ZEIT ONLINE: Die Grünen beschäftigen sich seit einiger Zeit intensiv mit dem Begriff Heimat. Wie passt das zusammen, Herr Dürr, Grüne und Heimat?

Sepp Dürr: Das hat schon immer gepasst. Unser Motto war stets: aus der Region, für die Region. Und natürlich: global denken, lokal handeln.

ZEIT ONLINE: Gibt’s Heimat ohne Muff?

Dürr: Der alte Heimatbegriff war eine Katastrophe, keine Frage. Zuerst haben ihn die Nazis missbraucht, nach dem Krieg kamen dann die schnulzigen Heimatfilme und Heimatromane. Diese Art von Heimatpflege war unerträglich. Aber das sagt nichts aus über das Bedürfnis vieler Menschen, sich regional identifizieren zu wollen. Dem muss man politisch nachkommen, ohne Scheuklappen.

ZEIT ONLINE: Herr Huber, was halten Sie davon, dass die Grünen der CSU jetzt die Deutungshoheit über den Heimatbegriff streitig machen?

Marcel Huber: Ich muss zugeben, dass ich mir noch nicht so viele theoretisch-philosophische Gedanken zu diesem Thema gemacht habe. Das hat mir der Sepp voraus (lacht). Aber die Leute, die sich der CSU verbunden fühlen, reden auch nicht darüber. Die leben Heimat einfach.

ZEIT ONLINE: Was ist denn Heimat für die CSU?

Huber: Heimat ist ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit, sich unter Menschen aufzuhalten, die gleiche oder ähnliche Maßstäbe haben. Es geht um eine Landschaft, die man schön findet, um Traditionen, um Religion. Wenn das alles zusammenpasst, ist das Heimat.

ZEIT ONLINE:  Und die Grünen sind für Sie nach wie vor heimatlose Gesellen?

Huber: Die Grünen haben sich Weltoffenheit, Multikulturalität und Distanzierung von religiösen Prägungen auf die Fahne geschrieben. In diesen Punkten entfernen sich grüne Positionen von dem Heimatbegriff, den viele Menschen in Bayern für selbstverständlich halten.

ZEIT ONLINE: Ihr Generalsekretär Alexander Dobrinth sagte kürzlich, die Grünen versuchten unter dem Deckmantel des Heimatbegriffs nur, ihr "altes ideologisches Multi-Kulti-Denken" zu verkaufen.

Huber: Eine absolute Öffnung nach allen Seiten birgt die Gefahr der Beliebigkeit und höhlt den Heimatbegriff aus. Aber eine gewisse Welterfahrung schadet keinem Bayern. 

Dürr: Es geht zunächst um ein Grundbedürfnis nach sozialer Sicherheit, nach sich aufgehoben fühlen in der Gemeinschaft. Das unterstützen wir. Aber was machen denn die, die anders leben wollen, die werden von dem alten Heimatmodell ausgegrenzt. Dieses " mia san mia " hat mit den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen nix mehr zu tun.

Mein Vorwurf an die CSU lautet: Der alte Heimatbegriff hat nur funktioniert, indem man in der eigenen Bevölkerung Minderheiten definierte und ausgrenzte: Ausländer, Homosexuelle, Unverheiratete, lange auch Frauen. Doch heute sind diese Minderheiten oft die Mehrheit, auch in Bayern. Bestes Beispiel ist die Wahl eines jungen, offen schwulen, evangelischen SPD-Landrates im Bayerischen Wald. Deswegen braucht es einen neuen, offenen Heimatbegriff.

ZEIT ONLINE:  Wie sieht der aus?

Dürr: Wir müssen uns davon verabschieden, dass es irgendwelche Einheimischen gibt, die schon immer da waren und sagen, wo es lang zu gehen hat. Wir meinen, jeder, der hier lebt, muss auch das Recht haben, die Regeln mitzubestimmen.