ZEIT ONLINE: Frau John, in Berlin findet die zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremer Gewalt statt. Dabei soll der zehn Mordopfer gedacht werden, die mutmaßlich von den Rechtsterroristen aus Zwickau getötet wurden. Können Sie uns sagen, was sich die Hinterbliebenen von diesem Staatsakt erhoffen?

Barbara John: Den Familien ist es sehr wichtig, dass in aller Öffentlichkeit ihr guter Ruf wiederhergestellt wird . Sie müssen sich vorstellen, wie das für sie war: Ein naher Angehöriger wurde ermordet und die Polizei unterstellte dem Toten zum Beispiel, Mitglied einer südländischen Mafia gewesen zu sein. Oder die Ehefrau eines Toten wurde indirekt der Mittäterschaft beschuldigt. So ist bei den Angehörigen viel Misstrauen gegen andere Familienmitglieder gesät worden, da ist viel kaputt gegangen in den jeweiligen sozialen Netzen, auch im Verhältnis zu den Nachbarn beispielsweise.

Persönlich finde ich auch, dass bei der Gedenkveranstaltung nochmal deutlich das Versagen der Sicherheitsbehörden thematisiert werden sollte. Nur der Kommissar Zufall hat ans Tageslicht gebracht, dass die Morde rechtsextremistisch motiviert waren. Das ist einfach untragbar, das darf nie wieder passieren. Für mich ist auch wichtig, dass es mit dem Gedenktag nicht getan ist, die Hinterbliebenen werden in Zukunft noch viel Unterstützung brauchen.

ZEIT ONLINE: Was brauchen die Angehörigen der Opfer am dringendsten?

John: Die Angehörigen wurden nach der Tat vor einigen Jahren oft alleine gelassen, sie brachten die Kosten für die Beerdigung und den Unterhalt der verbliebenen Familie selbst auf. Da haben Kinder ihre Ausbildung abgebrochen, um Geld zu verdienen und nun steht ihre Einbürgerung auf der Kippe. Andere wiederum sind nie auf die Idee gekommen, staatliche Leistungen aus dem Opferentschädigungsgesetz zu beantragen. Viele der Angehörigen sind traumatisiert und benötigen psychologische Hilfe. Vor allem seit sie wissen, dass ihr Angehöriger wohl von einer rechtsextremen Terrorzelle umgebracht wurde. Das reißt die Trauer wieder auf und schürt auch Ängste. Denn der braune Sumpf existiert weiter. Eine junge Frau, deren Familie vom Kölner Nagelbomben-Attentat betroffen war, wird heute noch auf dem Schulhof mit "Heil Hitler" beschimpft. Es wird lange dauern, das Vertrauen in den Staat und in staatliche Sicherheit wiederherzustellen.

ZEIT ONLINE: Nicht alle Angehörigen werden an der Gedenkfeier teilnehmen, auch weil sie die Öffentlichkeit scheuen. Wie viele Hinterbliebene haben Sie identifiziert und wird Ihr Hilfsangebot angenommen?

John: Zu Beginn meiner Arbeit habe ich Fragebögen an 66 betroffene Familien versandt. Darin habe ich zum Beispiel gefragt, ob sie psychologische Betreuung brauchen, wer damals die Bestattungskosten ihres Angehörigen bezahlt hat, ob sie einen Anwalt genommen hatten und ob sie den selbst bezahlt haben. 50 ausgefüllte Bögen haben wir bereits zurückerhalten, die werten wir gerade aus. Ich werde außerdem fast täglich angerufen und versuche den Familien der Opfern, so gut es geht, immer sofort weiterzuhelfen.