Die überraschende Nominierung des Theologen und früheren DDR-Oppositionellen Joachim Gauck als Präsidentschaftskandidat belastet die Stimmung in der Koalition. Insbesondere der FDP wird verübelt, dass sie sich per Gremienbeschluss auf Gauck festlegte, ohne die Unionsspitze zu informieren. Fraktionsvize Michael Kretschmer warf den Liberalen einen "gewaltigen Vertrauensbruch" vor. Das Verhalten der FDP werde schwere Folgen für die weitere Zusammenarbeit in der schwarz-gelben Koalition haben.

Die Vorsitzenden von CDU , CSU , FDP, SPD und Grünen hatten sich am Sonntagabend auf die Nominierung des 72-jährigen Gauck verständigt . Davor soll es in der Sitzung im Kanzleramt Irritationen gegeben haben, weil sich das FDP-Präsidium einstimmig zu Gauck bekannt hatte, den zuvor SPD und Grüne ins Gespräch gebracht hatten.

Kretschmer attackierte die FDP-Führung scharf. "Das Verhalten ist symptomatisch für den Zustand der FDP", sagte er. "Unter Hans-Dietrich Genscher oder Klaus Kinkel wäre ein solches Verhalten undenkbar gewesen."

CDU-Generalsekretär bemüht sich um Beruhigung

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe bemühte sich, die Lage zu beruhigen. Die Gespräche seien nicht leicht gelaufen, sagte er im ZDF. "Die Würde des Amtes und auch das Ansehen von Joachim Gauck verbieten es jetzt, irgendwie nachzukarten im Hinblick auf mitunter nicht leichte Entscheidungsprozesse." Man habe als Koalition einen Auftrag, der zu erfüllen sei.

Auch der schleswig-holsteinische FDP-Politiker Wolfgang Kubicki sprach sich für ein Ende des Streits in der Koalition aus. "Wir sollten jetzt nicht zurückblicken im Zorn", sagte er. Die Politik habe mit Gaucks Nominierung gezeigt, "dass wir handlungsfähig sind". Kubickis Partei will zur Landtagswahl am 6. Mai die Regierungsmacht gemeinsam mit der CDU verteidigen.

SPD und Grüne hatten Gauck bereits zur Präsidentschaftswahl 2010 aufgestellt, gegen Christian Wulff , den Koalitionskandidaten. Die erneute Nominierung Gaucks war durch das unerwartete Einlenken der Bundeskanzlerin möglich geworden, die den von SPD, Grünen und FDP favorisierten Kandidaten eigentlich nicht wollte. Sie hatte Ex-Umweltminister Klaus Töpfer oder den Ex-Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber , favorisiert. Diese Kandidaten lehnte die FDP jedoch ab. Auf einer Präsidiumssitzung der Liberalen wurden die Personalvorschläge der Union als "Provokation" gewertet, wie es aus Parteikreisen hieß.