Präsidenten-Affäre Niedersächsische SPD will Wulff verklagen

Christian Wulff soll den niedersächsischen Landtag vorsätzlich getäuscht haben, behauptet die SPD. Sie will deshalb beim Staatsgerichtshof Klage einreichen.

Die SPD in Niedersachsen will Bundespräsident Christian Wulff wegen Täuschung des Parlamentes vor dem Landesverfassungsgericht verklagen. Die Klage gegen den früheren niedersächsischen Regierungschef solle nach Möglichkeit noch in dieser Woche beim Staatsgerichtshof eingereicht werden, sagte Fraktionschef Stefan Schostok der Bild am Sonntag.

Ein Erfolg der Klage hätte Schostok zufolge dramatische Folgen für Wulff: "Damit wäre ein Verfassungsbruch der Regierung Wulff festgestellt. Ein Bundespräsident aber, der gegen die Verfassung verstoßen hat, kann nicht im Amt bleiben."

Anzeige

Die niedersächsische SPD wirft Wulff vor, er habe in seiner Zeit als Ministerpräsident das Parlament falsch über die Finanzierung der privaten Veranstaltungsreihe Nord-Süd-Dialog informieren lassen. Hintergrund sind Informationen, wonach Gäste der Veranstaltung Kochbücher als Abschiedsgeschenk erhalten haben, die das Landwirtschaftsministerium mit 3.411 Euro finanzierte.

2010 hatte aber Wulffs Staatssekretär Lothar Hagebölling auf eine SPD-Anfrage im Landtag versichert, der Nord-Süd-Dialog sei eine Privatveranstaltung, es gebe keine Beteiligung oder Finanzierung durch das Land Niedersachsen. Organisator und Träger sei allein der Partyveranstalter Manfred Schmidt.

Landesregierung soll Parlament getäuscht haben

Für Schostok ist zweifelsfrei belegt, dass der Landtag von Wulffs Staatskanzlei "vorsätzlich falsch informiert worden ist". Der SPD-Politiker sagte der Zeitung: "Wir werden deshalb den Niedersächsischen Staatsgerichtshof in Bückeburg einschalten."

Klagen werde der ehemalige niedersächsische Innenminister Heiner Bartling (SPD), der im Frühjahr 2010 die Anfrage im Landtag gestellt hatte. Die Landesregierung soll verklagt werden, weil sie gegen die niedersächsische Verfassung verstoßen habe, die sie verpflichtet, Anfragen von Abgeordneten nach bestem Wissen unverzüglich und vollständig zu beantworten.

Grünen Fraktionschef bezeichnet Wulff als Lügner

Die SPD prüft Schostok zufolge zudem, die Klage gegen die amtierende Landesregierung auszuweiten, da Finanzminister Hartmut Möllring (CDU) am Donnerstag im Landtag eine finanzielle Beteiligung des Landes am Nord-Süd-Dialog ebenfalls bestritten hatte.

Auch die Grünen in Niedersachsen zeigen sich empört. Grünen-Fraktionschef Stefan Wenzel bezeichnete den früheren Ministerpräsidenten als "Lügner" und forderte ihn offen zum Rücktritt auf. Wenzel zeigte sich überzeugt, dass Wulff vom Vorgehen seines Sprechers Olaf Glaeseker wusste, der im Zusammenhang mit dem Nord-Süd-Dialog unter Korruptionsverdacht steht. Es sei "schlichtweg nicht zu glauben", dass Wulff von dessen Treiben nichts bekommen habe, sagte Wenzel im Deutschlandfunk.

 
Leser-Kommentare
  1. Gute Idee! Bleibt nur zu hoffen, dass die Staatsanwaltschaft in Hannover gegen Hagebölling tatsächlich ermittelt. Denn die Staatsanwaltschaft untersteht der Landesregierung, sie ist weisungsgebunden. Und der amtierende Landeschef von Niedersachsen McAllister ist bekanntlich ein Zögling von Wullf. Kein Wunder wohl, dass die Staatsanwaltschaft von Hannover keine Ermittlungen gegen Wulff aufnehmen wollte, obwohl Wulff nach einem Rechtsgutachten des renommierten Staatsrechtlers von Arnim gegen die Gesetze von Niedersachsen verstossen hat, vgl.

    http://www.spiegel.de/pol...

    http://rsw.beck.de/rsw/up...

