Opferbeauftragte John"Die Hinterbliebenen werden noch viel Hilfe brauchen"

"Es gilt den guten Ruf der Familien wiederherzustellen." Im Interview sagt die Opferbeauftragte Barbara John, ein Staatsakt für die NSU-Opfer allein reiche dafür nicht. von 

ZEIT ONLINE: Frau John, in Berlin findet die zentrale Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremer Gewalt statt. Dabei soll der zehn Mordopfer gedacht werden, die mutmaßlich von den Rechtsterroristen aus Zwickau getötet wurden. Können Sie uns sagen, was sich die Hinterbliebenen von diesem Staatsakt erhoffen?

Barbara John

74, ist seit Ende Dezember die Beauftragte der Bundesregierung für die Opfer der Zwickauer Terrorzelle. John ist damit offizielle Ansprechpartnerin für die Angehörigen der zehn mutmaßlich von Rechtsterroristen Ermordeten. Zuvor war sie von 1981 bis 2003 Ausländerbeauftragte des Berliner Senats. John ist Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Berlin.

Barbara John: Den Familien ist es sehr wichtig, dass in aller Öffentlichkeit ihr guter Ruf wiederhergestellt wird . Sie müssen sich vorstellen, wie das für sie war: Ein naher Angehöriger wurde ermordet und die Polizei unterstellte dem Toten zum Beispiel, Mitglied einer südländischen Mafia gewesen zu sein. Oder die Ehefrau eines Toten wurde indirekt der Mittäterschaft beschuldigt. So ist bei den Angehörigen viel Misstrauen gegen andere Familienmitglieder gesät worden, da ist viel kaputt gegangen in den jeweiligen sozialen Netzen, auch im Verhältnis zu den Nachbarn beispielsweise.

Anzeige

Persönlich finde ich auch, dass bei der Gedenkveranstaltung nochmal deutlich das Versagen der Sicherheitsbehörden thematisiert werden sollte. Nur der Kommissar Zufall hat ans Tageslicht gebracht, dass die Morde rechtsextremistisch motiviert waren. Das ist einfach untragbar, das darf nie wieder passieren. Für mich ist auch wichtig, dass es mit dem Gedenktag nicht getan ist, die Hinterbliebenen werden in Zukunft noch viel Unterstützung brauchen.

ZEIT ONLINE: Was brauchen die Angehörigen der Opfer am dringendsten?

John: Die Angehörigen wurden nach der Tat vor einigen Jahren oft alleine gelassen, sie brachten die Kosten für die Beerdigung und den Unterhalt der verbliebenen Familie selbst auf. Da haben Kinder ihre Ausbildung abgebrochen, um Geld zu verdienen und nun steht ihre Einbürgerung auf der Kippe. Andere wiederum sind nie auf die Idee gekommen, staatliche Leistungen aus dem Opferentschädigungsgesetz zu beantragen. Viele der Angehörigen sind traumatisiert und benötigen psychologische Hilfe. Vor allem seit sie wissen, dass ihr Angehöriger wohl von einer rechtsextremen Terrorzelle umgebracht wurde. Das reißt die Trauer wieder auf und schürt auch Ängste. Denn der braune Sumpf existiert weiter. Eine junge Frau, deren Familie vom Kölner Nagelbomben-Attentat betroffen war, wird heute noch auf dem Schulhof mit "Heil Hitler" beschimpft. Es wird lange dauern, das Vertrauen in den Staat und in staatliche Sicherheit wiederherzustellen.

ZEIT ONLINE: Nicht alle Angehörigen werden an der Gedenkfeier teilnehmen, auch weil sie die Öffentlichkeit scheuen. Wie viele Hinterbliebene haben Sie identifiziert und wird Ihr Hilfsangebot angenommen?

John: Zu Beginn meiner Arbeit habe ich Fragebögen an 66 betroffene Familien versandt. Darin habe ich zum Beispiel gefragt, ob sie psychologische Betreuung brauchen, wer damals die Bestattungskosten ihres Angehörigen bezahlt hat, ob sie einen Anwalt genommen hatten und ob sie den selbst bezahlt haben. 50 ausgefüllte Bögen haben wir bereits zurückerhalten, die werten wir gerade aus. Ich werde außerdem fast täglich angerufen und versuche den Familien der Opfern, so gut es geht, immer sofort weiterzuhelfen.

Leserkommentare
  1. Bitte äußern Sie sich zum Artikelthema und verzichten Sie auf Polemik. Danke, die Redaktion/fk.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nahmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

  2. Das wäre für mich unerträglich gewesen.

    Eine Leserempfehlung
  3. Aber, und die Frage sei bei allem Respekt für Opfer und Angerhörige erlaubt, suggeriert eine derartig groß inszenierte Veranstaltung nicht den Eindruck, als ob es auf Deutschlands Straßen nur so vor braunen Horden wimmelte, die nichts anderes im Sinn haben, als Migranten bzw. Ausländer umzubringen.

