"Das war’s", soll Kanzlerin Angela Merkel im kleinen Kreis gesagt haben, als sie am 11. März 2011 die Bilder des zerstörten Kernkraftwerks Fukushima im Fernsehen sah. Es war ein frühlingshafter Freitag in Deutschland. In Japan hatte sich gerade eine Katastrophe noch unbekannten Ausmaßes ereignet. Die stets so sicher geglaubten Atomkraftwerke hatten der Naturgewalt eines Erdbebens und eines Tsunamis nicht Stand gehalten.

Öffentlich erklärt Merkel die darauffolgende 180-Grad-Wende ihrer schwarz-gelben Koalition seitdem so: "Fukushima hat meine Haltung zur Kernenergie verändert". Schließlich hatten Union und FDP noch im Oktober 2010 vehement für die Kernkraft als "Brückentechnologie" ins Zeitalter der erneuerbaren Energien geworben und trotz Massenprotesten eine Laufzeitverlängerung für die deutschen Atomkraftwerke bis 2040 beschlossen.

Im Wahlkampf noch mit billiger Energie geworben

Megabeben, Tsunami und atomarer GAU. Wie bewältigt Japan die Katastrophe? Klicken Sie auf das Bild, um zur Themenseite zu gelangen. © Paula Bronstein/Getty Images

Wenige Wochen nach Fukushima war das alles obsolet. Die schwarz-gelbe Koalition stieg in einer gemeinsamen Bundestagsentscheidung mit SPD und Grünen aus der Kernkraft aus . Der parteiübergreifende Konsens nach zwanzig Jahren ideologischem Grabenkampf, er ist eine der wegweisensten Entscheidungen, die Schwarz-Gelb bisher getroffen hat.

Ironischerweise eine unfreiwillige. Mit der Kernkraft, mit billiger Energie für Mittelständler und Unternehmer hatten Union und FDP schließlich noch im Wahlkampf 2009 geworben. Dann aber mussten sie ihren Wählern erklären, warum Atomkraft jetzt doch nicht so sicher war, wie zuvor immer behauptet.

Im Wahlkreis ist die Entscheidung kein Thema mehr

Ein Herzensthema ist der Atomausstieg für die schwarz-gelben Koalitionäre seither nicht geworden. Wirklich gern spricht kaum einer der Unions- und FDP-Abgeordneten darüber. Denn die schnelle Merkelsche "Das war’s"-Entscheidung von damals hat die Koalitionäre Nerven gekostet, sie aufgewühlt und zum Teil verärgert. Aber man hat sich mit der Entscheidung arrangiert. Selbst damalige Kritiker des Atomausstiegs wollen daran nicht mehr rütteln.

"Ich habe dem Atomausstieg zugestimmt, weil ich die Chance sah, ein großes Konfliktthema endlich zu befrieden", sagt etwa der energiepolitische Sprecher der Unionsfraktion und erklärte Parteikonservative Thomas Bareiß ZEIT ONLINE. "Allerdings habe ich stets darauf verwiesen, dass eine so schnelle Energiewende uns enorme Kraft und auch viel Geld kosten wird." Kostenexplosionen, ein erwartetes Stromdefizit in diesem Winter, all dies ist zwar ausgeblieben . Doch Bareiß bleibt dabei: "Der Strom wird teurer werden, wir sehen das ansatzweise jetzt schon."

Der CDU-Energiepolitiker sagt rückblickend: "Fukushima hat an meiner Einstellung zur Kernenergie nichts geändert. Mir war immer bewusst, dass es ein Restrisiko gibt." In der Bevölkerung gebe es zwar wenige glühende Kernkraftbefürworter, aber viele "Pragmatiker", die wie er der Ansicht seien, dass die Kernenergie in Deutschland für eine günstige Stromversorgung gesorgt habe. "Hier hat die Union durch die unter starkem medialen Druck gefällte Ausstiegs-Entscheidung auch an Glaubwürdigkeit eingebüßt."

Der energiepolitische Sprecher der Liberalen, Klaus Breil, sieht das anders. Fukushima sei auch für ihn ganz persönlich eine Zäsur gewesen, sagt er: "Es ist eine neue Situation entstanden, ich halte das Restrisiko seitdem nicht mehr für vertretbar."

Den Grünen das Leib- und Magenthema weggenommen

Allerdings: Auch Breil war eigentlich kein Freund eines überhasteten Ausstiegs. Vor einem Jahr mahnte er in Interviews noch, dass die "Versorgungssicherheit" gefährdet sei und warnte vor billigem Importstrom zum Beispiel aus Tschechien "wo die Sicherheitsstandards ganz andere sind". Heute sagt er: "Der kalte Februar hat gezeigt, dass die Energiewirtschaft in Deutschland sehr robust ist. Es gibt aber in Extremsituationen weiterhin Risiken für die Versorgungssicherheit". Dennoch: Das Energiekonzept von Schwarz-Gelb mache die "geplanten Fortschritte".

In den Wahlkreisen ist der Atomausstieg ein Jahr nach Fukushima jedenfalls kein Thema mehr. Tatsächlich hat die Kehrtwende von damals sich überhaupt nicht auf die Umfrageergebnisse beider Parteien ausgewirkt. Im Gegenteil: Die einstige Kernkraftpartei Union ist wegen Angela Merkels Euro-Kurs gerade auf einem Zweijahreshoch angelangt, die immer mal wieder artikulierten Argumente der Atomfreunde in der Partei werden daher kaum gehört. Und die FDP verweilt im Umfragetief und das bestimmt nicht wegen der Kernenergie, sondern eher wegen ihres ungelenken jungen Führungsteams und eben der auch in der Bundesregierung durchsetzungsfähigeren Union.

Die Atomlobbyisten sind verschwunden

Ein bisschen freuen sich die Koalitionäre auch, dass sie den Grünen ihr Leib- und Magenthema weggenommen haben. Unmittelbar nach Fukushima erlebten die Grünen einen Umfragehöhenflug, es war der Dank für ihre jahrelange, konsequente Anti-Atompolitik. Inzwischen ist die Partei auf eine Zustimmung von 14 Prozent zurückgefallen, sie sucht händeringend nach einem neuen inhaltlichen Projekt für den Bundestagswahlkampf 2013.

Die Grünen registrieren außerdem mit Sorge, dass Union und FDP sich öffentlich als pragmatische Macher bei der Energiewende gerieren, Podiumsdiskussionen zu dem Thema abhalten, dass die Kanzlerin sich in staatsmännischer Pose im Helikopter über dem Offshore-Windpark fotografieren lässt.

Die Koalitionäre fühlen sich ihrer Sache so sicher, dass sie die glaubwürdigen Grünen inzwischen gar als Klientelpartei beschimpfen. Als Spitzenfunktionäre von Grünen und Sozialdemokraten diese Woche an einer Demonstration gegen die geplanten Kürzungen der Solarförderung teilnahmen, verschickte FDP-Energieexperte Klaus Breil eine Pressemitteilung. Darin bezeichnete er Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin und SPD-Chef Sigmar Gabriel selbstbewusst als "Lobbyisten der Solarindustrie". 

Über die vermeintlichen Atomlobbyisten in Union und FDP spricht indes niemand mehr.