    Nachdem Hagebölling infolge Ernennung von Wulff zum Bundespräsidenten anno 2010 Leiter des Bundespräsidalamtes in Berlin wurde, kann die Strafanzeige hoffentlich bei der Staatsanwaltschaft in Berlin eingereicht werden.

    Ich versteht sowieso nicht, weshalb die Strafanzeige gegen Wulff nicht ebenfalls in Berlin eingereicht wurde. Massgeblich ist doch wohl, wo der Täter sich aufhält und nicht zwingend der Ort, wo die Tat stattfand. Zumal Wulff seine rechtswidrigen Handlungen – wenn man die jetzt mal unterstellen will – von Berlin aus fortsetzte, indem Wulff – bereits schon als Bundespräsident – den mutmasslich rechtswidrigen Privatkredit in den ebenfalls dubiosen Kredit bei der BW-Bank von Baden-Württemberg umgetauscht hat.

    15 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nicht ohne Grund werden windige "Geschäftsleute" aus der "besseren Gesellschaft" Niedersachsens schon seit Jahrzehnten die Nähe zum jeweiligen Inhaber des Amtes des niedersächsischen Ministerpräsidenten gesucht haben.

    Es wäre einmal äußerst interessant, wie viele Ermittlungsverfahren "gesellschaftlich hoch stehende Persönlichkeiten" in den vergangenen Jahrzehnten auf Weisung des niedersächsischen Justizministeriums eingestellt wurden... Allerdings dürfte dies schwierig werden, da die Weisungen aus dem Justizministerium und der niedersächsischen Staatskanzlei mit Sicherheit nur in Form eines "mündlichen Verwaltungsakts" erfolgten.

    "Wir werden deshalb den Niedersächsischen Staatsgerichtshof in Bückeburg einschalten."

    Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen
    - in dubio pro ...?

    ... es bleibet dabei,
    die Gedanken sind frei!

    Nicht ohne Grund werden windige "Geschäftsleute" aus der "besseren Gesellschaft" Niedersachsens schon seit Jahrzehnten die Nähe zum jeweiligen Inhaber des Amtes des niedersächsischen Ministerpräsidenten gesucht haben.

    Es wäre einmal äußerst interessant, wie viele Ermittlungsverfahren "gesellschaftlich hoch stehende Persönlichkeiten" in den vergangenen Jahrzehnten auf Weisung des niedersächsischen Justizministeriums eingestellt wurden... Allerdings dürfte dies schwierig werden, da die Weisungen aus dem Justizministerium und der niedersächsischen Staatskanzlei mit Sicherheit nur in Form eines "mündlichen Verwaltungsakts" erfolgten.

    "Wir werden deshalb den Niedersächsischen Staatsgerichtshof in Bückeburg einschalten."

    Na, dann kann ja nichts mehr schiefgehen
    - in dubio pro ...?

    ... es bleibet dabei,
    die Gedanken sind frei!

    • sudek
    • 22.01.2012 um 13:01 Uhr

    Insofern war der Artikel "Schuld so oder so" von Joffe wohl die Eintrittskarte für dieses Gespräch..

    10 Leser-Empfehlungen
  2. ... zitiere ich mich einfach mal selbst, weil's hier besser passt:

    Die Chancen für einen relativ "sauberen" Rücktritt sind gerade besser denn je: Wulff könnte jetzt, erstmals im Verlauf der Affäre, aus *politischen* Gründen zurücktreten.

    Er könnte die Vorgänge in seiner Staatskanzlei als Anlass nehmen, die Schuld auf Glaeseker und Hagebölling schieben und sich selbst aus der Schusslinie nehmen.
    Er könnte sagen, er würde die Verantwortung für die Verfehlungen seiner Mitarbeiter übernehmen.
    Er könnte ein paar Krokodilstränen weinen und zu Protokoll geben, dass er jetzt auch, so rein menschlich gesehen, ein Stück weit enttäuscht sei von Glaeseker - er menschelt ja gern mal *schluchz*.

    Zu Beginn hätte er halbwegs sauber zurücktreten können - zum Schutz der Familie und so weiter und so fort, das übliche Politikerblabla. Die Gelegenheit hat er verpasst.

    Im Fortgang der Affäre hätte er wegen persönlicher Verfehlungen gehen müssen - unschön, will man natürlich nicht.

    Jetzt hat er die einmalige Gelegenheit, andere vorschieben zu können. Hoffentlich verpasst er die nicht auch noch.

    13 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie haben völlig recht.

    Sie haben völlig recht.

