftlichen Werkes lebhaft und sachlich diskutiert, auch und immer wieder mit Verweis auf die Versäumnisse der Politik über Jahrzehnte hinweg bis in die ganz junge Vergangenheit. Wenn man sich das kontraproduktive Betreuungsgeld der CSU anschaut, muss man sagen: Fehler der Gegenwart.

    Sarrazin hat keine dringend notwendige Diskussion angestoßen, denn die fand bereits statt und zwar mit handfesten politischen Folgen. Stattdessen hat er das Land tief gespalten, Gruppen von Migranten pauschal verunglimpft, Ausländerfeindlichkeit so geschürt, dass ihm die NPD gratulierte, und wissenschaftlich hat er sich sowieso blamiert - nicht nur auf dem Feld der Genetik.

    • Kelhim
    • 13.01.2012 um 14:10 Uhr

    Über Integration wurde schon Jahre vor dem Erscheinen des pseudowissenschaftlichen Werkes lebhaft und sachlich diskutiert, auch und immer wieder mit Verweis auf die Versäumnisse der Politik über Jahrzehnte hinweg bis in die ganz junge Vergangenheit. Wenn man sich das kontraproduktive Betreuungsgeld der CSU anschaut, muss man sagen: Fehler der Gegenwart.

    Sarrazin hat keine dringend notwendige Diskussion angestoßen, denn die fand bereits statt und zwar mit handfesten politischen Folgen. Stattdessen hat er das Land tief gespalten, Gruppen von Migranten pauschal verunglimpft, Ausländerfeindlichkeit so geschürt, dass ihm die NPD gratulierte, und wissenschaftlich hat er sich sowieso blamiert - nicht nur auf dem Feld der Genetik.

  5. Ihnen 100% zu.

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  6. Wenn man ehrlich ist und alle Fakten auf den Tisch legt, so muss man auch bedenken, dass über Jahrzehnte keine ordentliche Integration stattgefunden hat, und so auch viele deutsche kinder, durch chaotische Zustände in den Schulen, mit in den Abgrund gerissen wurden. Dies ist ein unverzeihlicher Fehler der Politiker, den diese bedauernswerte Kinder nun ausbaden müssen. Man sollte also nicht so abwertend auf sie zeigen, denn es ist nicht ihre Schuld, dass sie so eine mangelhafte Bildung in einem derart reichen Land mitbekommen haben. Es ist die Schuld der Politiker, den eigenen Landsleuten so viele bildungsferne, fremde Menschen in so kurzer Zeit auf's Auge gedrückt zu haben.

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  7. Wir bekommen den BP, den Frau Merkel ausguckt. Seit wann dürfen wir da wählen?

    Und wie sonst sollten wir das beeinflussen? Wir können doch nicht bei jeder BP-Wahl einen Volksaufstand veranstalten.

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  8. Die Sarrazin-Debatte hat immer daran gekrankt, daß nur seine Äußerungen über Einwanderer im Focus standen. Und die wurden von kaum jemand korrekt wiedergegeben.

    Der Großteil des Buches dreht sich um andere Themen - vor allem um die "einheimische" Unterschicht. Dort ist, soweit ich weiß, keinerlei Besserung erkennbar - und leider auch nicht zu erwarten. Denn es handelt sich um die Kinder von Eltern, deren Defizite nicht auf kultureller Selbstblockade beruhen, sondern auf ihrer Persönlichkeit. Eltern, die es schon ihrerseits - und war trotz des allen Unkenrufen zum Trotz guten Bildungsangebotes in Deutschland - entweder nicht geschafft haben, etwas zu lernen, oder daran gescheitert sind, anschließend einen Beruf zu ergreifen. Mag das nun intellektuelle Gründe haben oder im Charakter - Motiviation, Durchhaltevermögen, Selbstdisziplin, Ehrlichkeit etc - liegen: diese Defizite werden in hohem Maße an die Kinder weitergegeben. Teils genetisch (praktisch jeder Charakterzug hat eine vererbliche Komponente), teils über den mit Abstand einflußreichsten Umweltfaktor überhaupt: eben die Eltern.

    Und bei der Integration? Sarrazin beklagte, daß weiten Teile der Zuwanderer der Integrationswille fehle, zumeist Muslimen. Nehmen wir an, das ändere sich langsam: dann hätte er insoweit genau das erreicht, was er wollte. Allerdings habe ich meine Zweifel. Wenn sich ein sehr schlechter Zustand ein wenig bessert, kann er immer noch schlecht sein.

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