Afghanistan : US-Soldat soll bei Massaker alkoholisiert gewesen sein

Der US-Unteroffizier, der in Afghanistan 16 Zivilisten tötete, stand angeblich unter Alkoholeinfluss. Einer afghanischen Untersuchung zufolge war er kein Einzeltäter.
Afghanen sammeln sich zu einer Gedenkveranstaltung für die Opfer von Gewaltattacken in Alokozai/Südafghanistan. © Jangir/AFP/Getty Images

Der US-Soldat, der in Afghanistan 16 Menschen gezielt tötete, hat einem Bericht zufolge in der fraglichen Nacht Alkohol getrunken. Außerdem habe er im Zusammenhang mit seinem vierten Kampfeinsatz unter Stress gestanden und wegen der Einsätze auch Probleme mit seiner Frau gehabt, hieß es.

"Am Ende wird es eine Kombination aus Stress, Alkohol und häuslichen Problemen sein – er ist einfach ausgerastet", zitierte die New York Times einen Regierungsvertreter, der dem Bericht zufolge über die Untersuchungsergebnisse informiert wurde.

Bisherigen Informationen nach hatte der Soldat in der Nacht zum Sonntag seinen Stützpunkt im Unruhedistrikt Pandschwai unbemerkt verlassen. In dem knapp zwei Kilometer entfernten Ort Alkozai, etwa 30 Kilometer südwestlich der Stadt Kandahar , tötete er in drei Häusern 16 Dorfbewohner, in der Mehrzahl Frauen und Kinder. Einige Leichen soll er angezündet haben. Danach kehrte er zurück und stellte sich.

Der Anwalt des Soldaten wies den Zeitungsbericht zurück. Er habe keine Informationen, dass Alkohol eine Rolle gespielt habe, sagte John Henry Browne. Es habe auch keinen Streit mit der Frau gegeben. Gespräche mit der Familie des 38-Jährigen hätten darüber hinaus ergeben, dass sein Mandant keinen Hass auf Muslime gehegt habe.

Den US-Soldaten habe die Verletzung eines Kameraden bei einer Explosion am Tag vor der Tat sehr mitgenommen, sagte Anwalt Browne. Der Familienvater habe wegen seines Auslandseinsatzes unter Stress gelitten, sei aber zur Tatzeit nicht betrunken gewesen. Sein Mandant sei unglücklich darüber gewesen, dass er nach seinen drei Einsätzen im Irak im Dezember nochmals in ein Kampfgebiet entsendet worden sei. "Seine Familie hat darauf gezählt, dass er nicht noch einmal ins Ausland verlegt wird und das hat sich dann praktisch über Nacht geändert", sagte Browne.

Der Regierungsvertreter sagte, der Soldat werde bereits in Kürze in die USA gebracht, vermutlich nach Fort Leavenworth im US-Bundesstaat Kansas . Er hat Medienberichten zufolge  Afghanistan bereits verlassen und befindet sich auf einer US-Militärbasis in Kuwait . Er soll in einem früheren Einsatz im Irak bei einem Autounfall eine Kopf- und Hirnverletzung erlitten haben. Auch von psychischen Problemen war die Rede.

Die Identität des US-Soldaten ist nach wie vor nicht bekannt. Anklage wurde noch nicht erhoben. In den USA könnte er zum Tode verurteilt werden.

In Afghanistan untersuchte ein Team von Vertretern des afghanischen Unterhauses und Provinzpolitikern den Vorfall. Hamidzai Lali, Mitglied der acht Abgeordnete zählenden Gruppe, sagte der afghanischen Nachrichtenagentur Pajhwok , es seien 15 bis 20 US-Soldaten an dem Massaker beteiligt gewesen. Sie sollen in zwei Gruppen agiert haben. Das Untersuchungsteam hatte Lalis Angaben zufolge zwei Tage lang in der Gegend Betroffene befragt und Hinweise auf den Verlauf des Vorfalls zusammengetragen. Lalis äußerte sich überzeugt, dass ein einzelner Soldat in so kurzer Zeit nicht so viele Menschen getötet haben könne. Die Isaf-Truppenführung ließ daraufhin wissen , sie wisse nach wie vor nur von einem Täter. Und der sei in Gewahrsam.

Wegen des Vorfalls hatten Afghanen gegen die Nato-Truppen im Lande protestiert. Das Parlament warnte die Amerikaner mit deutlichen Worten. Unter Bundeswehr-Experten lässt der Vorfall die Sorge wachsen, die Lage könnte sich durch die Äußerungen der Parlamentarier weiter verschärfen. Die Afghanen könnten der Schilderung ihrer Landsleute eher glauben als der Darstellung der Nato.

Am Donnerstag hatte Präsident Hamid Karsai angeregt, die Nato-Truppe möge die Verantwortung für die Sicherheit im Lande bereits 2013 an die nationalen Kräfte übergeben , ein Jahr vor dem bisher geplanten Abzugstermin.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Soso, Alkohol,

psychische Probleme, Streß mit der Ehefrau, dazu noch früher eine Kopf- und Hirnverletzung, Streß beim Kampfeinsatz - die Liste der 'Entschuldigungen' läßt sich vermutlich beliebig verlängern.
Daß ein Krieg wie in Afghanistan Soldaten zu Mördern macht, davon ist natürlich keine Rede - denn dann müßte man ja diesen Krieg selber in Frage stellen und das will natürlich keiner.
Womöglich werden wir es noch erleben, wie schnell die Amerikaner und Europäer das Land verlassen müssen, da stellt sich dann die Frage, wer schneller laufen kann, um seine Haut zu retten - und man hinterläßt ein Land, das dem Westen feindseliger denn je gegenübersteht.
Aber: natürlich wird unsere 'Freiheit auch am Hindukusch verteidigt' - für Schlagworte hat sich dieser Krieg immer geeignet. Dafür hinterlassen wir dann ein Land, das höchstwahrscheinlich im nächsten Krieg der Warlords versinken wird und eine Region, die instabiler ist als zuvor. Schöne Freiheit!

