Zehn Wochen nach dem Ende der Nazi-Terrorgruppe wird jenseits von Politik, Behörden und Medien vor allem – geschwiegen. Doch es gibt noch viel zu tun. Vor allem die Debatte um ein Verbot der NPD gilt es zu klären.

Es ist etwas mehr als zehn Wochen her, dass dem wiedervereinigten Deutschland schockartig bewusst wurde, ein Art "braunes 9/11" erlebt zu haben. Anfang November endeten in einem Gewaltexzess in Eisenach und Zwickau die fast 14 Jahre rechtsextremen Terrors, mit denen Uwe Mundlos , Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe als "Nationalsozialistischer Untergrund" die Republik überzogen hatten.

Die ihrerseits erst nach dem schaurigen Finale begriff, wer so lange gemordet, gesprengt und geraubt hatte. Seitdem ist viel geschehen. In den Sicherheitsbehörden, die sich einen katastrophalen Blackout geleistet hatten, und in der Politik, die Versäumnisse aufklären will. Aber hat sich auch die Gesellschaft an sich gewandelt? Wo stehen wir heute, zehn Wochen später, mit dem Blick auf Fehler bei Polizei und Verfassungsschutz – und auch bei uns selbst?

Der Lernprozess erscheint mühsam. Erst nach Tagen war der abfällige Begriff "Döner-Morde" aus der Berichterstattung verbannt. Zu Recht hat jetzt eine Jury von Sprachwissenschaftlern die Vokabel zum "Unwort des Jahres 2011" erklärt. Viele, unter ihnen leider auch der Tagesspiegel, schrieben "Döner-Morde", obwohl das Entsetzen über die Hinrichtung von neun Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft durch die Terroristen die Wahrnehmung ressentimentbeladener Sprache erst recht hätte schärfen müssen. Dass es zunächst nicht geschah, korrespondiert mit dem beklagenswerten Mangel an öffentlichem, nicht staatlich vorgegebenem Mitgefühl für die Opfer der Anschläge und die Angehörigen. Keine Lichterketten zogen sich durch Städte, es versammelten sich keine 200.000 Demonstranten am Brandenburger Tor zum Aufschrei gegen rechte Gewalt wie am 9. November 2000, beim "Aufstand der Anständigen". Zehn Wochen nach dem Ende der Terrorgruppe wird jenseits von Politik, Behörden und Medien vor allem – geschwiegen.

Umso stärker fällt auf, dass Regierende in Bund und Ländern und die Experten in den Sicherheitsbehörden viel tun, um den Verlust an Vertrauen und Ansehen einzudämmen, den das Versagen von Polizei und Verfassungsschutz ausgelöst hat. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich und Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger haben sich trotz gleichsam traditioneller Differenzen auf eine Verbunddatei zur Erfassung "gewaltbezogener" Rechtsextremisten geeinigt. Noch 2011 konnte Friedrich mit den Ländern den Aufbau eines "Gemeinsamen Abwehrzentrums gegen Rechtsextremismus" starten, in dem Polizei und Verfassungsschutz Erkenntnisse über das braune Spektrum austauschen. Das Risiko, eine Terrorgruppe zu übersehen, wie fast 14 Jahre beim "Nationalsozialistischen Untergrund", nimmt offenbar ab.

Einige Innenminister prüfen auch, ob die viel zu niedrige offizielle Zahl der Todesopfer rechter Gewalt seit der Wiedervereinigung zu korrigieren wäre. Außerdem kommt die Bundesanwaltschaft bei den so komplizierten wie komplexen Ermittlungen zu den Taten der Terrorzelle und der Unterstützerszene voran. Das sind Signale, die auf eine Rückkehr verloren gegangenen Vertrauens in die Sicherheitsbehörden hoffen lassen.

Gelingen kann das allerdings nur, wenn die Bevölkerung zu erkennen vermag, dass der Untersuchungsausschuss des Bundestags und die Schäfer-Kommission in Thüringen die Aufklärung der Fehler der Behörden zu leisten vermögen. Sicher ist das nicht. Und fraglich bleibt, ob die Debatte um ein Verbot der NPD Vertrauen in staatliches Handeln gegen Rechtsextremismus befördert. Es ist zu wünschen, dass besonnene Geister wie Friedrich und Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht die Oberhand behalten. Selbst wenn dann angesichts juristischer und politischer Risiken auf ein weiteres Verfahren beim Bundesverfassungsgericht verzichtet würde.

Wichtiger als ein Verbot wäre zudem mehr Mitgefühl der Gesellschaft für die Opfer rechter Gewalt. Und eben auch mehr Sensibilität der Polizei im Umgang mit "Migranten". Bliebe die Empathie mäßig, müsste man fragen, ob Deutschland aus dem braunen 9/11 viel gelernt hat.

Erschienen im Tagesspiegel