Der parteilose Theologe Joachim Gauck soll nach dem Willen von Koalition und Opposition der nächste Bundespräsident werden. Dies gab Bundeskanzlerin Angela Merkel am Abend auf einer gemeinsamen Pressekonferenz von Union, FDP , SPD und Grünen bekannt. "Dieser Mann kann uns wichtige Impulse geben", sagte Merkel. Gaucks Lebensthema sei die "Idee der Freiheit in Verantwortung", sagte die Kanzlerin weiter. Dies verbinde sie als Ostdeutsche – "bei aller Verschiedenheit" – mit Gauck.

SPD-Chef Sigmar Gabriel meinte: "Ende gut, alles gut." Gauck könne die Kluft zwischen Bürgern und politischer Klasse schließen. FDP-Chef Philipp Rösler betonte, Gauck könne verlorenes Vertrauen in das Bundespräsidentenamt zurückgeben. Grünen-Chefin Claudia Roth sagte, Gauck sei schon 2010 der grüne Kandidat gewesen und könne in Zeiten von Rechtsterror in Deutschland viel bewegen: "Joachim Gauck ist jemand, der Demokratie wieder Glanz verleihen kann."

Mit dieser Entscheidung gab die Union ihren tagelangen Widerstand gegen den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler auf. Aus Unionskreisen hieß es am Abend, man habe das übergeordnete Ziel, einen parteiübergreifenden Kandidaten zu finden, bei der Entscheidung in den Mittelpunkt gestellt. 

Grüne und SPD hatten Gauck seit dem Rücktritt von Christian Wulff immer wieder ins Gespräch gebracht – der ehemalige Leiter der Stasiunterlagen-Behörde war der rot-grüne Kandidat der Bundespräsidentenwahl 2010 und damals erst im dritten Wahlgang gegen Wulff gescheitert.

Knapp am Koalitionsbruch vorbei

Am Sonntagnachmittag hatte sich auch die FDP per Präsidiumsbeschluss für den 72-Jährigen als Nachfolger für Wulff ausgesprochen – und damit die Union unter Druck gesetzt. CDU und CSU hatten sich lange gegen Gauck gesperrt, um nicht eingestehen zu müssen, sich bei der Wahl 2010 geirrt zu haben. 

Am Nachmittag verhärteten sich die Fronten zusehends . Während die FDP sich auf Gauck festlegte, wollte die Union weiterhin den ehemaligen Umweltminister Klaus Töpfer zum Kandidaten machen. Der aber wurde von den Liberalen ebenso abgelehnt wie der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Wolfgang Huber .

Angesichts der unversöhnlichen Haltung zwischen Union und FDP war zeitweise sogar von einem Bruch der Koalition die Rede. Den haben CDU und CSU mit ihrer Kehrtwende verhindert. Aus Unionskreisen verlautete am Abend, auch die Herausforderungen der Euro-Krise hätten die Entscheidung beeinflusst.

Gauck: "Überwältigt und auch ein wenig verwirrt"

Gauck selbst zeigte sich "bewegt", dass es gelungen sei, ihn als gemeinsamen Kandidaten von Union, FDP, SPD und Grünen zu nominieren. Er sei "überwältigt und auch ein wenig verwirrt", sagte er bei seiner Vorstellung durch die Parteispitzen von Koalition und Opposition am Sonntagabend im Kanzleramt.

Am wichtigsten sei es ihm mit Blick auf seine künftige Aufgabe, "dass die Menschen in diesem Land wieder lernen, dass wir in einem guten Land leben, das sie lieben können", sagte er. Er wolle den Menschen Vertrauen in ihre eigenen Kräfte zur Bewältigung die Krise zurückgeben und diejenigen stärken, die auf allen Ebenen des Landes Verantwortung übernehmen würden. Zudem werde er sich auch weiterhin als eine Art "reisender Politiklehrer" verstehen.