Christian WulffDer Anscheinmann

Christian Wulff hat sich von sehr weit unten nach ganz oben gekämpft. Mancher sagt: Auf dem Weg dorthin hat er die falschen Freunde getroffen.

Es war Anfang der achtziger Jahre. Christian Wulff war noch Jura-Student und Funktionär der Jungen Union. Als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung musste er regelmäßig an von ihr ausgerichteten Seminaren zu staatsbürgerlichen Themen teilnehmen. Nicht unbedingt das, was jungen Leuten Spaß macht.

Bei einem dieser Seminare, so erinnert sich einer, der damals dabei war, spielten die Teilnehmer, von denen manche später ebenfalls in der CDU aufstiegen, deshalb lieber Kicker und tranken in geselliger Runde Bier oder Wein. Nur einer saß abseits und las dicke Bücher – vor sich ein Glas Orangensaft: Christian Wulff.

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Auch als die Stipendiaten nach draußen gingen, um vor der Tagungsstätte eine Schneeballschlacht zu veranstalten, blieb er am Rande stehen: Der Einzelgänger wollte mit den ausgelassenen Spielen der anderen Jungunionisten nichts zu tun haben. "Der Christian hielt sich schon damals für etwas Besseres. Er wollte von Anfang an nach oben", erzählt der CDU-Mann, der die Karriere seines Parteifreundes bis zum Ende kritisch verfolgte.

Von ganz unten nach oben gearbeitet

Wulff musste sich von ziemlich weit unten hocharbeiten, bis er ganz oben ankam. Er wuchs in Osnabrück in einfachen, konservativ-katholischen Verhältnissen auf. Und in schwierigen dazu, ohne Vater. Die Eltern trennten sich, als er zwei war. Nachdem auch der Stiefvater die Familie verlassen hatte, übernahm er als 16-Jähriger – da war er gerade in die CDU eingetreten – die Pflege der schwerkranken Mutter und kümmerte sich auch um seine jüngere Halbschwester. "Für meine Mutter zu sorgen, war für mich selbstverständlich", sagt er in dem Interviewbuch Besser die Wahrheit, das später in der Affäre noch ein Rolle spielen sollte.

Nach dem Abitur studierte er Jura und wurde mit Anfang 30 Anwalt in einer größeren Sozietät, auch dies in seiner Heimatstadt. Parallel absolvierte Wulff seine ersten Karriereschritte in der Schüler- und der Jungen Union, den Nachwuchsorganisationen der CDU. Und zog mit erst 25 Jahren in den Landesvorstand der CDU ein.

Doch Wulff wollte mehr. In der CDU kam er nicht voran als Mitglied im kleinsten und zudem einzigen katholisch geprägten Bezirksverband der komplizierten niedersächsischen Partei, die damals von Wilfried Hasselmann beherrscht wurde, einem strammen, trinkfesten alten Vormann. Zu Hilfe kam Wulff Helmut Kohl, dem als Bundesvorsitzendem und Kanzler der aufstrebende Nachwuchsmann aufgefallen war. Eigenmächtig bestimmte er ihn zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 1994 – vorbei an den Altgedienten in der Landespartei, die sich sicher waren, einen Anspruch auf diesen Posten zu haben.

Wulff scheiterte jedoch an Gerhard Schröder, wie auch noch einmal 1998, als der die Landtagswahl zum Sprungbrett ins Kanzleramt nutzte. In der Runde der jungen CDU-Nachwuchskräfte in den Ländern, dem sogenannten Andenpakt, nahmen sie Wulff, den zweifachen Wahlverlierer aus der niedersächsischen Provinz, lange Zeit nicht richtig ernst.

Zu lange zu Kohl gehalten

"Der Christian wird nie was", lästerte ein Vorstandsmitglied und früherer Minister unter Kohl beim Parteitag 2000 in Essen, auf dem Angela Merkel gerade zur neuen Vorsitzenden gewählt wurde – vorbei an der Jungmänner-Riege der Ministerpräsidenten und derer, die es noch werden wollten.

Wulff hatte sich selber aber schon vorher aus dem Rennen genommen. Als es darum ging, sich vom Übervater und Spenderverschweiger Kohl zu lösen, um Ansprüche auf den Vorsitz in der durch die Spendenaffäre demoralisierten Partei anzumelden, da zögerte er, während Merkel schon Wochen zuvor auf Distanz zu ihrem Förderer gegangen war. Wulff wollte nicht undankbar erscheinen gegenüber dem, der ihm Jahre zuvor seine Karriere in Niedersachsen ermöglicht hatte.

Leserkommentare
  1. 17. Gauck

    Es bleibt nur zu hoffen, dass nunmehr Herr Gauck sich bereit erklärt, dem Bundespräsidialamt seine Würde zurück zu geben!

    Der "junge Wilde" Wulff hat seine Grenzen naiv-unwissentlich - aber vielleicht nicht boshaft - überschritten und dabei diesem Amt die geliebte, erhliche Glaubwürdigkeit genommen, die der deutschen Politik noch geblieben ist und die "das Volk" schätzt.

    Dem politisch eher linken Spektrum zugetan, möchte ich hier aber besonders Herrn von Weizsäcker erwähnen, der uns das Reflektieren über eigene Interessen lehrte!

    Es mag wohl die irritietre Euphorie des jungen Herrn Wulff gegenüber den geldgebenden Instanzen gewesen sein, die ihn in politischer, aber ganz besonders in materieller Sicherheit wähnten.

    Möge Herr Wulff über die leisen und bescheidenen Dinge im Leben nachdenken, während WIR einen Bundespräsidenten bekommen, der uns zeigt, dass überzeugende Politik auch jenseit des Willens eines Bundeskanzlers/Bundeskanzlerin möglich ist.....

