Zwei Ostdeutsche ganz oben – wer hätte das gedacht? Was immer der neue Bundespräsident Joachim Gauck in den nächsten Jahren tun und sagen wird, wann immer er das Amt verlässt – zunächst mal ist seine Wahl eine Pointe, die man dem Land und seiner politischen Klasse nicht recht zugetraut hat. Es ist schließlich nicht so, dass Gaucks Herkunft niemandem aufgefallen wäre – da reicht es, kurz Twitter querzulesen .

Gauck wird kein Bundespräsident der Ostdeutschen werden, doch das Thema wird ihn begleiten. Einmal, weil seine Geschichte nicht ohne die DDR denkbar ist . Und dann auch, weil Gaucks Anliegen, die Demokratie, dort am meisten in Gefahr ist. Das weiß, wer öfter ostdeutsche Kleinstädte besucht.

Gauck lüftet die Ost-West-Debatte

Gauck, der gern Ehegleichnisse nutzt, müsste die Beziehung zwischen Ost und West eigentlich eine Zweckehe ohne Vertrauen, aber mit Angst und Fluchtgedanken nennen. Aber so redet er nicht über die Einheit. Als hätte es die zwanzig Jahre gegenseitigen Anödens nicht gegeben, lässt er stattdessen alles wie abgestandene Luft aus dem Fenster. Nach Gaucks Messung ist der ostdeutsche Trotz vor allem "Angst vor der Freiheit" . Und die friedliche Revolution ein Freiheitsgeschenk, das die Ostdeutschen dem Westen gemacht haben.

Es ist vielleicht alles viel komplexer, aber möglicherweise braucht es solche glasklaren Maßstäbe wie seine, um das Schweigen zu beenden, das sich ausgebreitet hat – selbst wenn das Ergebnis ein handfester Krach ist. Gauck hat zumindest als erster Redner das Ohr der Ost- wie der Westdeutschen. Vielleicht ist ja die Zeit reif für die Einsicht, dass dieses Land nicht nur ein anderes ist als die DDR, sondern auch als die alte BRD .

Verschwörungstheorien wieder da 

In manchem sind sich Ost- und Westdeutsche ja auch tatsächlich näher gekommen – vor allem in der misstrauischeren Wahrnehmung der Politik. Immer mehr Bürger glauben, dass sich in Berlin eine undurchdringliche Kumpanei aus Politik, Presse und Wirtschaft eingerichtet hat. Und so gut es ist, dass kaum jemand mehr nach den gockelhaften Aufräumern und Basta-Sagern von früher ruft: Angela Merkels geräuscharmer, effizienter Stil hat auch ein Diskursloch aufgerissen.

Es waren nicht nur lange verdeckte Vorurteile gegenüber Islam und Südeuropäern, die in  den Sarrazin - und Euro-Debatten ausbrachen. Es war auch ein Anrennen gegen die Wahrnehmung, dass die wirklich wichtigen Themen nicht zur öffentlichen Debatte stehen. Diese Ansicht findet sich längst nicht mehr nur in Hochhaus- und Reihenhaussiedlungen, sondern auch in Vorort-Villen und Studenten-WGs.