Der heutige Tag könnte eigentlich ein rot-grüner Festtag sein. Mit Joachim Gauck wird nun doch noch der Mann neuer Bundespräsident, den Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin bereits im Frühjahr 2010 auf die politische Bühne zurückgeholt und als ihren Kandidaten benannt haben. Die Bevölkerung verehrt ihn, der Boulevard liebt ihn, und seit gestern preist ihn auch Schwarz-Gelb als bestmöglichen Präsidenten .

Rot-Grün hat zwar nach zwei Jahren seinen Wunschpräsidenten installieren können. Aber richtig freuen können sich die Oppositionsparteien nicht.

Gut, vordergründig lobten sich die roten und grünen Spitzenpolitiker an diesem Montag ganz ordentlich selbst für ihre Zusammenarbeit mit der Bundesregierung . Gerade SPD-Chef Sigmar Gabriel, dem seit jeher der Ruf der Unseriosität und Sprunghaftigkeit anhaftet, war sichtlich um einen staatsmännischen Auftritt bemüht. Mehrfach bezeichnete er das Wochenende, an dem Regierung und Opposition kooperierten, als "Neuanfang" und Zeichen einer "neuen politischen Kultur". Von "parteitaktischen Spielchen" habe ein Großteil der Bevölkerung die Nase voll, so Gabriel am Samstag im Willy-Brandt-Haus.

Allerdings klangen die rot-grünen Reaktionen nach der Gauck-Entscheidung nicht besonders souverän, sondern eben doch deutlich nach Parteitaktik. Gegen die Regierungsparteien, die sich beide auf die Opposition zubewegt haben, wird seit der Einigung gestichelt. Der selbst formulierte Anspruch, eine neue politische Kultur mit Gauck begründen zu wollen, wird so konterkariert.

"Merkel ist umgefallen"

Die Parteipolitik stand schon am Sonntagabend, auf der Pressekonferenz der sechs Parteichefs mit Gauck, wieder im Vordergrund: Genüsslich betonte Gabriel gleich im ersten Satz, dass seine Partei "bereits" seit 2010 für Gauck sei, während die Regierungsparteien erst "inzwischen" erkannt hätten, was für einen tollen Vorschlag Rot-Grün damals gemacht habe. Neben Gabriel saß Gauck. Ihm war die Lobhudelei sichtlich unangenehm.

Schärfer wurde Gabriels Generalsekretärin in der ARD-Talkrunde von Günther Jauch. "Merkel ist umgefallen", lästerte Andrea Nahles über die Kanzlerin. Auch der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD , Thomas Oppermann , watschte am Montag die Regierungsparteien ab: Selten sei "der desolate Zustand" von Schwarz-Gelb so offensichtlich gewesen wie an diesem Wochenende. Merkel sei der Machterhalt "immer wichtiger als jede persönliche Überzeugung".

Ähnlich klang es bei den Grünen. Ihr Parteichef Cem Özdemir griff am Montag zu einem großen historischen Vergleich: "Das Vertrauen in den schwärzesten Tagen des Kalten Krieges war größer als zwischen Schwarz und Gelb in dieser Koalition."