Rechtsterrorismus Was die Untersuchungsausschüsse herausfinden sollen

Im Bund und in Thüringen arbeiten Parlamentsgremien die Ermittlungen zur Jenaer Terrorzelle auf. Defizite von Polizei und Verfassungsschutz gab es vermutlich viele.

Das zerstörte Haus der mutmaßlichen Terroristen in Zwickau

Das zerstörte Haus der mutmaßlichen Terroristen in Zwickau

Die Untersuchungsausschüsse zum rechtsextremen Terror, auf die sich die Fraktionen im Bundestag und im Thüringer Landtag am Donnerstag einstimmig verständigten, werden ein Dickicht von Indizien, Vermutungen und mehr oder weniger gesicherten Belegen sichten müssen.

Suchen werden die Abgeordneten vor allem nach Pannen des Verfassungsschutzes und der Polizei im Fall der Thüringer Terroristen. Im Beschluss des Bundestages zur Einsetzung des Untersuchungsausschusses heißt es, das Gremium solle "insbesondere klären, ob Fehler oder Versäumnisse von Bundesbehörden, auch in ihrem Zusammenwirken mit Landesbehörden, die Bildung und die Taten der Terrorgruppe ,Nationalsozialistischer Untergrund’ sowie deren Unterstützernetzwerk begünstigt oder die Aufklärung und Verfolgung der von der Terrorgruppe begangenen Straftaten erschwert haben".

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Die Recherchen der Gremien könnten für mehrere Verfassungsschutzbehörden unangenehm werden. Einen wunden Punkt hat bereits der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, im Dezember im Interview mit dem Tagesspiegel genannt. Nach dem Verschwinden von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe Anfang 1998 sei vier Jahre "intensiv gesucht worden, dann endeten diese Bemühungen". Ein "eindeutiger Grund hierfür" sei nicht erkennbar, sagte Fromm. Und er fügte hinzu, auch wenn die meisten Taten des Trios ab 2003 verjährt waren, hätte dies für den Verfassungsschutz "kein Grund sein müssen, sich nicht weiter um die Verschwundenen zu kümmern".

Warum wurde die Suche nach dem Trio eingestellt?

Mit anderen Worten: Der Verfassungsschutz, wie auch die Polizei, stellte die Suche nach dem Trio ein, obwohl es als gefährlich galt. Bei einer Razzia im Januar 1998 in Jena hatten Polizeibeamte in einer von den Neonazis genutzten Garage vier Rohrbomben entdeckt. Immerhin nach einem Hinweis des Thüringer Verfassungsschutzes. Aber warum ließ der Verfolgungseifer nach?

Ein Grund sind offenbar strukturelle Defizite im Verbund der Verfassungsschutzbehörden. Der Thüringer Nachrichtendienst übermittelte, wie es bei den Landesbehörden üblich war, nur einen Teil seiner Informationen dem Bundesamt. Hätten dort alle Meldungen über das Trio vorgelegen, wäre eine länderübergreifende Regie bei der Suche nach den verschwundenen Neonazis denkbar gewesen. Zumal es schon Ende der 1990er Jahre Spuren gab in Richtung Sachsen, Niedersachsen und Berlin. Das Bundesamt hätte vermutlich auch darauf gedrungen, die Recherchen über 2001 hinaus fortzusetzen.

Dieses strukturelle Defizit scheint jetzt jedoch ausgeräumt zu sein. Die Staatssekretäre der Innenministerkonferenz einigten sich Ende 2011 darauf, die Zentralstellenfunktion des Bundesamtes zu stärken. Jede Länderbehörde für Verfassungsschutz soll jetzt alle Informationen zu gewaltbereiten Rechtsextremisten nach Köln schicken.

Seltsame Methoden des Thüringer Verfassungsschutzes

Neben den Untersuchungsausschüssen wird sich eine Bund-Länder-Kommission mit Pannen und Versäumnissen der Behörden im Fall NSU befassen. Da sind neben strukturellen Problemen auch die teilweise seltsamen Methoden des Thüringer Verfassungsschutzes in der Amtszeit seines Chef Helmut Roewer zu prüfen.

Der Nachrichtendienst gab Ende der 1990er Jahre dem rechtsextremen V-Mann Tino Brandt 2500 D-Mark, die er an das Trio weiterleiten sollte. Die Behörde erwartete, dass sich die Untergetauchten von dem Geld falsche Pässe besorgen, mit denen die Polizei sie bei einem Grenzübertritt hätte erwischen können. Selbst Verfassungsschützer sprechen von einer abenteuerlichen Idee.

Die Untersuchungsausschüsse, vor allem das Gremium in Erfurt, werden außerdem prüfen müssen, ob der Verfassungsschutz und die Polizei bei der Observation möglicher Helfer der Terrorgruppe Fehler machten.

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
  1. 1. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. DDanke, die Redaktion/mo.

