Nun kommt Gauck. Man muss ihm wünschen, dass er es schafft, eine Kultur der gemeinwohlorientierten, zivilen Debatte zu erstreiten. Er bringt die besten Voraussetzungen dafür mit. Gauck schert sich nicht weiter um die Marken links, liberal, konservativ; ein wenig macht er sich sogar über sie lustig, indem er sich alle drei gleichzeitig ansteckt. Das ist keine Parteienverachtung, sondern erkennt einfach an, dass die Problemlagen vielfältiger werden. Gauck, sagt einer, der ihn gut kennt, gehe zehnmal um den Tisch, um das Objekt von allen Seiten zu sehen. Erst dann entscheide er, wie er darüber denkt.

Ziemlich sicher wird er auf diese Weise in jeder Partei mal anecken. Unwahrscheinlich aber, dass er damit auf denselben Unmut wie der politikerskeptische Horst Köhler trifft. Wenn es Gauck wirklich gelingt, an die großen Fragen glaubhaft den Maßstab anzulegen, inwieweit sie der politischen Freiheit des Einzelnen dienen, dann könnte er sogar schaffen, die Parteien zu inspirieren.

Nur bitte kein Gleichmut

Wichtiger aber ist: Anders als Köhler wird Gauck auch die Bürger selbst an das Gemeinwesen erinnern. Es wird wahrscheinlich sogar nerven, wenn Gauck vor jeder Wahl daran erinnert, welch erhabenes Recht die Stimmabgabe ist. Egal. Es ist ein Grund zum Diskutieren, dass immer weniger wählen. Es ist Grund zum Streiten, dass immer weniger daran glauben, gleichberechtigt zu sein . Und alles wäre besser, als wenn er auf Gleichmut trifft.

Gauck weiß, worum es geht. Nicht weit von seiner alten Gemeinde Rostock-Evershagen steht das frühere Asylbewerberheim Lichtenhagen, wo sich die Tage des rechtsextremen Bürgerterrors bald zum zwanzigsten Mal jähren. Und es ist seine Heimatregion, in der Neonazis mehr Vertrauen finden als an jedem anderen Ort. Wenn einer wie Gauck ein paar Menschen an solchen Orten von der Demokratie überzeugen kann, dann wäre er schon ein großer Präsident.