Bundespräsident in speJoachim Gauck, der Ehrliche

Er gilt als brillanter Redner und ist bekannt für seinen eigenen Kopf. Als Präsident will Joachim Gauck zwischen Regierenden und Regierten vermitteln. von 

"Ich bin noch nicht mal gewaschen", stammelte ein zutiefst ergriffener Joachim Gauck , als Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn am Sonntagabend als überparteilichen Wunschkandidaten für das Bundespräsidentenamt vorstellte . Die Aussicht darauf, in nur wenigen Wochen deutsches Staatsoberhaupt zu sein, hatte den sonst so gestandenen Theologen völlig überwältigt: Mit gesenktem Blick saß er neben der CDU-Vorsitzenden und den anderen Parteispitzen. Er nestelte an seinen Fingern herum, atmete schwer, seine Gesichtsmuskeln verkrampften.

"Ich kann Ihnen jetzt in der Verwirrung meiner Gefühle keine Grundsatzrede abliefern", sagte der 72-Jährige , nachdem ihm das Wort erteilt wurde. Und hatte dann die Lacher auf seiner Seite, als er gestand, dass der Anruf Merkels so kurzfristig gewesen sei, dass er keine Zeit zum Frischmachen gehabt habe. "Ganz tief in der Nacht werde ich vielleicht auch beglückt sein. Im Moment bin ich mehr verwirrt", schloss der Bundespräsident in spe seine Ansprache.

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Gauck , das wird angesichts dieser schonungslosen Ehrlichkeit schnell klar an diesem Abend, wird ein ganz anderer Bundespräsident sein als sein Vorgänger. Von dieser Nominierungspressekonferenz wird vor allem der sympathisch-demütige Auftritt im Gedächtnis bleiben. Das künftige Staatsoberhaupt bat zum Beispiel erst einmal darum, man möge ihm mögliche erste Fehler in seiner Amtszeit "gütlich verzeihen". 

Freiheit als Lebensthema

Es sind genau solche Sätze, für die ihn viele Menschen lieben. Schon während seiner gescheiterten ersten Kandidatur für das höchste Amt im Staat war Gauck zum "Präsidenten der Herzen" geworden. Er ist es immer geblieben: 54 Prozent der Deutschen , so eine aktuelle Umfrage vom Wochenende, wünschen sich ihn nach wie vor als Staatsrepräsentanten. Im zweiten Anlauf wird es nun so kommen.

Wer rückt nach?

Bis zur Wahl eines neuen Bundespräsidenten führt laut Grundgesetz der Präsident des Bundesrates die Amtsgeschäfte. Das ist derzeit der bayerische Regierungschef Horst Seehofer (CSU). Spätestens 30 Tage nach dem Ausscheiden des Staatsoberhauptes muss dann die Bundesversammlung zusammentreten und einen Nachfolger wählen.

Als Horst Köhler 2010 zurücktrat, übernahm der damalige Bundesratspräsident und Bremer Regierungschef Jens Böhrnsen (SPD) kommissarisch die Geschäfte des Staatsoberhauptes. Er tat, wie er später sagte, das "staatspolitisch Notwendige": Gesetze unterzeichnen, Diplomaten empfangen. Aus Respekt vor dem Amt verzichtete er in der Übergangszeit auf Auslandsreisen.

Wann wird von wem gewählt?

Für die Wahl des Bundespräsidenten ist die Bundesversammlung zuständig. Sie setzt sich zu gleichen Teilen zusammen aus den Mitgliedern des Bundestages und aus Personen, die von den Landesparlamenten bestimmt werden.

Aktuell sitzen 620 Abgeordnete im deutschen Bundestag, der Bundesversammlung werden also 1240 Mitglieder angehören. CDU und FDP haben dort nur eine Mehrheit von wenigen Stimmen. Daher könnte möglicherweise ein überparteilicher Kandidat nominiert werden.

Der Nachfolger des zurückgetretenen Christian Wulff muss spätestens bis zum 18. März gewählt sein.

