Bundespräsident : Trittin, Gauck-Erfinder

Grünen-Vormann Trittin wollte den Ex-DDR-Bürgerrechtler schon 2010 zum Präsidenten machen. Nun ist er seinem heimlichen Ziel näher gekommen: Schwarz-Grün.

Jürgen Trittin stand lange im Schatten seines Rivalen Joschka Fischer : Er, der in der Partei, aber nicht bei den Wählern beliebte Anführer des lange tonangebenden linken Flügels der Grünen . Dagegen Fischer, der nicht in der Partei, aber selbst bei bürgerlichen Wählern angesehene Ex-Straßenkämpfer, der zum Außenminister und beliebtesten deutschen Politiker wurde.

In einem hat Trittin seinen früheren Kontrahenten aber längst überholt: im Strippenziehen.

Denn Trittin war es, der 2010 – gegen anfängliche Widerstände bei den Grünen und der SPDGauck als Gegenkandidaten zu Christian Wulff entdeckte und durchsetzte. Um CDU und CSU eins auszuwischen, denen der liberal-konservative frühere Pfarrer eigentlich näher steht, und um gleichzeitig die Linkspartei vorzuführen.

Trittins Kalkül damals: Gauck sollte in der Öffentlichkeit, den Medien und auch in den Reihen von Schwarz-Gelb punkten. Am Ende, so der Plan, würde er vielleicht sogar gewählt, mithilfe von Abweichlern aus deren Reihen. Das wäre ein Debakel für Angela Merkel und Schwarz-Gelb geworden.

Schwarz-Gelb beschädigt, die Linke entlarvt

Doch auch so, wie es dann kam, war der Schaden für die Koalition groß genug. Nur knapp brachte sie ihren Kandidaten Christian Wulff durch, Gauck blieb der "Präsident der Herzen". Zudem waren Lafontaine und die Linke als diejenigen entlarvt, die lieber einem CDU-Mann ins Präsidentenamt verhalfen als einem ehemaligen Bürgerrechtler.

Nun, eineinhalb Jahre später, kann Trittin ein weiteres Mal triumphieren: Gauck wird doch Präsident, Schwarz-Gelb ist erheblich beschädigt. Nur die FDP freut sich ein wenig über ihren Schein-Sieg über Merkel und die CDU.

Womöglich hat die FDP jedoch unfreiwillig Merkel und den Grünen geholfen. Denn Gauck, ursprünglich von der CSU favorisiert und dann von Trittin aus taktischen Gründen zum Kandidaten gemacht, ist in Wahrheit eher ein schwarz-grüner Kandidat. Wegen seiner konservativ-bürgerlichen Vorstellungen. Und wegen der verwickelten taktischen Motive, die ihm am Ende den Weg ins Schloss Bellevue ebneten – als Präsident einer ganz großen Koalition.

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Kommentare

96 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Bitte???

"Gerade diese Rückverwandlung der CDU von einer fast neoliberalen, radikalen Reformkraft zu einer christlich-sozialen, ökologisch angehauchten Bewahrerpartei..."

Was soll die CDU bitte derzeit sein? Eine christlich angehauchte was???
Ist doch quark. Die CDU ist derzeit die Machtverwalterin Merkel. Der Rest der CDU völlig degeneriert. Mit christlich hat die CDU ebensowenig zu tun, wie mit sozial. Und eine Bewahrerpartei? Bewahrer der Macht und des Klüngels, ja.

Ich könnte vomitieren

wie hier Emotion über Kognition gestellt wird. Wie hier das angebliche Herz in den Vordergrund gebracht wird, mit der bewährten manipulativen Macht und die Kritik, wie offenbar zurzeit nur die "Internetgemeinde" aufbringt kaum beachtete wird oder relativierend abgewatscht wird wie im ZDF. Da durfte ich mir dann als aktiver Twitterer vorhalten lassen ich würde mit meiner Kritik an Gauck zeigen wie fernab ich der Politik bin, wie verkürzt ich urteile und doch mal an "Ich kann Kanzler" teilnehmen sollte. Bäh! Schämen sollten sie sich!

Ich weiß noch gut wie der Linken damals die Überschrift eines Aufsatzes von Frau Lötzsch vorgehalten wurde ohne auf den Aufsatz selber einzugehen. Plötzlich war Lötzsch Stalinistin und da haben die Medien alles andere als relativierend oder gar reflektierend eingegriffen, da hat man im Gegenteil drauf rumgetrampelt und verkürzt was das zeug hällt.

Und nun die Grünen. Wie kann eine Partei, die so oft bewiesen hat, dass sie durchaus ein soziales Herz hat und im Bundestag auch sehr oft mit der Linken zusammenarbeitet auf einmal so jemanden wie Gauck an die Spitze hieven? Geht es wirklich nur darum Merkel zu schaden? Ihr schadet damit diesem Land Grüne! Lieber Trittin!

Am Ende bleibt die Linke wohl die einzig wahrlich demokratische Partei. Denn ohne den Gegenkandidaten denn sie versuchen werden aufzustellen gäbe es überhaupt keine demokratische Wahl. Eine Wahl wo nämlich nur einer wählbar ist, ist eine Steuerverschwendungspartie, nichts weiter.

