Einhundert Bürger sitzen in einem Oval im Erfurter Kaisersaal. Unter drei Kronleuchtern warten sie auf die Kanzlerin. Fünfzig von ihnen sollen einen "Querschnitt der Bevölkerung" darstellen, sie wurden nach repräsentativen Aspekten ausgewählt. Die anderen fünfzig wurden für soziales Engagement oder gute Ideen belohnt, die sie vorher eingereicht haben.

Zukunftsdialog nennt sich diese neue Diskussionsoffensive des Bundeskanzleramts. Sie ist dreiteilig: Erstens lässt sich Merkel von einem neuen Gesprächskreis beraten, der aus 120 Experten aus Wissenschaft und Gesellschaft besteht. Zweitens ging am 1. Februar eine neue Internet-Plattform online . Bis Ostern kann hier jeder Reform-Ideen einbringen und andere bewerten.

Drittens will die Kanzlerin auch offline verstärkt die Diskussion mit den Bürgern führen. Sie hat zu sogenannten Town-Hall-Meetings geladen, Erfurt bildet den Auftakt. Weitere dieser Treffen in Heidelberg und Bielefeld sollen folgen. Die Opposition schimpft, Merkel bereite sich mit Staatsgeld für den Wahlkampf 2013 vor.

Krawatten, Kostüme, Perlenketten

Tatsächlich wirkt der Bürgerdialog in Erfurt auf den ersten Blick wie eine Wahlkampfveranstaltung. Die Kanzlerin wird mit großem Applaus empfangen, der Moderator schmeichelt ihr fortwährend. Abwechselnd wird sie als "starke Frau", "Frau Doktor Merkel" oder "sehr verehrte Frau Kanzlerin" bezeichnet. Das Publikum wirkt nicht gerade repräsentativ: Krawatten, Kostüme und Perlenketten dominieren das Bild.

Merkel gefällt die Atmosphäre. Zur Begrüßung setzt sie sich für die Fotografen ins Publikum, wie Moderatoren es in TV-Shows machen. "Ich bin jetzt eine von Ihnen", sagt sie zu einer Schülerin, die neben ihr sitzt.

Aber schon die erste Frage macht klar, dass Merkel hier nicht auf einem CDU-Treffen gelandet ist. Ein älterer Herr im Anzug rät Merkel eindringlich, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen.

Merkel wiegt den Kopf. Sie lehnt das Konzept ab – wie alle Parteien, bis auf die Piraten und Teile der Linken. Höflich gibt sie zu bedenken, dass die Idee kaum zu finanzieren sei und es auch die Arbeitsmotivation der Menschen nicht unbedingt erhöhen würde. Sie muss aber einräumen, dass auch in ihrem Internet-Dialog viele Bürger dafür eintreten. Man werde darüber diskutieren müssen.