Joachim Gauck wurde am 24. Januar 1940 in Rostock geboren, in den Zeiten des "finsteren dunklen Krieges" – daran erinnerte er auch am Sonntag bei seiner Nominierung. Nach dem Krieg folgte die SED-Diktatur: 40 Jahre lebte und arbeitete der evangelische Pfarrer in der DDR. Eigentlich wollte er Germanistik und Geschichte studieren, doch weil er nicht Mitglied der FDJ wurde, blieb ihm dies verwehrt . Prägend für Gauck war außerdem ein Erlebnis aus seiner Kindheit. Sein Vater wurde 1951 wegen "antisowjetischer Hetze" zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt.

Freiheit ist deshalb Gaucks Lebensthema. In wenigen Tagen erscheint sein neues Buch. Titel: "Freiheit. Ein Plädoyer". Als Bundespräsident wolle er erreichen, "dass die Menschen in diesem Land wieder lernen, dass sie in einem guten Land leben, das sie lieben können", sagte Gauck am Sonntag noch: "Weil es ihnen die wunderbaren Möglichkeiten gibt, in einem erfüllten Leben Freiheit zu etwas und für etwas zu leben."

Leserkommentare
  1. ist einer noch nicht durch die "hohe Schule" der sich bedeckt haltenden und zu oft leere Sprechblasen produzierenden und von der Meute bedrängten "Politiker" und Co. gegangen....ich bin gespannt,wie sich das weiter entwickelt,wenn er es mit der "Meute" zu tun bekommt....ich drück ihm jedenfalls die Daumen, dass er sich nicht drängeln lässt....

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    "ist einer noch nicht durch die "hohe Schule" der sich bedeckt haltenden und zu oft leere Sprechblasen produzierenden und von der Meute bedrängten "Politiker" und Co. gegangen....ich bin gespannt,wie sich das weiter entwickelt,wenn er es mit der "Meute" zu tun bekommt....ich drück ihm jedenfalls die Daumen, dass er sich nicht drängeln lässt...."

    Das Beste, was man Gauck antun kann, wäre die Vermeidung von allzuviel Vorschußlorbeeren und eine möglichst kritische Betrachtung im Vorfeld. Dann ist die Enttäuschung nicht zu groß, wenn es sich herausstellt, daß auch Gauck wie jeder andere kein Sauber- und Supermann ist. Wenn er wirklich der Unbequeme sein will, der den Parteien auf die Füße tritt und sein Amt nutzt, um Klartext zu sprechen sowie Heilige Kühe reihenweise zu schlachten, wird er ein sehr dickes Fell und eine stabile Unterstützung der Bevölkerung brauche.

  2. Entfernt. Bitte bleiben Sie konstruktiv. Danke, die Redaktion/se

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    Sie meinen das ernst, sehr ernst....

    Ich glaube bei Ihnen steht eine Aufarbeitung an bzw. aus.

    Herr Gauck, und nicht sein Vater, steht zur Wahl zum Bundespräsidenten.
    Ein erfreulicher Tag für Deutschland, finde ich.

    • gerd-h
    • 20. Februar 2012 5:35 Uhr

    vielleicht etwas daneben, Birnen mit Äpfeln vergleichen zu wollen, und bitteschön - einen Vater für die Geschichte verantwortlich zu machen, halte ich für mehr als anmaßend und unverschämt. Im übrigen war die die gestrige abendliche Nachricht die 1 Gute in diesem Jahr...

    • Afa81
    • 20. Februar 2012 10:14 Uhr

    Also, Gaucks Vater steht nicht zur Wahl. Außerdem - wieso ist jeder, der antisowietische Propaganda betreibt ein Nazi? Irgendwie räumen Sie damit den Nazis auch ein helles Kapitel ein, oder verstehe ich das falsch?

    Also, wenn jeder, dessen Vorfahren mal Mitglied der NSDAP waren, keine gesellschaftlichen Ämter bekleiden darf, dann wird die Wahl wohl eng...