Ein Desaster fuer linke Politik in Deutschland

Ist wohl nicht ganz ernst zu nehmen Ihr Argument. Natuerlich ist in jedem demokratischen System ein Sitution denkbar und damit keineswegs undemokratisch, dass sich alle Seiten vor der Wahl auf einen Kandidaten einigen. Dadurch wird die BRD kaum zu einem scheindemokratischen System à la DDR.

Nein, das Problem, sprich: die Tragik der Linken liegt ganz woanders. DIE LINKE ist nicht in der Lage, ueber ihren Schatten zu springen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ueber den Schatten ihrer SED-Vergangenheit. Entgegen aller Erwartung waere ihr wieder die seltene Gelegenheit gegeben, fuer jeden anschaulich zu dokumentieren, ihre Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Doch nein, DIE LINKE begreift es nicht. Halt, einige Mitglieder schon. Doch die sind ohne entscheidenden Einfluss. Und werden es nach meiner Einschaetzung noch lange bleiben.

Auch fuers naechste Jahrzehnt muessen wir wohl Abschied nehmen von der Hoffnung auf eine koalitionsfaehige LINKE. Mehr als schade. Ein Desaster fuer eine solidarische, menschliche Politik in diesem Lande.

Es geht nicht darum

dass ein Kandidat eine hohe Anzahl an Stimmen erhält. Es geht darum,. dass ohne die Linken es nur einen Kandidat gäbe! Eine Wahl, die nur Proforma abgehalten wird hat nichts mit Demokratie zu tun sondern ist purer Bürokratismus den man sich auch sparen kann.

Oder haben Sie ein gutes Gefühl dabei, dass da Hunderte Menschen abstimmen wer der nächste BP wird, und nur einer überhaupt zur Wahl steht? Hallo?

Ich hab auch nicht gesagt, dass die BRD dadurch undemokratisch wird sondern diese Bundespräsidenten-Wahl Prodzedur.

Sie wollen nicht dass die Linke über ihren Schatten springt sondern dass die Linke ihre eigenen Inhalte ignoriert und in den Konsens eintritt. Das wird aber nicht passieren, weil Die Linke überzeugte Ideologen sind und sich nur über den Diskurs und nicht über die Machtfrage ihre Ansichten verändern. So gehört sich das in einer großen Nation der Philosophen wie es die Deutsche ist.

Gauck(ler) als Papiertiger

Als am Sonntag im Presseclub von Frau Pohl und sogar von Müller-Vogg konstatiert wurde, dass man einen Konsenskandidaten, statt eines überparteilichen oder gar parteiübergreifenden Menschen suchen würde, dachte ich noch daran, dass außerhalb der abgenutzten Politköpfe aus den Parteien und den üblichen Verdächtigen aus der evangelisch theologischen Prominentenfront auch vielleicht andere Namen genannt werden könnten, wurde ich und sicherlich auch ein großer Teil der Republik wie so oft enttäuscht. Auch der Verweis auf den italienischen Staatspräsidenten Napolitano, der mit seinen "Lebensbrüchen" vom Kommunist zum Staatsphilosophen gewachsen war, gab noch Hoffnung, aber offensichtlich ist den Medien kein würdevoller, moralisch integrer Deutscher bekannt, sonst wären sicherlich Namen aus Wissenschaft, Kultur oder sozial engagiertem Unternehmertum gefallen. Nach kürzerem Nachdenken war mir aber klar, dass kein ernsthaft intellektuell, sozial oder kulturell arbeitender Mensch Interesse an solch einer Popanzinthronisierung haben könne, außer vielleicht Lüpertz, Beckenbauer oder Höhler - wenn überhaupt. Dass dann Gauck wieder aufs Schild gehoben wurde ist in meinen Augen ein untrügliches Zeichen von Phantasielosigkeit und machtpolitischer Reaktion. Dieses Amt sollte weder von einem installierten Politiker noch von einem infizierten Theologen besetzt werden, denn beide Berufsgruppen sind keine Garanten für Moral, Ethik und Würde, auch wenn sie sich permanent so gerieren. Schade.
WN

Also, wenn Herr Ströbele, wie

angekündigt, nicht der Einzige in Überzeugungs- und Gewissensnöten ist, kann es durchaus auch eine spannende Wahl mit nur einem Kandidaten geben. Denn es könnte passieren (rein theoretisch), dass die Mehrheit nicht aufgebracht wird.
Und dann lieber ohne Gegenkandidaten, denn dies wäre in dem peinlichen Prozess der öffentlich-medial inszenierten Ausschließung einer Bundesfraktion (größer als einer der Koalitionspartner) nur ein Feigenblatt.
Wenn sie das macht, entsteht bei mir nur der Eindruck von: aber wir machen alles besonders richtig, und besonders demokratisch. Das ist hier aber leider nicht ausreichend.

Wie heißt es so schön?

Man sollte darauf achten, was man sich wünscht, denn es könnte wahr werden!

Ich halte Herrn Trittin für zu intelligent um sich mit jemanden wie Frau Merkel, die Zersetzerin der politischen Kultur und Fortsetzerin der zwei letzten Amtsperioden Helmut Kohls, einzulassen. Und für zu gut willig. Schwarz-Grün könnte eher ein Resultat des Einflusses eine US-Gehirngewaschenen Cem Özdemir sein.

Man hat natürlich schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen und die deutsche Politik hat so ihre Eigenarten (sprich das Überleben des schwarz-braunen Sumpfes seit dem Zweiten Weltkrieg).

Schauen wir mal...