Eines muss man der FDP lassen: Ihr Verhalten an diesem Wochenende war richtig mutig. Für sie wäre es ein Leichtes gewesen, sich in der mühsamen Präsidentensuche hinter der Koalitionsräson zu verschanzen: Die Union wollte Joachim Gauck partout nicht. Noch am Sonntagnachmittag argumentierte Angela Merkel minutenlang gegen den rot-grünen Kandidaten von 2010, der auch diesmal der Favorit der Opposition war. Niemand in ihrem Parteipräsidium widersprach ihr. Als disziplinierter Juniorpartner hätte die FDP das akzeptieren können, ja vielleicht sogar müssen.

Wäre Schwarz-Gelb gestern mit einem geschlossenen Votum gegen Gauck in die Verhandlung mit der rot-grünen Opposition gezogen, wäre das das Ende der Gauck’schen Kandidatur gewesen, noch bevor sie begonnen hatte.

Zumal die Opposition insgeheim bereit war, auf Gauck zu verzichten . SPD und Grüne hatten diesen Vorschlag in erster Linie erneuert, um die Kanzlerin zu triezen, und weniger weil  sie hofften, dass er Erfolg haben könnte. Zu deutlich hatte Merkel signalisiert, dass sie Gauck nicht akzeptieren würde, da seine Kandidatur wie das Eingeständnis einer Niederlage der Kanzlerin wirken würde.

Rot-Grün einfach beim Wort genommen

SPD und Grüne war das nicht mal unrecht: Sie selbst hatten sich von ihrem Kandidaten von 2010 ein wenig entfremdet. Gaucks Äußerungen seither zum Mindestlohn, der Occupy-Bewegung oder auch zu Thilo Sarrazin enstprachen keinesfalls den rot-grünen Parteilinien. Insofern war das demonstrative Festhalten an Gauck von Rot-Grün taktisch bedingt. Man war bereit von ihm abzurücken, um im Gegenzug ebenfalls einen unliebsamen Kandidaten verhindern zu können. Der Bürgerrechtler diente quasi als Verhandlungsmasse.

Aber die Liberalen haben das erneute rot-grüne Werben für Gauck beim Wort genommen. Sie haben sich dem Oppositionsvorschlag angeschlossen. Sie haben damit die Kanzlerin brüskiert und die Koalition aufs Spiel gesetzt. Es war riskant und tollkühn, wie Wolfgang Kubicki am Sonntag die Haltung der Kanzlerin in der Gauck-Frage als "wirklich peinlich" bezeichnete. Und wie sich Rainer Brüderle zur gleichen Zeit im ZDF öffentlich auf Gauck festlegte. Die FDP hat damit sehenden Auges einen Koalitionsbruch riskiert. Aber letztlich war sie genau damit erfolgreich.

Gründe für die plötzliche Gauck-Unterstützung der FDP gab es mehrere. Zunächst eine grundsätzliche Sympathie: Schon 2010 hatten sich viele Liberale geärgert, mit Christian Wulff den "falschen Präsidenten" wählen zu müssen; sympathischer wäre vielen Liberalen der Bürgerrechtler aus dem Osten gewesen, der stets die Freiheit propagiert.

Getrieben war die FDP aber vor allem vom Mut der Verzweiflung. Als absolute Loserin dieser Legislaturperiode hat sie ohnehin kaum mehr etwas zu verlieren. Von der kaum rational begründeten, sondern vor allem machtpolitisch motivierten Gauck-Ablehnung der Union wollte sie sich nicht vereinnahmen zu lassen.