Ehepaar Wulff : Zwei verlassen Bellevue

Der Ex-Bundespräsident schimpft auf die Medien, seine Frau lächelt stoisch ins Blitzlichtgewitter. Das Ehepaar Wulff hat aufgegeben. Von Michael Schlieben

Es ist wieder derselbe große Saal im Schloss Bellevue. Ende Dezember ist Christian Wulff hier schon einmal aufgetreten . Damals war er noch überzeugt, die Affäre durchstehen zu können. Er gab sich kämpferisch und reumütig zugleich. Einerseits bedauerte er, Landtag und Öffentlichkeit mit seinen Aussagen über einen Privatkredit irritiert zu haben. Andererseits lobte er sich selbst für die lückenlose Aufklärung und Transparenz, zu der er künftig beitragen wolle.

Diesmal ist es genau anders herum. Wulff hat aufgegeben, und die Schuld sucht er bei anderen. Dass er an diesem trüben Februarvormittag zurücktreten würde, hatte sich in den Stunden davor schon angekündigt. Aber schon mit den ersten Sätzen seines vierminütigen Statements wird daraus Gewissheit. Wulff spricht im Imperfekt. Seinem Amt habe er sich "gern gewidmet". Es sei ihm "eine Herzensangelegenheit" gewesen, Gutes für die Gesellschaft zu tun.

Er ist von seiner Unschuld überzeugt

Es folgt eine Mini-Programmatik. Allen Menschen, die "hier bei uns in Deutschland leben" - ganz gleich, "welche Wurzeln sie haben", habe er sich verpflichtet gefühlt, sagt Wulff. Gern wäre er ein Integrationspräsident geworden. Er ahnt vermutlich, dass der einzige Satz, der positiv von seiner Präsidentschaft in Erinnerung bleiben wird, vom Islam handelt, der zu Deutschland gehöre. Eines von Wulffs Lieblingswörtern als Präsident war "Willkommenskultur". Nun ist er selbst in seinem Staatsamt nicht mehr willkommen, wie ihm spätestens am Donnerstagabend aufgegangen sein dürfte, als die Staatsanwaltschaft Hannover die Aufhebung seiner Immunität beantragte .

Wulff betont, dass er selbst von seiner Unschuld überzeugt sei. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft werden "zu einer vollständigen Entlastung führen". Er habe sich "stets rechtlich korrekt verhalten". Er räumt zwar auch abermals "Fehler" ein. Aber unterm Strich spricht Wulff sich selbst frei: "Ich war immer aufrichtig".

Woran es liegt, dass er zurücktritt? Implizit weist Wulff den Medien und der öffentlichen Meinung ein nicht kleines Maß an Mitschuld zu. Seine Glaubwürdigkeit habe gelitten, so dass seine Präsidentschaft nicht mehr von "einer breiten Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger getragen" werde. Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, "haben meine Frau und mich verletzt", wirft Wulff den Journalisten vor, die sich auf einer dreistufigen Pressetribüne vor ihm aufgebaut haben. Dennoch wünscht er ihnen am Ende "ausdrücklich" eine "gute Zukunft".

Bettina Wulff ist diesmal – anders als bei Wulffs Auftritt im Dezember – auch dabei. Sie steht während seiner kurzen Ansprache neben ihm. Vordergründig wirkt sie fröhlicher als ihr Ehemann. Sie blickt mit gefrorenem Lächeln in das Blitzlichtgewitter, während er doch reichlich zerknirscht wirkt. Seit Schülertagen ist Wulff Berufspolitiker. Diese Karriere ist seit diesem Freitag vorbei.

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Kommentare

122 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren

Nur als "Beatrix"

Aber nur, wenn er seinen Job in seiner Rolle als "Beatrix" macht. Das wäre dann Integration in Reinkultur.
- Er ist zugleich sie (Gendermainstreaming verwirklicht),
- der demokratische BP hat royalistisches Flair (Sehnsucht nach Royals befriedigt),
- das gegenwärtige Spottniveau des Amtes wäre gerettet (das Amt fände endlich die ihm zustehende Beachtung) und auch
- die holländische Lebensart wäre nun Teil der deutschen Kultur (Ausländerintegration gelungen).

Was will man mehr!

Ich habe eine Idee.. (II)

Warum nicht sowas wie DSDBP zu organisieren (Deutschland Sucht den Bundespräsident) und zwar mit lauter Vertreter der "Bildungsfernen Schichten",vor allem Harz IV Empfänger und Langzeitarbeitslosen.

Der Vorteil:Solche Kandidaten sind weder Reich noch haben sie reiche Freunde.Ich bin überzeugt,dass der Gewählte (oder die Gewählte) Moralpostel mehr als gekonnt spielen wird.

Bleibt nur aufzuklären wer den Show Moderiert...wie wäre es mit Joschka Fischer?

Eine kleine Besonderheit ...

wenn ich die Bilder richtig gesehen habe, so war um das Rednerpult ein kleines Podest aufgebaut. Am Pult stand dann der Bundespräsident, etwas erhöht, wie es seinem Amt gebührt. Was mir aber fragwürdig erscheint, ist dass Bettina Wulff, wenn ich es auf den Fernsehbildern richtig gesehen habe, nicht nur beim Hereinkommen vor ihrem Mann den Saal betrat, sondern sich ebenfalls auf das Podest stellte. Mag man des erste noch als Höflichkeit ihres Mannes gegenüber seiner Frau durchgehen lassen (protokollarisch geht das überhaupt nicht), so gehört sich aber nicht auf das Podest. Das steht dem gewählten Bundespräsidenten zu und sonst niemanden (natürlich ev. Staatsgästen etc.). Anders mag es sein, bei offiziellen Anlässen wie Empfängen etc. Hier ging es aber einzig und allein um eine Erklärung des Bundespräsidenten und sonst nichts. Unter Wulff hat somit auch das Protokoll des Präsidialamtes gelitten.