  3. Sie meinen das ernst, sehr ernst....

  4. Entfernt da unsachlich. Die Redaktion/mak

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    • Peterra
    • 20. Februar 2012 1:09 Uhr

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

  5. Eigentlich wurde in den Kommentaren zu den anderen Artikeln schon alles über ihn gesagt.
    Ich denke in Zeiten von Acta, ausuferndem Kapitalismus und überheblichen Politikern ist Herr Gauck die ideale Besetzung.
    Ich pendle seit nunmehr 4 Jahren zwischen Deutsch- und Ausland und grüble gerade, ob ich mich mit dem, was hier gerade geschieht überhaupt noch identifizieren kann. Denn ein heimatliches Frohgefühl stellt sich mir gerade nicht ein. Denn bislang hatte ich immer den Eindruck, dass es hier doch noch "besser" lief.
    Aber haftet denn der Aussitzattitüde (Österreich), einem mediterraner Wulff (Berlusconi), demokratische Freiheit (Ukraine, Russland) und sozialen Unruhen (London/England) wirklich noch etwas so Fremdes an? Oder scheint uns das nicht längst eingeholt zu haben?

    Ein besorgter Bürger, der die Freiheit liebt, in der er dachte, aufgewachsen zu sein

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    Auch ich überlege, ob ich mich wirklich wieder fest in Deutschland niederlassen möchte oder nicht. Will ich in ein Land zurück, dass offensichtlich nur noch mit Hilfe von Medien Korruption in politischen Kreisen zur Kenntnis nimmt? Wo eine Kanzlerin immer den Menschen ihr Vertrauen ausspricht, die ganz offensichtlich auf die ein oder andere Art so gefehlt haben, dass sie im Amt nicht mehr tragbar sind? Ein Land, in dem wichtige Entscheidungen nur aus wahltaktischen Gründen getroffen werden und eine Kanzlerin hat, die Deutschland an die EU verkauft und ansonsten nur reagiert, nicht agiert?

    Gauck scheint ein Zeichen zu sein. Gleichzeitig lese ich über die empörten CDU Reaktionen, die der Ansicht sind, dass die FDP mit der Ablehnung der CDU-Kandidaten ein unverzeihliches Verbrechen begangen hat.

    Aber die zur Überlegung anstehenden Kandidaten der CDU waren erneut stramme CDU-Politiker, die Merkel treu dienen würden oder ihr gar im Wege stehen, bzw. bei Lammert zeigen, dass die Königin und ihr Gefolge sehr wohl kritisiert werden können. Parteikalkül und Geklüngel stand im Vordergrund.

    Ich bin kein Fan der FDP - und ob Gauck der Richtige ist, wer weiß das schon - schlimmer als Wulff kann es nicht mehr werden. Aber seit Wulffs Rücktritt hat mich das Verhalten von Merkel und der CDU extrem abgestossen. Antidemokratisch sollte erneut der BP nur einer dienen, der taktierenden Frau, die bereits 2x in ihrer Wahl versagt hat.

    - Russland und Ukraine, - alles klar, der Karneval lässt grüßen.

    • Peterra
    • 20. Februar 2012 1:09 Uhr

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

    Antwort auf "Bei uns im Westen"
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    Wenn man Sachbeschädigung mit politischer Motivation betreibt. Etwa ein CDU-Plakat beschmiert, gilt man schon als Linksextremist in diesem Land und wird entsprechend von der ach so glorreichen Justiz behandelt.

  6. endlich einen streitbaren, ehrlichen, kantiken, überzeugenden bundespräsidenten, der bestimmt nicht bequem sein wird für politiker wie bürger.

    frau merkel, da hätten sie sich einiges an imageverlust und ärger sparen können. ich glaube, sie fürchteten die integrität und die moralische überlegenheit von herrn gauck und damit den verlust von macht.

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    • marconi
    • 20. Februar 2012 9:13 Uhr

    Werter "landkrieg", die Gutmenschen von Rot-Grün werden sich noch wundern. Ich empfehle sein Essay über "Die Freitheit".

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