BundespräsidentGaucks Stärke ist seine Geschichte

Zwanzig Jahre nach der Wende soll ein Ostdeutscher Bundespräsident werden. Seine Herkunft könnte Programm werden. K. Polke-Majewski kommentiert von 

Vielleicht ist die Nominierung Joachim Gaucks für das Amt des Bundespräsidenten ja auch ein Missverständnis. Wer an diesem Montag die Presse-Kommentare las, konnte beispielsweise auf einen denkwürdigen Artikel von Heribert Prantl stoßen. Prantl vergleicht den Kandidaten auf Süddeutsche.de mit Helmut Schmidt , Hildegard Hamm-Brücher und Hans-Jochen Vogel .

All dies sind ehrenwerte Zuschreibungen für einen ehrenwerten Mann. Nur hängt ihnen ein Hauch alter Bundesrepublik an. Mit merkwürdig nostalgischem Unterton wird suggeriert, auf dem Sessel Heuss', Heinemanns und von Weizäckers werde nun wieder eine bürgerlich-intellektuelle Person Platz nehmen und wortgewaltige Reden halten.

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Joachim Gauck verkörpert vieles davon. Doch ist er Ostdeutscher. Das macht einen wichtigen Unterschied.

Zwanzig Jahre hat es gedauert, bis es dieses Land wagte, einen Ostdeutschen an seine Spitze zu wählen. Kandidaten gab es einige, gute und schlechte, darunter der Molekularbiologe und Bürgerrechtler Jens Reich , der ehemalige sächsische Justizminister Steffen Heitmann , die Physikerin Dagmar Schipanski , der Schauspieler Peter Sodann . Noch mehr Namen wurden gehandelt.

Konservativ und widerständig

Gewählt allerdings wurde keiner von ihnen. Vielmehr entschied man sich erst für bundesrepublikanisches Polit-Urgestein: Roman Herzog , Johannes Rau . Später dann für westdeutsche Funktionärstugenden: Horst Köhler , Christian Wulff . Zwei Jahrzehnte nach der friedlichen Revolution zieht nun ein Bürgerrechtler ins Schloss Bellevue ein.

Doch worin liegt der Unterschied, ob nun jemand von westlich oder östlich des Harzes dieses Amt inne hat? In einer wichtigen politischen Grunderfahrung. Während nämlich Westdeutsche sich stets wünschen, die Gesellschaft möge sich wandeln, aber dies gleichzeitig nicht für möglich halten, haben die Ostdeutschen erlebt, dass sich die Dinge tatsächlich schnell und umfassend ändern können. Im Falle Gaucks: zum Guten.

Daraus erwächst eine neue Kraft. Denn so konservativ Gauck auch manchmal sein kann, so wenig lässt er sich fesseln von vermeintlichen Regeln und Zwängen. Das hat er schon bewiesen, als er gegen den Widerstand von Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble , aber auch von Marion Gräfin Dönhoff und Egon Bahr die Stasi-Akten öffnete.  

Die ostdeutsche Autorin Jana Hensel schrieb 2010 , als Gauck das erste Mal nominiert worden war: "Er teilt mit den Ostdeutschen die Erfahrung eines Umbruchs und könnte in Krisenzeiten ein Gefühl dafür vermitteln, dass es sich immer lohnt, nach neuen Wegen und Auswegen zu suchen." War die Wahl Christian Wulffs ein Signal dafür, das politische Geschäft weiterhin in den alten Bahnen laufen zu lassen, ist die Nominierung Gaucks eine Aufforderung für alle Bürger, sich nicht in etablierten Strukturen einzurichten, sondern ihre Freiheit zu nutzen. Da steckt Zündstoff drin. Dem Land kann das nur gut tun.

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Leserkommentare
    • _bla_
    • 21. Februar 2012 5:40 Uhr

    "Das Volk soll also nach Gauck mehr schuften und weniger materielles dafür erwarten, weil eine spezielle Spezies von Gierhälsen - die Kameraden von Wulff z.B. - nicht genug bekommt..."

