Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner Antrittsrede die Kernthemen seiner Präsidentschaft umrissen. Sein Freiheitsverständnis verband er dabei mit der sozialen Komponente: "Freiheit ist eine notwendige Bedingung zur Gerechtigkeit", sagte er in seiner etwa 20 Minuten dauernden Rede vor den Abgeordneten des Bundestages und den Vertretern des Bundesrates im Reichstagsgebäude.

Soziale Gerechtigkeit lasse sich nicht anordnen, sondern nur in demokratischer Diskussion herstellen, erläuterte er. Freiheit und Gerechtigkeit bedingten sich gegenseitig. Deutschland müsse deshalb beides miteinander verbinden, sagte Gauck.

Gauck sicherte zu, dass das Anliegen seines Amtsvorgängers Wulff, die Gesellschaft zu öffnen, auch seines sein werde. Er wiederholte dessen Feststellung, dass der Islam zum Alltag in Deutschland gehöre. Doch die daraus resultierenden Probleme dürften nicht verschwiegen werden. "Ängste und Ressentiments" dürften das Zusammenleben in Deutschland nicht leiten.

Politisches Engagement "finden manche uncool"

Er würdigte die repräsentative Demokratie als das einzige System, das die Interessen aller ausgleichen könne. Es sei zudem das einzige lernfähige System. Angst mache ihm aber die Distanz vieler Bürger zu demokratischen Institutionen. Sich etwa im Ortsverband politisch zu engagieren "finden manche uncool", sagte Gauck. Verloren gegangenes Vertrauen lasse sich zurückgewinnen, indem politisch Verantwortliche klar und verständlich aufträten und sprächen.

An die Rechtsextremisten im Land gerichtet, sagte er: "Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich." Die Rechtsextremisten würden Vergangenheit sein und die Demokratie werde leben. Ähnlich sprach er über die Islamisten.

Gauck legte ein nachdrückliches Bekenntnis zu Europa ab. Die Neigung sei besonders ausgeprägt, sich in Nationalstaatlichkeit zu flüchten. "Gerade in der Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen."

Würdigung und Dank für Wullf

Zum Schluss seiner Ansprache bat er um Vertrauen – in seine Person, aber auch "in alle Bewohner dieses wiedervereinigten und erwachsenen Landes" und letztlich "in sich selbst". Nur Menschen mit Selbstvertrauen könnten Erfolge haben. Das gelte auch für Länder, erinnerte er an einen Ausspruch des indischen Pazifisten Mahatma Gandhi (1869-1948).

Vor seiner Rede hatte Gauck den Amtseid gesprochen. Bundestagspräsident Norbert Lammert ( CDU ) und Bundesratspräsident Horst Seehofer ( CSU ), der zugleich als Bundespräsident amtiert hatte, würdigten in Redebeiträgen noch einmal Gaucks Vorgänger. Lammert lobte Gaucks Einsatz für Freiheit und die Menschenwürde und wünschte ihm eine "stets glückliche Hand" für seine Arbeit.

Zu Beginn hatte Gauck neben seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt ganz vorn im Plenum Platz genommen. Neben ihm saßen sein Amtsvorgänger Wulff und dessen Frau Bettina. Anwesend waren auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Mitglieder des Bundeskabinetts und die Ministerpräsidenten und Vertreter der Länder. Auch die Alt-Bundespräsidenten Horst Köhler , Roman Herzog und Richard von Weizsäcker hörten Gauck zu.

Der 72-Jährige ist der 11. Präsident der Bundesrepublik Deutschland und das bisher älteste Staatsoberhaupt bei Amtsantritt. Wulff war nach nur 20 Monaten im Amt wegen Vorwürfen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen zurückgetreten. Den ehemaligen Rostocker Pfarrer und einstigen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen hatten Union, SPD , Grüne und FDP gemeinsam nominiert. Nur Linkspartei und NPD stellten eigene Kandidaten auf. Am 18. März wählte ihn die Bundesversammlung mit großer Mehrheit.