Rechtsextremismus"Vielleicht haben die sich selber angezündet"

Rechtsradikale sollen in Winterbach einen Brandanschlag auf fünf Männer verübt haben. Die Beteiligten schweigen oder spotten über die Opfer.

Neben verkohlten Holzstümpfen, die einmal Teil einer Gartenhütte im schwäbischen Winterbach waren, steht ein Grill, daneben liegen einige umgekippte Gartenstühle. Mehr hat das Feuer in der Nacht vom 9. auf den 10. April 2011 nicht übrig gelassen. Als damals vor knapp einem Jahr die Flammen hochschlugen, saßen in der Hütte fünf junge Männer türkischer und italienischer Herkunft. Sie hatten sich vor Rechtsradikalen verschanzt, die aus einer benachbarten Gartenanlage herübergestürmt waren.

Als Rauch ins Innere der Laube eindrang, rissen die bedrängten Männer in Panik die Tür auf und rannten ins Freie. Die Angst vor dem Feuertod ist größer als die vor den Prügeln des Mobs draußen im Dunkeln.

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70 Rechtsextreme waren vor Ort

Der Brandanschlag von Winterbach wird seit Januar vor dem Stuttgarter Landgericht verhandelt. Auf der Anklagebank sitzen zwei junge Männer, 21 und 22 Jahre alt. Während der Untersuchungshaft sind ihre Haare auf Stoppellänge gewachsen. Sie müssen sich wegen versuchten Mordes verantworten, sie haben zugegeben, in der Nähe der Hütte gewesen zu sein. Das Gartenhaus soll mit brennenden Holzscheiten angezündet worden sein. Insgesamt waren es 70 Rechtsradikale, die sich in der Nacht zu einer Geburtstagsparty in Winterbach zusammengefunden hatten.

Nicht weit entfernt feierte die Gruppe der späteren Opfer. Die 3. Strafkammer versucht nun, die Geschehnisse der Brandnacht zu rekonstruieren. Sie hat zwei Sachverständige und 29 Zeugen geladen. Wann das "Gerenne" der Rechtsextremen zur Gartenhütte losging, das weiß der Zeuge mit der Glatze und dem schwarzen Kapuzenshirt heute angeblich nicht mehr. "Es hieß, an den Autos gibt’s Theater", sagt er auf Fragen des Gerichts, dann sei er hinter einem Kumpel hergelaufen, aber nach etwa zwanzig Metern wieder umgekehrt. Warum umgekehrt? "Nennen wir’s mal einen Geistesblitz", behauptet der 26-Jährige. Dann habe er sich in einem Auto schlafen gelegt und nichts mehr mitbekommen. Leider.

"Ich hatte echt viel getrunken"

Richter Joachim Holzhausen arbeitet sich an Zeugen wie diesem ab. Er fragt nach Namen, Gesichtern, Begebenheiten in dieser Nacht und bekommt Antworten wie: "Ich hatte echt viel getrunken. Sie können mich noch hundertmal nach den Leuten fragen." Holzhausen will außerdem wissen, was die Neonazi-Gruppe nach der Tat so besprochen habe. Der 26-jährige Zeuge antwortet: "Man hat sich sicher über die ermittelnden Polizisten lustig gemacht. Die Beweislage ist ja sehr dünn." Und: "Man hat einen Scherz gerissen: 'Vielleicht haben die sich ja selber angezündet.'"

Die Rechtsradikalen fühlen sich wohl durch die monatelange Ermittlungsarbeit der Waiblinger Polizeidirektion bestätigt. 40 Verdächtige waren ursprünglich von den Beamten ausgemacht und wiederholt vernommen worden, doch die Ermittler stießen auf eine Mauer des Schweigens. Lediglich zwei Männer gaben zu, überhaupt in der Nähe der brennenden Hütte gewesen zu sein. Es sind die beiden Angeklagten. Dass sie das Feuer gelegt haben, bestreiten sie.

Die Anklage hofft, in den kommenden Verhandlungswochen so viel belastendes Material zu sammeln, dass weitere Rechtsradikale, von denen in der Aprilnacht 2011 einige sogar aus dem Saarland angereist waren, vor Gericht gebracht werden können. Die Verteidiger der beiden Angeklagten hingegen sprechen von einem Schauprozess ohne wirkliche Beweise.

Winterbach ist ein Treffpunkt der Rechtsextremen

Warum waren so viele Rechtsradikale ausgerechnet in dieser entlegenen Gartenkolonie? Im September 2010 hatte in Winterbach bereits das Konzert einer rechten Skinhead-Band stattgefunden, im nahen Ort Korb hatte die NPD ihre Landesparteitage 2009 und 2010 abgehalten, darüber hinaus gab es dort noch weitere Parteitreffen und sogar einen Bundeskongress der NPD-Jugendorganisation. Spezialisten der Waiblinger Polizei ordnen die Rechtsradikalen von Winterbach dem Lager der rechten Skinheads zu.

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    • Ranjit
    • 02.03.2012 um 18:34 Uhr

    "sollte zuerst in einen Spiegel schauen ob er Makellos ist."

    Es geht sogar noch weiter. Jede Unterscheidung kann zu Gruppenkonflikten und Überhöhung der Eigengruppe führen. Es reichen selbst synthetische Gruppen aus, wie Schulklassen oder die Hasen- und die Igelgruppe im Kindergarten.

    Der Silberstreif am Horizont ist, dass Derartiges zumindest abgeschwächt werden kann.
    Zum einen durch übergeordnete Gruppenidentitäten (Wir Schüler dieser Schule; Wir Menschen insgesamt usw.)
    Zum anderen durch erfolgreiche Kooperation von Mitgliedern verschiedener Gruppen.

    Gerade der letzte Punkt macht auch deutlich, dass der zunehmende Druck und Verteilungskampf Diskriminierung begünstigt. Denn Kooperation fällt unter Konkurrenten deutlich schwerer.

    • Ranjit
    • 02.03.2012 um 18:34 Uhr

    "sollte zuerst in einen Spiegel schauen ob er Makellos ist."

    Es geht sogar noch weiter. Jede Unterscheidung kann zu Gruppenkonflikten und Überhöhung der Eigengruppe führen. Es reichen selbst synthetische Gruppen aus, wie Schulklassen oder die Hasen- und die Igelgruppe im Kindergarten.

    Der Silberstreif am Horizont ist, dass Derartiges zumindest abgeschwächt werden kann.
    Zum einen durch übergeordnete Gruppenidentitäten (Wir Schüler dieser Schule; Wir Menschen insgesamt usw.)
    Zum anderen durch erfolgreiche Kooperation von Mitgliedern verschiedener Gruppen.

    Gerade der letzte Punkt macht auch deutlich, dass der zunehmende Druck und Verteilungskampf Diskriminierung begünstigt. Denn Kooperation fällt unter Konkurrenten deutlich schwerer.

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