    Gerade wo Sie die schwindenden Erdölvorkommen schon ansprechen:
    Mal drüber nachgedacht, dass es sich nur zu einem relativ Teil um ein Verteilungsproblem handelt? Sowohl gehen die Vorräte vieler Bodenschätze langsam zu neige, als auch holen viele Entwicklungs- und Schwellenländer deutlich auf. Schon die untere Mittelschicht bei uns leistet sich etliche Sachen, die auch bei heutigem Resourcenangebot nicht machbar wären, würden alle Menschen dieser Erde auf diesem Niveau leben, denken Sie etwa an häufigen Fleischkonsum, Flugreisen oder Autofahren.

  1. Ist die Zeit schon zu einem Boulevardblatt verkommen? Ständig scheint unhinterfragt mit dem Mainstream geschwommen zu werden. Immer Vorsicht mit Vorschußlorbeeren, das hat schon bei Obama nichts gebracht. http://www.heise.de/tp/ar...

  2. Manchmal könnte man denken in unserem Land leben nur 3 Frauen und 3 Männer.

  3. Gauck hatte Sarrazin Ende 2010 für dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ gelobt und dem früheren Bundesbankvorstand Mut attestiert. Sarrazin habe über ein bestehendes gesellschaftliches Problem offener gesprochen als die Politik.

    Ein solches Attest öffentlich auszusprechen geht (angesichts der offiziellen "Sprachregelung") nicht ohne Mut.

    Dass Gauck dies tat, zeugt nicht zuletzt von unbeirrter Urteilskraft und Ehrlichkeit.

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    • snilax
    • 21. Februar 2012 8:15 Uhr

    selbstsucht und eitelkeit.

    • tom1972
    • 21. Februar 2012 7:45 Uhr

    Wieviele Nazis waren Verbindungsleute für die Besatzungsmächte? Hätte eine Trümmerfrau ein Ressort übernehmen sollen? Und natürlich waren beim MfS alle gleich. Und wie lautete die Anfrage? Und macht es einen Unterschied, ob es 80 oder 800 waren? Viel schlimmer wäre es gewesen, wenn der Staatsanwalt nach einem Herrn XY fragt, Gauck behauptet, ihn nicht zu kennen und später heisst es "ach DER XY... Jaaah, der fegt bei uns den Hof..." Wieviele Nazis waren bei Adenauer "beschäftigt" und wann wussten wir davon und warum wussten wir es nicht, als es wichtig gewesen wäre zu wissen?

    • snilax
    • 21. Februar 2012 8:14 Uhr
    182. Was genau

    war denn jetzt das Verdienst des Herrn Gauck in der DDR, was ihn heute zum BP befähigt?

    • snilax
    • 21. Februar 2012 8:15 Uhr
    183. oder von

    selbstsucht und eitelkeit.

  4. ... ein Fann von Gauck wäre. Ich halte ihn für einen rechts inhaltsleeren Pathetiker (aber das war Johannes Rau auch).
    Trotzdem: Was eine entfesselte Netzgemeinde in einem absurden Stille-Post-Spiel an Hetze betreibt, kann man hier nachlesen:
    http://www.cicero.de/berl...

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    • gokahe
    • 21. Februar 2012 8:47 Uhr

    Ich habe gelesen und festgestellt, Bruchstücke aus dem Zusammenhang gerissen und dann noch persönlich Gauck schützend interpretiert. Kann man(ich) wirklich absurd bezeichnen. Der eine und andere Kommentator zum Artikel auf gleicher Seite bringt es auf den gleichen Punkt. Einfach mal die Originale aufrufen, es gibt da herrliche Wortmeldungen nicht geschrieben sondern gesprochen von Angesicht zu Angesicht. Also wer beurteilen möchte sollte ein bißchen mehr tun und vor allen nachdenken beim lesen. Es wäre eigentlich Aufgabe der ach so unabhängigen? und überparteilichen? Medien wie z,Bsp. die Zeit allumfassend aufzuklären.
    gruß gokahe

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Geschichte | Joachim Gauck | Christian Wulff | Bundespräsident | Helmut Kohl | Helmut Schmidt
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