  3. Das Grundgesetz sieht doch nur eine Klage des Bundestages bzw. des Bundesrates mit 2/3-Mehrheit gegen den Bundespräsidenten vor dem Bundesverfassungsgericht vor?

    Eine Leser-Empfehlung
  4. und zurückgetreten werden. Der Sumpf der sich aufgetan hat ist kaum noch zu überblicken, Handaufhalten als Staatsziel ?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ihre Argumentation ist die Billigung der "Nötigung des Bundespräsidenten".
    Und diese ist ein eigenständiger Straftatbestand.

    " dann muß er zurückgetreten werden... "
    (Zitat aus Kommentaren DIE ZEIT).

    Es ist einer Gruppe Menschen gelungen per MASSE die Demokratie
    beiseite zu schieben, es so darzustellen als wäre die Meinungsbildung im Staat schon abgeschlossen.
    Es ist sehr anzuerkennen, dass der Bundespräsident solchen
    Albernheiten wie "Schuh zeigen" und "BILD war dabei/Kai Diekmann" stand hält.
    Zur Zeit ist kaum eine Schlagzeile noch korrekt aussagefähig,
    Journalisten sind bereits Sklaven von"schönen"Behauptungen,
    die Fähigkeit Sachverhalte auf den Punkt zu bringen ist zugunsten Aufmerksamkeit erregender"Werbesprüche"verloren !

    Ihre Argumentation ist die Billigung der "Nötigung des Bundespräsidenten".
    Und diese ist ein eigenständiger Straftatbestand.

    " dann muß er zurückgetreten werden... "
    (Zitat aus Kommentaren DIE ZEIT).

    Es ist einer Gruppe Menschen gelungen per MASSE die Demokratie
    beiseite zu schieben, es so darzustellen als wäre die Meinungsbildung im Staat schon abgeschlossen.
    Es ist sehr anzuerkennen, dass der Bundespräsident solchen
    Albernheiten wie "Schuh zeigen" und "BILD war dabei/Kai Diekmann" stand hält.
    Zur Zeit ist kaum eine Schlagzeile noch korrekt aussagefähig,
    Journalisten sind bereits Sklaven von"schönen"Behauptungen,
    die Fähigkeit Sachverhalte auf den Punkt zu bringen ist zugunsten Aufmerksamkeit erregender"Werbesprüche"verloren !

  5. der Artikel bzw. diese Tatsache wird hier nicht gemeldet - denn auf Web.de (wo ja meist nur DSDS-News und Bohlen-bla-bla zu lesen ist) sthe die Meldung schon seit drei Stunden.

  6. [...]
    BP-Vorschläge: Dieter Dehm, Gregor Gysi, Lafonataine, Sarah Wagenknecht, Cem Özdemir, Trittin oder Nahles

    Gekürzt. Bitte verfassen Sie Ihre Kommentare sachlich und Respektvoll. Danke, die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • undee
    • 22.01.2012 um 13:23 Uhr

    Sie wollen ernsthaft einen IM als BP und sehen darin eine Lösung?

    • Askay
    • 22.01.2012 um 13:54 Uhr

    ".....Dieter Dehm, Gregor Gysi, Lafonataine, Sarah Wagenknecht, Cem Özdemir, Trittin oder Nahles....."

    Einziger Vorteil der Idee - auf der relativ wirkungslosen Position könnten jeder aus der Truppe weniger Schaden anrichten als derzeit.

    Aber D wäre damit - ganz tief unten.

    • undee
    • 22.01.2012 um 13:23 Uhr

    Sie wollen ernsthaft einen IM als BP und sehen darin eine Lösung?

    • Askay
    • 22.01.2012 um 13:54 Uhr

    ".....Dieter Dehm, Gregor Gysi, Lafonataine, Sarah Wagenknecht, Cem Özdemir, Trittin oder Nahles....."

    Einziger Vorteil der Idee - auf der relativ wirkungslosen Position könnten jeder aus der Truppe weniger Schaden anrichten als derzeit.

    Aber D wäre damit - ganz tief unten.

  7. den Bundespräsidenten anklagen?

    Donnerschlag. Geht das dann auch bei Merkel?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    >> Man kann den Bundespräsidenten anklagen?
    Donnerschlag. Geht das dann auch bei Merkel? <<

    ... weswegen? Nichtstun ist kein Straftatbestand ;-)

    >> Man kann den Bundespräsidenten anklagen?
    Donnerschlag. Geht das dann auch bei Merkel? <<

    ... weswegen? Nichtstun ist kein Straftatbestand ;-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service