Bundespräsident Christian Wulff soll es noch einmal versuchen: Mit seinem Interview im Fernsehen hat er die Skepsis vieler Zuschauer gegenüber seiner Person nicht ausräumen können. Eine Mehrheit will ihm aber eine zweite Chance geben. Im ARD-Deutschlandtrend fanden 61 Prozent derjenigen, die das Interview gesehen hatten, Wulff eher nicht überzeugend, 30 Prozent sahen ihn positiver. Jedoch waren 60 Prozent der Ansicht, Wulff habe "jetzt eine zweite Chance verdient", 36 Prozent sahen dies anders.

56 Prozent sprachen sich in der ARD-Blitzumfrage dafür aus, dass Wulff im Amt bleibt – neun Punkte mehr als kurz vor dem Interview. 41 Prozent waren am Donnerstag dafür, dass Wulff zurücktritt, am Mittwoch waren es noch 50.

Der Präsident konnte im Vergleich zum Mittwoch auch in punkto Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit leicht zulegen, erzielt aber weiter schwache Werte. Und: Eine Mehrheit (57 Prozent) hat "den Eindruck, die Medien wollen Wulff fertig machen". 37 Prozent sind anderer Ansicht. Bei der Infratest-Frage, ob dieser Präsident Ende des Jahres noch im Amt sein wird, sind die Deutschen gespalten: 45 Prozent glauben dies, 49 Prozent hingegen nicht.

Eine ZDF-Blitzumfrage der Forschungsgruppe Wahlen ergab ähnliche Zahlen und bestätigte den Trend der ARD-Umfrage.

Wulff ist wegen eines zinsgünstigen Baudarlehens eines befreundeten Unternehmerpaares unter Druck. Den Kredit hatte er in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident erhalten. In dem Fernseh-Interview am Mittwochabend hatte er schwere Fehler eingeräumt und bedauerte, einen Rücktritt lehnte er aber ab.

Neue Frage aufgeworfen

Zugleich brachte er sich selbst in Bedrängnis: Mit seinem Anruf bei Bild- Chefredakteur Kai Diekmann am 12. Dezember habe er den Artikel über seinen Privat-Kredit nicht verhindern, sondern nur eine Verschiebung um einen Tag erreichen wollen, sagte er. Die Zeitung widersprach und bat daraufhin Wulff um Zustimmung den Anruf veröffentlichen zu dürfen. Das lehnte Wulff wiederum ab.

Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Birgit Homburger forderte den Bundespräsidenten auf, Klarheit über seinen Anruf bei der Zeitung zu schaffen. "Die Bild -Redaktion hat eine neue Frage aufgeworfen. Auch diese muss beantwortet werden", sagte Homburger der Welt. Die Debatte sei nicht gut für das Ansehen des Bundespräsidenten. "Das höchste Staatsamt ist in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Debatte schadet auch dem Ansehen der Bundesrepublik Deutschland ", sagte sie und bekräftigte damit auch Kritik aus der Opposition. Daher solle sie schnell beendet werden.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ( FDP ) rief Wulff dazu auf, "nun Vertrauen zurückgewinnen, denn das ist leider verloren gegangen". Unionsfraktionschef Volker Kauder ( CDU ) kritisierte Wulffs Krisenmanagement, fordert aber zugleich, seine Entschuldigung zu akzeptieren.

Das Interview im vollen Wortlaut ist hier zu lesen. Das Video veröffentlichte die ARD hier .