Dieser dramatische Sonntag wird womöglich in das Geschichtsbuch der Bundesrepublik eingehen. Er bedeutet einen Einschnitt wie schon der Rücktritt von Christian Wulff . Die schwierige, aber am Ende doch schnelle Verständigung von CDU , CSU , FDP , SPD und Grünen auf den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und Pfarrer Joachim Gauck als überparteilichen Nachfolgekandidaten nur zwei Tage danach ist in jeder Hinsicht bemerkenswert:

Die Regierungskoalition wäre über die gemeinsame Nachfolgesuche mit der rot-grünen Opposition beinahe zerbroche n. Dies zeigt deutlicher denn je, wie wenig Union wie FDP noch an ihrem Bündnis liegt. Und es macht deutlich, dass beide Parteien mit Blick auf das Wahljahr 2013 schon auf der Suche nach neuen Koalitionspartnern sind.

Die FDP wollte um jeden Preis, selbst um den einer Regierungskrise, ihre Unabhängigkeit demonstrieren – auf Kosten von CDU und Merkel. So möchte sie sich vor dem drohenden Untergang bewahren. Deshalb das überraschende Plädoyer für Gauck, obwohl der 2010 immerhin auch der Gegenkandidat der Liberalen war. Diesmal hat sich die FDP nicht nur für Gauck entschieden, sie hat diesen Dissens mit Merkel auch noch bewusst öffentlich gemacht.

Die Kanzlerin hatte ebenso klare Gründe, gegen Gauck zu sein, obwohl er eher ein Konservativer ist. Doch den ehemaligen Kandidaten von Rot-Grün zum Bundespräsidenten zu machen, das konnte Merkel nicht wollen. Das konnte sie SPD und Grünen nicht gönnen. Erst die Aussicht auf einen Bruch der Koalition ließ sie einlenken. Neuwahlen zu diesem Zeitpunkt sind nicht in ihrem Sinne.

Das Ergebnis zählt

Denn Merkel weiß auch: Entscheidend ist, was hinten rauskommt . Das hat sie von ihrem Ziehvater Helmut Kohl gelernt. Der Beinahebruch ihrer Koalition wird schnell vergessen sein, fürs Erste jedenfalls. Und so wird auf lange Sicht auch sie von der schnellen Wahl von Gauck als Konsens-Staatsoberhaupt profitieren. In Erinnerung bleiben wird weniger ihre Kehrtwende, als vielmehr ihre Entscheidung für Gauck. So war es schon beim Atomausstieg.

Ihr hilft dabei, dass Gauck der Präsident des Volkes war und ist. Ihn wollten schon 2010 die Mehrheit der Wähler und der Medien, und selbst ein nicht unerheblicher Teil der CDU-Mitglieder und -Abgeordneten, von denen ja manche sogar in der Bundesversammlung für ihn stimmten.

Und Merkel wird mit Gauck gut leben können. Er steht ihr in vielen Punkten nahe: in der Gegnerschaft zum SED-Regime, der kirchlichen Prägung, dem Glauben an den Fortschritt und in der Distanz zur antikapitalistischen Occupy-Bewegung, die ihn diesmal für nicht wenige bei SPD und Grünen schwerer wählbar macht.

Gauck ist so gesehen eher ein schwarz-gelber als ein rot-grüner Kandidat, daher auch für Merkel und die CDU gut wählbar. Aber auch Rot-Grün kann ihn reinen Gewissen mittragen, schließlich war er ja ihr Kandidat. Also ist er nicht nur für das Land, sondern auch für die fünf beteiligten Parteien fast so etwas wie die ideale Kompromisslösung.