KriegsverbrecherVerurteilter Nazi-Verbrecher John Demjanjuk ist tot

Erst 2011 wurde der Kriegsverbrecher John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 28.060 Juden verurteilt. Seine Strafe wird er aber nie antreten.

John Demjanjuk

John Demjanjuk  |  © Andreas Gebert

Der als Nazi-Kriegsverbrecher verurteilte John Demjanjuk ist gestorben. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd in Rosenheim bestätigte einen Bericht des Bayerischen Rundfunks. Demnach starb der 91-Jährige in einem Seniorenheim in Bad Feilnbach bei Rosenheim.

Demjanjuk war im Mai 2011 vom Münchner Landgericht wegen Beihilfe zum tausendfachen Mord an Juden im Vernichtungslager Sobibor zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Das Urteil war aber noch nicht rechtskräftig. Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung hatten Revision eingelegt. Deshalb hatte das Gericht, auch mit Blick auf das hohe Alter des staatenlosen Demjanjuk, den Haftbefehl aus Gründen der Verhältnismäßigkeit aufgehoben.

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Demjanjuks Schuld wird nicht mehr abschließend juristisch geklärt werden. Im nächsten Schritt hätte der Bundesgerichtshof entscheiden müssen.

In einem langen Indizienprozess hatte das Münchner Landgericht eineinhalb Jahre lang die Vorwürfe geprüft. Wegen Demjanjuks angeschlagener Gesundheit durfte nur zweimal 90 Minuten pro Tag verhandelt werden, eine Reihe Prozesstage fielen aus, weil es dem Angeklagten zu schlecht ging. In dem Prozess schwieg Demjanjuk zu den Vorwürfen.

Beihilfe zur Ermordung von 28.060 Juden

Für die Richter war erwiesen, dass Demjanjuk 1943 Wachmann im Vernichtungslager Sobibor war und sich dort der Beihilfe an der Ermordung von mindestens 28.060 Juden schuldig gemacht hatte. Das Lager sei nur zur Vernichtung von Menschen errichtet worden. Wer dort Dienst tat, sei automatisch Teil der Tötungsmaschinerie gewesen. Demjanjuk hätte die Möglichkeit zur Flucht gehabt.

Gut 30 Angehörige von Opfern waren Nebenkläger in dem Prozess, sie hatten vehement eine Verurteilung verlangt. Es gehe nicht um Strafe, sondern um Gerechtigkeit. Demjanjuks Anwälte hatten hingegen stets argumentiert, es sei nicht einmal erwiesen, dass der Angeklagte je in Sobibor war. Und selbst wenn: Ihm sei keine einzige konkrete Tat nachzuweisen.

Auch an der Situation der nicht-deutschen Wachmänner blieben viele Zweifel. Historiker sind skeptisch, ob diese Männer, die als Kriegsgefangene der Nazis auf das Angebot zur Kollaboration eingingen, wirklich ohne Gefahr für ihr Leben hätten fliehen können.

Israel vermutete er sei "Iwan der Schreckliche"

Im Jahr 1940 musste Demjanjuk, der damals den Vornamen Iwan trug, mit 20 Jahren zur Roten Armee. 1942 geriet er in deutsche Gefangenschaft, in der Millionen sowjetische Gefangene starben. Offenbar entschied er sich zur Zusammenarbeit mit den Deutschen, ließ sich im SS-Lager Trawniki ausbilden und wurde in Sobibor eingesetzt. Als Hauptbeweis dafür gilt ein SS-Dienstausweis mit der Nummer 1393.

Nach dem Krieg meldete sich Demjanjuk als sogenannte Displaced Person und damit praktisch als Nazi-Opfer. 1952 konnte er mit seiner gerade gegründeten Familie in die USA ausreisen. Seine mögliche NS-Vergangenheit wurde nicht bekannt, obwohl er in den Ausreisepapieren als früheren Aufenthaltsort unter anderem Sobibor angab. In den USA nahm er den Vornamen John an und arbeitete als Automechaniker.

Jahrzehnte später kam der Verdacht auf, Demjanjuk könnte "Iwan der Schreckliche" von Treblinka gewesen sein. 1986 wurde er an Israel ausgeliefert und 1988 wegen der Beihilfe zum Mord an mehr als 800.000 Juden zum Tode verurteilt. Fünf Jahre saß er in der Todeszelle – 1993 hob das Oberste Gericht Israels das Urteil auf. Die Richter zweifelten, ob er wirklich "Iwan der Schreckliche" war. Er kehrte zu seiner Familie in Seven Hills im US-Bundesstaat Ohio zurück.