Kirche im Dorf lassen

Obwohl ich bei einigen Ihrer Ausführungen zustimme, r.schewietzek, möchte ich doch der Vereinfachung, der Krieg mache Soldaten zu Mördern, widersprechen. Hier ist EIN Soldat zum Mörder geworden, nicht alle Soldaten. Natürlich kommt so etwas häufiger als dieses eine Mal vor, und ich habe nicht vor, die Auswirkungen von Krieg auf die Psyche der betroffenen Soldaten und Zivilisten zu verharmlosen, aber ein Rundumschlag, Soldaten würden praktisch zwangsweise zu Mördern, halte ich für schwach.

Das sind doch nur Tonnen von Ausreden…

… die die US-Justiz bei einem Binnenfall in den USA keinem Kriminellen durchgehen lassen würde. Und die auch unglaubhaft sind, weil sich bei den angeblichen Hirnverletzungen die Frage stellt, wieso er überhaupt noch im Einsatz war.
Aber die jetzt opportun sind, damit ja nicht die Verachtung nichtamerikanischer Bevölkerungen als minderwertige Menschen, die man mal so eben aus Spaß umbringen kann, stehen bleibt. Das wäre nämlich der propagandistische Supergau, wo man doch sonst den Befreier gibt.

Es ist ja irgendwie schon auffällig, dass das amerikanische "Kill Team", das genau aus diesen Motiven gehandelt hatte, aus demselben Lager kam.

http://de.wikipedia.org/w...

In Anbetracht der Tatsache, dass im hier vorliegenden Fall die Leichen noch angezündet worden waren, kann ich auch kaum glauben, dass der Mann alleine war. Der hätte ja unendlich Zeit haben müssen, ohne gestört zu werden.

Die Todesstrafe wird es wohl kaum werden. Auch keine bedeutsame Haftstrafe oder überhaupt. Wie man nach einem Massaker, das ganz klarer Mord war, dafür sorgt, dass kein einziger US-Soldat auch nur einen Tag ins Gefängnis muss, kann man hier zum Massaker von Haditha nachlesen:

http://de.wikipedia.org/w...

Nur für diejenigen, die noch glauben, in den USA werde wenigstens nachträglich durchgegriffen. Das mag im Inland so sein. Aber nicht, wenn ein US-Soldat anderswo Einheimische umgebracht hat.

"vorfälle", kill teams und "operation phönix".....

...diese "vorfälle haben eine lange tradition in dne US kriegen, besonders gut dokumentiert ist dieses progamm:
http://de.wikipedia.org/w...
""Das Programm war dazu gedacht, Kader der FNL in Südvietnam zu identifizieren und zu „neutralisieren“. Mit diesem Euphemismus bezeichnete man Gefangennahme oder Ermordung von Mitgliedern der aufständischen Guerillabewegung.

Der ehemalige Phoenix-Offizier Barton Osborne gab 1971 vor dem amerikanischen Kongress folgende Aussage zu Protokoll:

„Ich wüßte von keinem Häftling, der während der Durchführung all dieser Operationen ein Verhör überlebt hätte. Sie starben alle. Es gab niemals eine überzeugende Begründung für die Behauptung, dass irgend eines dieser Individuen tatsächlich mit dem Vietcong zusammenarbeitete, aber sie starben alle, und die Mehrheit wurde entweder zu Tode gefoltert oder aus dem Helikopter geworfen. [...] [Das Phoenix-Programm] wurde ein steriles, unpersönliches Mordprogramm [...] Der Horror von ‚Phoenix‘, vergleichbar mit den Greueltaten der Nazis, muss studiert werden, um begreifbar zu sein.“

da die kriegsmaschinerie der USA und ihrer verbündeten in westlichen medien breite unterstützung findet(irak, libyen, aktuell vorbereitung syrien und iran, etc...), kann die bagatellisierung der während dieser kriege verübten verbrechen nicht überraschen.
es gilt offenbar, die bevölkerungen so weit möglich ruhig zu halten.

"Wegen des Vorfalls..."

Soso, ein "Vorfall" also.

Ich könnte mich damit anfreunden, den unerwarteten Diebstahl des Fahrades meiner Freundin "Vorfall" zu nennen, oder auch das so nicht geplante Herabstürzen einer prall gefüllten Eistüte mit Schlagsahne obendrauf. Die Liquidierung von mehr als einem Dutzend Menschen (daß mehr als die Hälfte von Ihnen Frauen und Kinder waren, sei einmal außen vorgelassen) nenne ich nicht "Vorfall" und staune gleichermaßen kräftig, daß gerade Sie das so handhaben.

Alkohol

"Am Ende wird es eine Kombination aus Stress, Alkohol und häuslichen Problemen sein – er ist einfach ausgerastet"

Na gut,dass der Waffenbesitz in Deutschland rigider als in den USA gehandhabt wird.Nicht auszudenken.

Schlimmes Massaker.Nur wieviele Soldaten töten ebenfalls Menschen und bekommen dafür einen Orden angeheftet ?