Es ist eine Zäsur für die Republik und für Christian Wulff . Der Bundespräsident stürzt wegen Hotel- und Urlaubsrechnungen, wegen eines Privatkredits und wegen der Unterstützung einer Lobbyveranstaltung eines Eventmanagers. Wann hat es das in der 62-jährigen Geschichte der Bundesrepublik gegeben?

Christian Wulff musste zurücktreten, weil er, so der Verdacht der Justiz, in unzulässiger Weise Privatinteressen mit seinem früheren Amt als niedersächsischer Ministerpräsident verquickt und mutmaßlich Gesetze und die Verfassung des Landes gebrochen hat. Weil Vergünstigungen, die er und seine Frau genossen, möglicherweise Dankesbeweise waren für geldwerte Leistungen , die er seinerseits seinen reichen Gönnern erbracht hatte. Weshalb die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermitteln will.

Nun steht also ein ehemaliges Staatsoberhaupt im Verdacht, korrupt zu sein; ein führender CDU-Politiker muss sich womöglich vor Gericht dafür verantworten, für politische Entscheidungen Gegenleistungen entgegen genommen zu haben.

Das sind schwerwiegende Vorwürfe. Umso erstaunlicher ist es, wie lange Wulff dennoch in seinem Amt verharrte. Und ebenso, wie lange andere, die politisch zu entscheiden haben, das zuließen, die Kanzlerin genauso wie die Opposition. Sie ließen Wulff gewähren, bis sein Versagen, seine offenkundige Ungeeignetheit für das höchste Amt im Staat nicht mehr zu übersehen waren. Bis die Justiz einschritt.

Parteitaktik auf beiden Seiten

Dieses Taktieren der Kanzlerin und der Opposition, aus durchsichtigen parteistrategischen Gründen, hat in den Augen vieler Bürger dem Land, dem Ansehen der politischen Klasse und dem moralischen Empfinden fast ebenso verheerenden Schaden zugefügt wie die Affäre Wulff selbst.

Die Kanzlerin wollte nach Horst Köhler nicht auch noch ihren zweiten Präsidenten fallen lassen, weil sie wusste, dass sie – ebenso wie Rot-Grün – keinen weiteren eigenen Kandidaten durch die Bundesversammlung bringen wird. Nicht, nachdem schon bei Wulffs Wahl 2010 viele Abweichler aus den eigenen Reihen gegen ihren Kandidaten gestimmt hatten. Nicht, nachdem die Mehrheit von Union und Liberalen in dem Wahlgremium seitdem noch schmaler geworden ist. Nicht nach dieser Affäre.

Die Frage ist nun, welche Lehre die Republik und die Politik aus dem schmachvollen Abgang des 10. Bundespräsidenten ziehen werden, des zweiten in Folge, dessen Amtszeit vorzeitig endete – nach nur etwas mehr als eineinhalb Jahren.