    ...und zur Politik gehört das Generieren von heiter-gelassenen, reflektierenden Bürgern, die kritisch denkend unser Europa voranbringen!

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    • prete
    • 17.02.2012 um 23:14 Uhr

    ...ich habe wulff und sein verharren und einbunkern auf das schärfste kritisiert.
    die - auch in medien wie SPON - nun erscheinenden süffisanten nachrufe sind schlicht unangebracht.

    2 Leserempfehlungen
  2. Sowohl in Wirtschaft, als auch in der Politik wurden die Anforderungen des Anstandes und der Moral derart hoch gelegt in den letzten 10 Jahren, dass die Vita von Entscheidungsträgern diesem Tempo nicht mehr Schritt halten kann.

    Dass Siemens, Daimler und andere Unternehmen in den 70er und 80er Jahren eine "Portokasse" unterhielten, war ein offenes Geheimnis. Bei den Amerikanern und den Franzosen war es nicht anders.

    Damals waren Aufträge und Arbeitsplätze wichtiger, bzw. wurden im Falle Franz Josef Strauß (Waffenschieber vor dem Herrn) gebilligt.

    Lothar Späth flog damals lieber auf Unternehmerkosten durch die Welt um für Unternehmen in Baden-Würtemberg Aufträge an Land zu ziehen und musste (Flugafäre) zurücktreten.

    Kohl gab sein Ehrenwort für die Spender, Roland Koch wusste nix von schwarzen Kassen.

    Schäuble und das Kuvert von Schreiber sind legendär.

    Schröder wurde erst nach seiner Amtszeit bei Gazprom angestellt im Reich des lupenreinen Demokraten Putin.

    Die Moralapostel der Welt, die USA führen gerade Staaten, Unternehmen und Banken in ganz Europa vor (Schadenersatz).

    [...] Teil II folgt.

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine neutrale Wortwahl. Danke. Die Redaktion/vn

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Aber wo bleibt jetzt Teil 2?

    Bisher sagen Sie nur, dass auch andere "Schweine" waren. Wollen Sie wirklich, dass diese "Ideologie" in Zukunft die Gesetze erlässt? Hauptsache ICH profitiere?

    Aber wo bleibt jetzt Teil 2?

    Bisher sagen Sie nur, dass auch andere "Schweine" waren. Wollen Sie wirklich, dass diese "Ideologie" in Zukunft die Gesetze erlässt? Hauptsache ICH profitiere?

  3. Der Artikel ist ja nun wohl eher das Gegenteil von nachtreten!

    Aber natürlich darf auf gar keinen Fall mal wieder einfach "Schluss sein"!

    Politiker und Medien stehen der "Wirtschaft" längst wieder viel zu nahe, als es einer gesunden Gesellschaft gut tut!

    3 Leserempfehlungen
  4. Aber wo bleibt jetzt Teil 2?

    Bisher sagen Sie nur, dass auch andere "Schweine" waren. Wollen Sie wirklich, dass diese "Ideologie" in Zukunft die Gesetze erlässt? Hauptsache ICH profitiere?

    Antwort auf "Mal ehrlich I"
  5. Ex Bundespräsident Wulf, mal subjektiv beurteilt.

    Der Hauskredit und die Aussage zu seinem Verhältnis zum Kreditgeber im Landtag waren ein erster Fehler, der wäre er in Hannover als Ministerpräsident geblieben evtl. nie aufgefallen wäre oder zumindest nicht zu einem Rücktritt geführt hätte. (Verstoss gegen Ministergesetz NRW)

    Schlimmer ist jedoch der Verdacht Landesbürgschaft an Briefkastenfilmgesellschaft gegen Urlaub auf Sylt. Dies wäre Korruption im Amt.

    Ein Anruf bei Bild auf der Mailbox, Hauskredit, Landesbürgschaft und evtl Zeitnah Urlaub in Sylt, sowie die Aussage Wulf zahlt alles bar (Woher das Geld?) führten zum Rücktritt.

    Ohne den König der AWD Versicherungs-Drückerkolonnen (jetzt Züricher), welcher viele einfache Menschen abzockte (Maschmeier) und eines Mediengeldsammlers....

    .... nee, Hauskredit und Landtag anlügen, sowie Urlaub in Sylt und Landesbürgschaft, das ist nicht zu vermitteln.

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  6. Mea culpa, Teil II war etwas wirr.

    Entweder wir machen deutlich, dass nur noch lupenreine integere Politiker an den Start gehen können und langfristig tragbar sind oder wir nehmen Verfehlungen hin und ziehen mit einer zeitlichen Demarkationslinie eine Grenze.

    Wenn z.B. Wulf in einem Urlaubsbomber der Air Berlin Business fliegt als up-grade, weil Ministerpräsident, dann kann man auch lachen, denn die Air Berlin hatte bestimmt keine First-Class und die Business Klasse ist lediglich die Verschiebung des Trennvorhanges im Flieger zwischen Reihe 5 bis 10 und evtl. ein anderes Essen.

    Ohne Hauskreditgemauschel und Landesbürgschaft für einen Filmproduzenten wäre Wulf evtl. heute noch im Amt.

    Richtig ist auch, kein Politiker spricht heute mehr die Warheit aus, vor lauter Furcht nicht mehr gewählt zu werden.

    2 Leserempfehlungen
  7. "Christian Wulff hat sich von sehr weit unten nach ganz oben gekämpft. Mancher sagt: Auf dem Weg dorthin hat er die falschen Freunde getroffen."

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    Ooooch jetzt wirds ja nochmal richtig sentimental! Der unberührte reine junge Aufsteiger gerät unverschuldet in die Fänge dunkler Männer.

    Hübsch ZEIT. Schluchz, Taschentuch brauch ich keines, danke.

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