    Natürlich ist Deutschland aufgrund seiner Historie nicht mit Norwegen zu vergleichen, aber dort nimmt man sich trotz aller Verbeugung vor den Toten das Recht heraus, nicht gleich die ganze Nation in Frage zu stellen.

    Fazit: Muss sich denn gleich ganz Deutschland aufgrund der NSU-Opfer in Frage stellen, eben so, also ob die NSU-Aktionen der Vorbereitung einer neuen "Machtergreifung" gleich kämen?

    Die damaligen Aktionen der RAF ließ doch auch nicht den Schluss zu, als ob Deutschland in den 70ern kurz vor der Diktatur des Proletariats stünde.

    Mit "pädagogischer Vorbeugung" allein kann jedenfalls unser heutige politische Selbstkritik, die auch in der aktuellen Veranstaltung ihren Ausdruck findet, nicht erklärt werden.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Eine Gedenkveranstaltung tut alles andere, als suggerieren, dass in Deutschland alle braunes Gedankengut hegen.
    Im Gegenteil. Es ist unbedingt notwendig, klar, laut und deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass wir, die Deutschen, auf den Seiten der Opfer stehen.
    Wenn wir dazu nicht imstande sind zeigen wir, dass uns die Opfer egal sind. So wie wir es bisher getan haben, was den Verdacht nahelegt, dass wir insgeheim mit den Tätern sympathisieren.
    Die Sicherheitsbehörden haben diesen Eindruck erheblich verschärft, enormen Schaden angerichtet und es liegt der Zweifel nahe, ob dort wirklich nur geschnarcht wurde, oder ob dort nicht wissentlich von Sympathisanten bestimmte Subjekte gedeckt wurden.
    Das einzige, was wir jetzt noch für die Opfer tun können ist, uns mit ihnen solidarisch zu zeigen, ihnen zu zeigen, dass wir auf ihrer Seite stehen. Und die einzige Möglichkeit dazu ist, ihrer zu gedenken.

    • bkkopp
    • 23. Februar 2012 10:34 Uhr

    In vielen Dörfern und Kleinstädten 'regieren' die Braunen nach 22 Uhr. Es wird nicht jeden Tag gemordet, aber der rassistische Terror findet, leider täglich hundertfach statt.

    ... dass es auf Deutschlands Strassen nicht von "braunen Horden wimmelt"?
    Dafür spricht zumindest, wenn man berücksichtigt:
    1. dass hier zwar von 10 Morden geredet wird, mindestens 150 aber in den letzten 20 Jahren den Rechtsradikalen zugeschrieben werden können,
    2. dass seitens der Behörden nur unzureichend ermittelt wurde, und zwar nicht aus Versagen sonder aus Vorsatz (was man z.B. unterstellen kann, wenn ein Verfassungsschützer als "Kleiner Adolf" ausgerechnet für diesen Bereich zuständig sein kann,
    3. dass weiterhin zwar Linke und der unpolitische Penzberger Imam systematisch bespitzelt werden, die rechte Szene aber weiterhin Unterstützung erfährt (z.B. wenn krasse Verstösse gegen Bewährungsauflagen "übersehen" werden)
    4. dass bei einer Demonstration gegen die Niederschlagung eines Verfahrens gegen Polizisten, weil in ihrem Gewahrsam ein Mensch verbrannt ist, die Polizei rechtswidrig und mit überbordender Härte sogar auf Frauen einprügelt.
    Wenn man dies berücksichtigt, sind mir die braunen Horden, die Deutschlands Strassen bevölkern weitaus zuviel.

  4. Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nahmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

    Antwort auf "Tja, ..."
  5. Dann höre ich genau zu.

    • ComR
    • 23. Februar 2012 9:36 Uhr
    6. [...]

    Verzichten Sie auf die Wiederholung bereits entfernter Äußerungen. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung
  6. 7. [...]

    Beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion des Artikelthemas leisten wollen. Danke, die Redaktion/fk.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn staatliche Behörden Migrantengewalt ignorierten oder gar beförderten - haben Sie darüber Erkenntnisse? Dann aber nix wie los zur nächsten Staatsanwaltschaft.

  7. wenn staatliche Behörden Migrantengewalt ignorierten oder gar beförderten - haben Sie darüber Erkenntnisse? Dann aber nix wie los zur nächsten Staatsanwaltschaft.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service