Joachim Gauck nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten © John MacDougall/AFP/Getty Images

Es ist 14.22 Uhr. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat soeben verkündet, dass Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten gewählt worden ist . Nun sind die Gratulanten dran. Am schnellsten sind die Spitzenpolitiker von der SPD . Besonders Parteichef Sigmar Gabriel zeigt eine Agilität, die man ihm gar nicht unbedingt zutrauen würde. Er umkurvt ein paar Kollegen, prescht und drängelt nach vorne.

Und er wird belohnt. Gabriel ist der zweite Gratulant, gleich nach seinem Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, der günstiger gesessen hatte – und das, wie er später beteuert, natürlich überhaupt nicht geplant hatte. Die Bundeskanzlerin hingegen gratuliert Gauck erst als Vierte. Anders als Gabriel hat sie sich aber auch nicht sonderlich beeilt. Ihr Verhältnis zu diesem neuen Staatsoberhaupt, das ihr gewissermaßen von der FDP und Rot-Grün aufgenötigt worden ist, ist bekanntlich unterkühlt.

Das Ergebnis, mit dem Gauck nun doch noch Bundespräsident wurde, ist, man könnte sagen, ein demokratisches. 991 von 1.228 gültigen Stimmen hat er erhalten, 108 Wahlleute enthielten sich. Nominiert hatte ihn eine Fünf-Parteien-Koalition aus CDU , CSU , FDP, SPD und Grünen . Die kam insgesamt auf 1.100 Mandate. Selbst wenn man einrechnet, dass acht Wahlleute gefehlt und vier ungültig abgestimmt haben, gab es insgesamt rund einhundert Abweichler. Mindestens.

Wer war's? Am Buffet wird spekuliert

Beim Buffet nach der Wahl ist die Frage, wer sich enthalten hat, denn auch eines der Top-Gesprächsthemen. In der Opposition mutmaßt man, dass es überwiegend Abgeordnete von Schwarz-Gelb gewesen sein müssen: Sie wollten dem neuen Präsidenten gleich mal präventiv einen Denkzettel verpassen, wird bei den Grünen spekuliert. "Von uns kamen höchstens zwei Gegenstimmen", behauptet Fraktionschefin Renate Künast .

"Wir haben Gauck jetzt schon zum vierten Mal gewählt, an uns lag's nicht", sagt auch SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann , und zählt dabei jeden Wahlgang vom letzten Mal mit. In der Union gebe es dagegen viel Grund für Unzufriedenheit: Den Schlingerkurs der Kanzlerin zum Beispiel, Solidarität mit Christian Wulff oder konservatives Entsetzen über Gaucks Lebenswandel.

Vielleicht einige "Oberkatholiken"

Im Regierungslager beteuert man jedoch ebenfalls, Gauck einmütig gewählt zu haben. Rainer Brüderle, der Fraktionschef der FDP, versichert: Kein Liberaler habe gegen Gauck gestimmt. Grüne wie Sozialdemokraten hätten Schwarz-Gelb den Tag vermiesen wollen, heißt es auch bei manchem Christdemokraten. Auch wenn Unionsfraktionsvize Michael Fuchs einräumt, einige "Oberkatholiken" hätten möglicherweise schon gegen Gauck gestimmt. Im Übrigen sei bei großen Mehrheiten eben immer die Gefahr, dass diejenigen, die Bedenken haben, diese auch ausleben.  

So erweist sich an diesem Tag, dass eine Fünf-Parteien-Koalition vor allem den Vorteil hat, dass hinterher jeder die Schuld auf jeden schieben kann. Beweisen lässt sich eh nichts. Weiterstreiten kann die Gauck-Fraktion ja dann beim Abendessen, zu dem der Bundespräsident die Spitzen der Fraktionen und Parteien, die ihn gewählt haben, sowie Wegbegleiter eingeladen hat.

Schon vor der Wahl hatte es in der Fünfer-Koalition trotz des gemeinsamen Kandidaten einige Unstimmigkeiten gegeben. Schwarz-Gelb versuche, Gauck für sich zu vereinnahmen, klagte beispielsweise am Morgen der Wahl Claudia Roth. Aber das werde der Koalition nicht gelingen, so Roth. "Der Gauck schwebt über uns allen."