FDP-Chef Philipp Rösler hat bestätigt, was bisher aus Kreisen der Teilnehmer verlautete: Die Suche nach einem konsensfähigen Präsidentschaftskandidaten wäre am Sonntag beinahe im Koalitionsbruch geendet. "Die Möglichkeit, die Koalition zu beenden, ist von der Union mehrfach genannt worden", sagte Rösler der Welt. Die Reaktion von Bundeskanzlerin Angela Merkel ( CDU ) auf das einstimmige Votum des FDP-Präsidiums für Gauck im Kanzleramt sei "scharf" gewesen.

Merkel hätte eigentlich lieber den früheren UN-Umweltexperten Klaus Töpfer nominiert. Während die CDU-Chefin das Parteipräsidium in einer Telefonrunde gegen Gauck eingeschworen hatte, legte Rösler seine oberste Parteispitze auf den Theologen und früheren DDR-Bürgerrechtler fest. Das einstimmige Votum des FDP-Präsidiums wurde der Verhandlungsrunde im Kanzleramt über Medienberichte bekannt – ein Affront gegen den Koalitionspartner. Nach Informationen des Tagesspiegel brüllte Merkel Rösler an. Die Heftigkeit der Reaktion habe überrascht, zitiert die Zeitung einen aus der Parteispitze.

Von dem Moment an war klar, dass Rösler Gauck durchsetzen musste, wenn er nicht als Parteichef irreparablen Schaden erleiden wollte. Um die Koalition zu retten, beendete Merkel "dieses dramatische Zwischenspiel" und gab ihren Widerstand gegen Gauck auf, bestätigte Rösler. Kurz vor der 20-Uhr- Tagesschau rief sie erneut das CDU-Präsidium an die Telefone und sagte, im Interesse eines Fortbestandes der Koalition sei es unumgänglich, den früheren Bürgerrechtler zu nominieren.

Kritiker aus der Union hatten den Liberalen wegen ihres Vorgehens Vertrauensbruch vorgeworfen . Rösler entgegnete nun, das gute Verhältnis in der Koalition sei nicht zerstört. Eine funktionierende Partnerschaft meistere "Situationen, wo auch Eigenständigkeit gefragt ist, immer souverän".

Er verteidigte sein Handel mit dem Hinweis, eine eigenständige Partei wie die FDP habe auch eine eigene Position. Zur Präsidentschaftswahl 2010 hatten die Liberalen allerdings nicht Gauck, sondern gemeinsam mit der Union Christian Wulff nominiert.

FDP-Generalsekretär Patrick Döring versuchte, die Bedeutung des Verhandlungsverlaufes im Kanzleramt herunterzuspielen. Die Liberalen hätten zu keinem Zeitpunkt die Frage des Präsidentschaftskandidaten mit dem Fortbestand der Koalition verbunden, sagte er.

Niebels Sinneswandel

Den Sinneswandel der FDP verdeutlichte auch Entwicklungsminister Dirk Niebel noch einmal: "Er ist einfach der beste Mann", sagte Niebel in einem Interview. Die FDP habe eine klare Position eingenommen, weil sie der Ansicht war, dass das höchste Staatsamt "nicht über einen langen Zeitraum mit jemandem besetzt sein sollte, der erst wieder Vertrauen gewinnen muss". Joachim Gauck habe das notwendige Vertrauen in der Bevölkerung bereits.

Niebel lobte die Kanzlerin für ihr Einlenken. "Wer neue Erkenntnisse gewinnt, ist in meinen Augen kein Umfaller", sagte er. Niemand sei persönlich beschädigt. Nach der Einigung auf einen gemeinsamen Kandidaten gebe es keinen Grund für persönliche Rachegefühle.