CHILLY

Skandal!

Das ist ja wirklich...! Also: Nein!

Entschuldigt, aber wen interessiert denn das?
In der Situation hätte ich an Wulffs Stelle auch meine Frau an meiner Seite habe wollen. Ohnehin finde ich, das die Frauen und Männer der Präsidenten, Minister, etc. viel zu wenig Anerkennung bekommen.Die werden nämlich quasi glei mit zwangsverpflichtet, demselben öffentlichen Druck, derselben Beobachtung, derselben Gefahr ausgesetzt, wie ihre Partner. Und danken tut es ihnen niemand. Im Gegenteil: In diesem Fall, z.B. kommen ein paar dahergelaufene Spießer daher und beschweren sich noch, das Sie beim Rücktritt neben ihrem Mann steht.

Narzissmus

würde viele der auf den ersten Blick unverständlichen Verhaltensweisen, Reden und Haltungen Wulffs bis hin zur Rücktrittsrede erklären und verständlich machen... Narzissten und Komplementärnarzissten (die Wulffs als das äußerlich betrachtet "schöne / erfolgreiche / perfekte Paar" - fragt sich, wer wer ist ...) wird es so lange geben wie Menschen auf diesem Planeten leben, mit auffälligen Häufungen z.B. in der Politik- / Medienszene, und zwar parteiübergreifend.

Vielleicht haben Sie schon an meinen ...

vorsichtigen Einleitungsworten erkannt, dass ich das Ganze nicht für politisch wirklich wichtig halte. Ich finde es aber dennoch interessant, weil das Bundespräsidialamt als Behörde eigentlich immer einen guten Ruf hatte und eine der besonders starken Seiten dieses Amtes eben ein perfektes Protokoll war. Man kann dies schlicht für überflüssig und historisch überkommen halten, bei einer Institution die politische aber kaum Macht hat, liegt es aber nahe, sich um eine perfekte formelle Seite zu bemühen. Wenn selbst diese klassische Stärke des Amtes (damit meine ich jetzt die Behörde) leidet, zeigt dies in meinen Augen, wie stark die Erschütterung hier bis in die Tiefen eines Verfassungsorgans eingedrungen ist.

Ferner wird aus dieser kleinen Reminiszenz vielleicht ein wenig deutlich, wie es zur "Affaire Wulff" überhaupt gekommen ist. Aus den früheren Zeiten mit seiner ersten Ehefrau sind vergleichbare Vorkommnisse nicht bekannt. Die fraglichen Vorgänge begannen ungefähr mit der Zerrüttung dieser Ehe und der Bekanntschaft mit seiner jetzigen Ehefrau. Dies ändert nichts an der persönlichen Verantwortung von Christian Wulff, verdeutlicht aber möglicherweise einmal mehr, dass auch Spitzenpolitiker Menschen mit menschlichen Schwächen sind.

CHILLY

Der Abgang Koehlers ...

... hat mir auch besser gefallen. Herr Koehler war offensichtlich kein gebrochener Mann. Frau Koehler war in der Unterstuetzung ihres Mannes viel glaubwuerdiger. Da liegen wirklich Welten zwischen. Man moechte den beiden wuenschen: Scheitern gehoert zum Leben. Viel Glueck auf jeden Fall!

Was heißt da ...

>> Immerhin kündigt er noch an, dass sie statt seiner am kommenden Donnerstag auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer der sächsischen Neonazi-Gruppe NSU sprechen werde. <<

... "immerhin"???

Lt. Grundgesetz Art. 57 vertritt der Bundesratspräsident den Bundespräsidenten:

"Die Befugnisse des Bundespräsidenten werden im Falle seiner Verhinderung oder bei vorzeitiger Erledigung des Amtes durch den Präsidenten des Bundesrates wahrgenommen."

Merkels Achtung für das Grundgesetz lässt mal wieder zu wünschen übrig.

Genau darum, ...

>> Bundestagspräsident

mich hat gewundert, dass der Bundestagspräsident, immerhin laut Grundgesetz der zweite Mann im Staat, einfach bei dieser Aufgabenweitergabe übersprungen wurde. Dieser würde immerhin noch ein wenig für Überparteilichkeit stehen. <<

... nämlich um die Überparteilichkeit, geht es bei diesem Anlass.

Merkel kann nicht für sich in Anspruch nehmen, für alle Bürger zu sprechen. Egal, wie unglaublich beliebt sie angeblich sein mag.

Ziemlich widerwärtig, dass sie diesen Anlass auch noch für ihre Zwecke instrumentalisieren will.

Wikipedia sagt ...

... folgendes: "Nach dem Bundespräsidenten steht der Bundestagspräsident an zweiter Stelle, gefolgt vom Bundeskanzler und Bundesratspräsidenten. An fünfter Stelle steht der Präsident des Bundesverfassungsgerichts."
aus: http://de.wikipedia.org/w...

Aber wie auch immer, mir ging es um die Überparteilichkeit. Um jemanden, der für das ganze Land sprechen kann. Und das kann Merkel nicht.

Ist mir auch aufgefallen.

Ich hab das meiner Mutter gegenüber argumentiert:

Offenbar will sich da Germany keinen Lapsus erlauben.

Die Causa ist heikel genug.

10 Jahre lang haben Deutschlands Behörden keinen Handlungsbedarf gesehen, weil fälschlich Opfer für Täterbanden angesehen wurden.

Natürlich, auch das hab ich gesagt, ist das ein Mißtrauenvotum gegenüber Seehofer (Ich kenn ihn nicht, nur sein Gesicht.).