    • Chilly
    • 27.01.2012 um 15:14 Uhr

    überhaupt geeignete Informationen zu erhalten. Sowohl das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) als auch die Landesämter legen großen Wert auf Verschwiegenheit und werden um jede Akte kämpfen und ihren Mitarbeitern wenn überhaupt nur eingeschränkte Aussagegenehmigungen erteilen. Wenn hier jedesmal (verfassungs-)gerichtliche Hilfe in Anspruch genommen werden muss, zieht sich das Ganze doch sehr in die Länge. Hilfreich könnten hier "Sonderermittler" sein, so wie vor ein paar Jahren der frühere Strafsenatsvorsitzende Schäfer, der dann doch ganz gute interne Einblicke gewonnen hat. Gegenüber einem solchen "Sonderermittler" wäre vielleicht auch der Generalbundesanwalt, der aktuell wohl ebenfalls "mauert", eher bereit, seine Akten zugänglich zu machen. Dies dürfte so eigentlich nicht sein; es wird aber so kommen. Geheimdienste neigen eben zur Geheimniskrämerei. Das ist systembedingt.

    Wichtig müssten daher v.a. strukturelle Fragen der Sicherheitsarchitektur sein. Diese lassen sich ggf. mit sachverständiger Hilfe (insoweit eher einer Enquete vergleichbar) eher aufklären, zumal hier mit den Menschen aus den Diensten auch eher "abstrakt" gesprochen werden kann. Hierzu sind sie eher bereit, man muss aber das Beharrungsvermögen und die Angst vor Auflösung der Landesämter immer im Hinterkopf behalten. Im Rahmen der Föko II hat der Bund ganz am Anfang dieses Thema aufgeworfen. Die Länder reagierten mit strikter Ablehnung und drohten mit dem Abbruch der Gespräche. Also: Vorsicht.

    CHILLY

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Warum werden Versäumnisse nicht in Sachsen aufgearbeitet? Sachsen hat ein großes Problem mit Nazis, auch wenn die CDU-Regierung in Sachsen das nicht wahr haben will.

    Die Sachsen wären besser beraten die Vorkommnisse schonungslos aufzuarbeiten, denn ansonsten wird es in ein paar Jahren heißen: die Thüringer haben vorbildlich aufgeklärt, wie in ihrer Mitte Nazis morden konnten. Aber in Sachsen, in Zwickau, in Dresden, in Mügeln, in Hohnstein-Ernstthal, in all den Orten, von wo uns Nachrichten über Nazi-Vorfälle erreichen, hat man es nicht für nötig gehalten sich damit offiziell zu befassen.

    Der nächste Großtermin steht ja bekanntlich schon wieder. Dresden wird Deutschland und der Welt am 13.02. bzw. 18.02. abermals beweisen, dass es in Sachsen ein braunes Problem von ganz anderen Ausmaßen als in Thüringen gibt.

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    Ja also, in Sachsen gibgt es keine Versäumnisse, keinen Sachsensumpf und so...

    Ja also, in Sachsen gibgt es keine Versäumnisse, keinen Sachsensumpf und so...

    • essilu
    • 27.01.2012 um 19:00 Uhr

    ...angesagt und das Thema betrifft die gesamte Bevölkerung...
    Bis vor kurzem wusste ich nichts von einer Untergrundorganisation mit der Abkürzung "NSU" = Nationalsozialistischer Untergrund.
    Unter der Abkürzung "NSU" kannte ich nur einen deutschen Kleinwagen aus den 1950-ziger Jahren. Ein Auto, noch kleiner als das berühmte Goggomobil...
    Wie sich die Zeiten ändern.

  3. Ja, das frage ich mich auch. Für mich sind es seit es die Untersuchungsausschüsse gibt, Puppenspielerveranstaltungen, Alibiveranstaltungen. Verbrechen in diesem Lande müssen deutlicher unterschieden werden, also Gruppierungen wären zu bilden. Daran mässen sich die entsprechenden Gesetze anschließen. Lassen Sie es mich so sagen, wenn ein Nazi einen Mord begeht, ist es schwerer zu ahnden, wie wenn jemand einen Mord aus Eifersucht begeht, Mord darf eben nicht gleich Mord sein. Nur so kommen wir der braunen Brut bei. Die lachen doch uns und unsere Demokratie aus.

  4. Ja also, in Sachsen gibgt es keine Versäumnisse, keinen Sachsensumpf und so...

  5. Aus dieser Ruine holte man also eine intakte CD und einen USB-Stick. Ja, Wunder passieren immer wieder ..... .

  6. Defizite;
    Pannen;
    Fehler;
    Versäumnisse;
    Einen wunden Punkt;
    dann endeten diese Bemühungen;
    Ein "eindeutiger Grund hierfür" sei nicht erkennbar;
    ließ der Verfolgungseifer nach;
    stellte die Suche nach dem Trio ein, obwohl es als gefährlich galt;
    teilweise seltsame Methoden;
    hätte erwischen können;
    abenteuerlichen Idee;
    Fehler machten;
    strukturelle Defizite;
    übermittelte nur einen Teil seiner Informationen;
    Hätten Meldungen vorgelegen, wäre denkbar gewesen;
    hätte vermutlich auch darauf gedrungen;

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