Eigentlich sind die Grünen ja eine friedliebende Partei. Ihr Führungspersonal erweckt öffentlich gern den Eindruck, kollegial miteinander umzugehen. Man duzt sich, man ist nett zueinander.

In diesen Tagen zeigen die Grünen aber, dass sie durchaus auch zum harten Machtkampf fähig sind. Konflikte, die im Verborgenen schon seit Langem schwelen, brechen nun offen aus. Beißhemmungen werden abgelegt. Es wird zunehmend mit offenem Visier gekämpft. Richtige Allianzen sind dabei nicht auszumachen. "Jeder kämpft gegen jeden. Und alle reden darüber", sagt ein grüner Politiker aus der erweiterten Führungsriege.

Derzeit sorgt Claudia Roth für die größte Unruhe. Die Parteichefin hat in einem Interview mit der taz vom Freitag ihre Ambitionen angemeldet, bei der Bundestagswahl 2013 als Spitzenkandidatin ihrer Partei anzutreten . Sie ist somit die erste, die ihren Hut in den Ring geworfen hat.

Allerdings, und das macht es kompliziert, ist sie bei Weitem nicht die einzige, die Ambitionen hat. Wenige Stunden, nachdem Roths Interview erschienen war, teilte Jürgen Trittin im Morgenmagazin mit, wie wenig er von Roths Plänen halte. Jeder müsse "für sich wissen", ob solche Personalspekulationen zum jetzigen Zeitpunkt Sinn machten, nörgelte der Fraktionschef.

Ein ideales Duo gibt es nicht

Bisher hatte Trittin selbst als Top-Favorit für 2013 gegolten. Der Fraktionschef ist in dieser Legislaturperiode bislang öffentlich wie innerparteilich als starker Mann der Grünen wahrgenommen worden. Bis zu Roths Vorstoß sah es sogar danach aus, als könne Trittin womöglich alleiniger Spitzenkandidat werden. Der Realo-Flügel hatte auf einem Treffen am vergangenen Wochenende signalisiert, dass er den Alt-Linken Trittin als Frontmann akzeptieren würde.

Das wiederum hat Claudia Roth nun vermutlich verhindert. In ihrem taz -Interview griff sie die Forderungen mehrerer prominenter Grünen-Frauen nach einer Frau als Spitzenkandidatin auf. Jetzt, wo die Debatte über eine Frauenquote in der Mitte der Gesellschaft angelangt sei, müssten die Grünen als politische Vorkämpfer dieser Idee auch weiterhin mit gutem Beispiel vorangehen, argumentierte sie. Roth machte daraus nun eine knallharte Machtfrage: Unter ihr als Parteichefin werde es einen alleinigen männlichen Spitzenkandidaten nicht geben.

Trittin wird nun wohl mindestens einen Co-Spitzenkandidaten zur Seite gestellt bekommen. Das Problem ist nur: Alle zur Auswahl stehenden Kandidaten haben ihre Makel. Ein ideales Spitzen-Duo gibt es nicht.

Also Cem Özdemir?

Vor ein paar Monaten wäre Renate Künast noch die natürliche zweite Kandidatin gewesen. Aber die Fraktionschefin leidet noch an ihrer Niederlage als Berliner Spitzenkandidatin : Der Realo-Flügel steht seither nicht mehr hinter ihr, wie sich auf dem Treffen am Wochenende zeigte.

Also Cem Özdemir ? Der Koparteichef ist in dieser Legislaturperiode zum neuen Spitzenmann der Realos aufgestiegen. Allerdings hält Trittin wenig bis gar nichts von Özdemir, was er ihm in einer Spitzenrunde unlängst auch ungeschminkt mitteilte. "Quatsch" und "Unsinn" würde Özdemir verbreiten, raunzte Trittin ihn an. Auch Roth und Künast rügten den zehn Jahre jüngeren Özdemir in dieser Runde. Özdemir wusste sich nicht anders zu wehren, als mit einem Satz, der in manchen Grünen-Kreisen schon zum geflügelten Wort avanciert ist: "Ich bin der Vorsitzende. So redest du nicht mit mir." Allein dass all dies wenig später im Spiegel nachzulesen war zeigt, wie es um das Vertrauensverhältnis der Vier steht.