Die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg nahm den Fall wieder auf. Im Mai 2009 wurde Demjanjuk, dem die USA erneut die Staatsbürgerschaft aberkannt haben, nach Deutschland abgeschoben. Nach dem Urteil suchten die Behörden eine Bleibe für den alten, kranken Mann. Trotz Aufhebung des Haftbefehls durfte er als Staatenloser nicht zurück zu seiner Familie. Schließlich nahm ihn das Altenheim in Bad Feilnbach als "schwerst pflegebedürftig" auf. Demjanjuk wird auch in Deutschland beerdigt werden.

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Leserkommentare
  1. ...diesen Mann rechtzeitig seiner gerechten Strafe zuzuführen, das ist die Wahrheit.

    Die einzige Hölle, die es gibt, hat er seinen Opfern bereitet.

    4 Leserempfehlungen
    • Panic
    • 17. März 2012 14:01 Uhr

    Das beweist dieser Fall mal wieder auf eindrucksvolle Weise. Alles andere, wie Himmel und Hölle, sind nur Spekulationen.

    Gruss

  2. Und nun lasst ihn ihn Frieden ruhen.

    6 Leserempfehlungen
  3. Oder werden diese US-Piloten, die bis heute die einzigen Atombomben auf unschuldige Zivilkinder geworfen haben, dank der Rechtsjustiz als Helden gefeiert und kommen in den Himmel?

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Hiroshima-Pilot ist nach meiner Erinnerung in einem Job als fliegender Verkehrsbeobachter und später in der Psychiatrie gelandet.

  4. es ist richtig - Glaube sollte nicht zur Menschenverachtung pervertieren und Verzeihen ist christlich; dennoch ist es m.M. nach in diesem Fall unmöglich. Dazu haben die Verbrechen ein Ausmaß, das jegliche menschliche Vorstellung übersteigt. Gerechtigkeit in diesem Fall kann es garnicht geben und man muß sich wirklich fragen, wie ein Mensch solche Taten vollbringen konnte.

    Eine Leserempfehlung
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    das sollte eine Antwort auf Kommentar 7 sein.

  5. das sollte eine Antwort auf Kommentar 7 sein.

  6. Muste man nicht mal erst seine Taten einsehen und bereuen bevor man die Vergebung erhalten konnte ?

    So ohne Reuhe keine Vergebung.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Ähm Christentum"
    • kai1
    • 17. März 2012 14:45 Uhr

    Der Prozess oder besser die Justizposse gegen Demjanjuk war das Paradebeispiel für die Absurdität, die das Bestreben weniger juristisch als politisch nach Jahrzehnten mittlerweile angenommen hatte, den Opfern so etwas wie "Gerechtigkeit widerfahren" zu lassen, für die Absurdität eines Bestrebens, in dem sich die Bundesrepublik von niemandem übertreffen lassen wollte und immer noch will - paradoxerweise nicht einmal von Israel selbst, das Demjanjuk laufen lassen musste, weil ihm nicht eindeutig nachzuweisen war, dass tatsächlich der notorische "Iwan der Schreckliche" war.
    Demjanjuk saß dabei in München in erster Linie als eine Art Stellvertreter, eine Art Vergangenheitsbewältigungsalibi der Bundesrepublik auf der Anklagebank - sofern er aufgrund seines Gesundheitszustandes überhaupt in der Lage war, den Vorgängen, die da abliefen, zu folgen (an seinem jetzigen Tod zeigt sich, dass das wohl nicht "gespielt" war). Er sollte mitverurteilt werden für all die, die man in den restaurativen 50ern und frühen 60ern mit Glacehandschuhen angefasst hatte, wenn man überhaupt juristische Schritte gegen sie unternahm (dieser Umstand wird auch nicht durch die großangelegten Prozesse gegen Dutzende von NS-Tätern grundsätzlich widerlegt) und die in der Hierarchie der NS-Vernichtungsmaschinerie im bürokratischen wie im tatumsetzenden Handeln Lichtjahre über dem kleinen Licht Demjanjuk standen, der - um dem sicheren Tod im Gefangenenlager zu entkommen - jeden Bund mit dem Teufel eingegangen wäre.

    9 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte John Demjanjuk | Bundesgerichtshof | Israel | Landgericht | Mord | Staatsbürgerschaft
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