Bundespräsident in spe: Joachim Gauck © Sean Gallup/Getty Images

Der künftige Bundespräsident ist ein bisweilen spontaner, verstörender Redner. Er spricht aus, auch in Interviews, was ihn umtreibt. Gelegentlich widerspricht er sich dabei selber – und denen, die ihn unterstützen.

Worin sich Joachim Gauck aber immer treu bleibt, ist sein unbedingter Wille zur Freiheit. Sie ist ihm, der die kommunistische Diktatur erlebt hat , neben der Demokratie als deren Ausdrucksform zum Lebensprinzip geworden. Dies bestimmt sein Reden, darin will und wird er sich nicht verbiegen lassen. Auch nicht unter manchen Zwängen, die sein neues Amt mit sich bringt.

Gauck wird für alle fünf Parteien, die ihn jetzt gemeinsam nominiert haben, kein einfacher Präsident werden, ebenso wenig wie für die Bürger. Vor allem aber nicht für SPD und Grüne, die ihn 2010 als Gegenkandidaten gegen Christian Wulff ins Rennen geschickt hatten.

Der Konsenskandidat ist keine Konsensfigur: Ihm ist zuzutrauen, dass er im Laufe seiner Amtszeit Union und FDP ebenso mit Einlassungen ärgert wie SPD und Grüne. Von der Linkspartei , die ihn, den überzeugten Antikommunisten und Gründungsleiter der Stasiunterlagen-Behörde, nicht wählen wird, hält Gauck ohnehin nichts.

Freiheit, das höchste Gut, ist für den Theologen und gläubigen Demokraten Gauck zuallererst " Freiheit zur Verantwortung ". Das ist seine säkularisierte Botschaft. Nicht der Staat, den er schon als Kind erst in der braunen und dann roten Diktatur als brutale Obrigkeit erfahren hat, die ihm für Jahre den Vater wegnahm, ist für ihn zuerst gefordert. Sondern der Bürger selbst, erst recht im vereinten Deutschland, das er als freiheitlichstes Land lobt, das er kennt. Seine Haltung zu diesem Land ist deshalb in erster Linie von Dankbarkeit geprägt, nicht von Kritik daran.

Skepsis gegen Antikapitalismus

Seine Erfahrungen mit dem Sozialismus bestimmen auch seine Haltung zur Marktwirtschaft. Deshalb bezeichnete er die kapitalismuskritische Occupy-Bewegung auf einer ZEIT-Matinee als "unsäglich albern" und prophezeite: "Das wird schnell verebben." Was ihm nun in Internetforen und sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter wütend entgegengehalten wird und manche bei SPD und Grünen von ihm abrücken lässt .

Doch Gauck kannte in der DDR das verstaatlichte Bankwesen ("Ich habe in einem Land gelebt, in dem die Banken besetzt waren.") Darum kann er Demonstranten, die Banken und Börsen belagern, nichts abgewinnen – und seien sie noch so guter Überzeugung.

Gauck wird von seinen Gegnern auch angelastet, dass er in Interviews seit seiner gescheiterten Kandidatur 2010 die Proteste von Hartz-IV-Gegnern verächtlich gemacht, ja sich als "Theologe der Herzlosigkeit" geoutet zu haben.