Jeder Skandal hat seine eigene Dynamik. Die Affäre um Christian Wulff zog sich quälend lang hin, sie verlor sich zwischenzeitlich fast im Kleinteiligen. Das ehemalige Staatsoberhaupt gewann nie das Gesetz des Handelns zurück, am Ende kommunizierte Wulff nur noch via Anwalt mit der Öffentlichkeit.

Für die Enthüllungen waren die Journalisten maßgeblich. Sie blieben hartnäckig. Sie recherchierten gründlich. Einige bauschten auch auf . Aber es besteht kein Anlass zur Buße, nur zum Nachdenken über die besondere Rolle der Medien in dieser speziellen Affäre.

Die Sonderrolle der Bild -Zeitung

Nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten saß nur ein Journalist bei Günther Jauch in der ARD-Talkshow: Nikolaus Blome, der Leiter des Bild -Hauptstadtbüros. In ihm hat Bild einen seriösen Repräsentanten gefunden. Eine große Stunde hatte Blome schon in einer früheren Jauch-Sendung. Da attestierte er dem ebenfalls anwesenden Chefredakteur des Spiegel jovial, dieser habe richtig zitiert. Es ging um den Wortlaut des Anrufs , den der Bundespräsident auf der Mailbox des Bild -Chefredakteurs hinterlassen hatte. Christian Wulff hatte darin auch vom Rubikon gesprochen, den Bild durch seine Recherchen überschritten habe, ohne sich darüber bewusst zu sein, dass er selbst gerade die Grenze zu unwürdigem Verhalten übertrat.

Die Bild -Zeitung ließ also – taktisch klug – andere diesen verbalen Ausfall des Staatsoberhauptes zitieren. So konnte das Blatt jede unterstellte Ambition auf einen "Machtkampf" mit Wulff zurückzuweisen und sich als Opfer eines Angriffs auf die Pressefreiheit stilisieren. Über Bande wurde der Wortlaut des unsäglichen Anrufs in die Öffentlichkeit lanciert. Die Zeitung stellte letztlich jeden Bürger vor die Wahl: Wem soll ich glauben? Dem größten Boulevardblatt oder dem Staatsoberhaupt? 

Die Geschichte von Bild und Wulff

Diese Status-Anmaßung konnte Bild betreiben, weil es exklusive Sonderbeziehungen zu Christian Wulff gab, auf die sich dieser ja in seinem Telefonat noch indirekt bezog. Das Boulevardblatt hatte den Aufstieg von Wulff positiv begleitet und gemeinsam mit dessen früherem "Faktotum" Olaf Glaeseker eifrig mitgebastelt am Image eines besonders aufrichtigen, ehrlichen, fast etwas zu weichen, jeder Machtgier und Politiker-typischen Trickserei entsagenden netten Mannes von Sitte und Anstand. Besonders freundlich begleitete Bild in Christian Wulffs Leben die Zeit von Trennung, neuer Beziehung, neuer Vaterschaft und Scheidung. Es ist für einen christdemokratischen Politiker nicht selbstverständlich, so etwas unbeschadet zu überstehen. "Man muss Christian Wulff glauben, dass er um seine Ehe gekämpft und sich sauber getrennt hat. Und dass auch die neue Liebe erst danach gewachsen ist. (…) Der bisher tadellose Wulff wird durch diese Trennung sogar ein wenig menschlicher", lobte Bild damals. 

Als Wulff ins Schloss Bellevue einzog, wurde die Redakteurin, die für ihn in Hannover zuständig war, sogleich nach Berlin beordert. Noch auf seinem Staatsbesuch in Israel bediente Wulff auch als Bundespräsident seine Freunde von Bild exklusiv. Nur das Boulevardblatt durfte Fotos vom anrührenden gemeinsamen Gebet von Vater Wulff und Tochter Annalena in der Grabeskirche drucken.

Zuletzt wollte sich der (inzwischen Ex-)Bundespräsident aber wohl aus dieser engen Symbiose lösen. Mehrere Anfragen des Blattes zu einem exklusiven Groß-Interview zu den Themen Islam und Integration lehnte er ab. Das erfreute die Partner nicht, aber Wulff glaubte wohl, das Amt schütze ihn vor Nachstellungen.

Christian Wulff hatte nicht verstanden, wie ein souveräner Umgang mit der Presse aussieht. Das dokumentiert auch sein erstes Buß-Interview mit ARD und ZDF Anfang Januar. Auf die Frage nach der Lehre aus den bisherigen Enthüllungen sagte er, er wolle in Zukunft die Medien mehr in seine Politik "einbinden". Als müssten ihm die Medien dienen! Richtig hätte der Satz lauten müssen: "Der Anruf bei Diekmann war ein Fehler und eine Dummheit, ich werde in meiner künftigen Amtsführung die Eigenständigkeit der Presse unbedingt achten."