GesundheitBundestag beschließt neue Organspende-Regelung

Einmütig haben die Fraktionen die neue Maßnahme zur Organspende verabschiedet. Die Versicherten sollen künftig regelmäßig über ihre Spendebereitschaft Auskunft geben.

Im Bundestag haben sich die Spitzen aller Fraktionen für eine Neuregelung der Organspende in Form einer sogenannten Entscheidungslösung ausgesprochen. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass jeder Bürger künftig regelmäßig von der Krankenkasse befragt wird, ob er im Falle seines Todes zur Organspende bereit ist. Die Antwort kann auf einem Spenderausweis, aber auch auf dem Personalausweis oder dem Führerschein vermerkt werden.

Es solle eine "höchst persönliche Entscheidung" sein, ob jemand sein Organ zur Verfügung stellt, sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU). Es solle mehr Beratung und Informationen geben, es solle aber niemand gezwungen werden, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden. Mit der Reform wollen alle Fraktionen im Bundestag sowie die Bundesregierung gemeinsam bewirken, dass sich alle Menschen einmal im Leben mit der Frage der Organspende auseinandersetzen.

Anzeige
Organe spenden

Rund 12.000 Deutsche warten jährlich darauf, dass ihnen das Organ eines anderen Menschen eingesetzt wird. Gut 8.000 von ihnen brauchen eine neue Niere – kein anderes Organ wird in der Bundesrepublik häufiger benötigt. Im Gegensatz zu den meisten anderen Organen ist hier auch eine Spende zu Lebzeiten möglich. Doch fast ein Drittel der Dialysepatienten harrt vergeblich, denn es gibt zu wenige Spender. Im Jahr 2010 kamen auf eine Million Bürger nur durchschnittlich 15,9 Organentnahmen, und nur 15 Prozent der Deutschen besitzen einen Organspendeausweis.

Noch verschlimmert hat die Lage die Ehec-Epidemie. Als Folge haben laut Robert Koch-Institut bisher 845 Menschen ein hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS) erlitten. Dabei verstopfen kleine Blutgefäße, und in der Folge wird die Nierenfunktion geschädigt. In gewöhnlichen Jahren erkranken rund 1.000 Menschen an Ehec, 60 von ihnen erleiden Nierenschäden. Experten rechnen für die Epidemie von 2011 damit, dass zehn Prozent der HUS-Patienten auf die Warteliste für eine neue Niere kommen, rund 85 also. Der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach (SPD) spricht gar von mehr als 100 Betroffenen.

Transplantationsgesetz

Derweil wird über Organspende debattiert. Anfang Juni hat das Bundeskabinett den Entwurf der Regierung für ein Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes beschlossen. Damit soll die europäische Richtlinie 2010/53/EU umgesetzt werden. Die zentrale Frage dabei: Ist grundsätzlich jeder Bürger ein Organspender, oder sollte er erst zustimmen?

Drei Varianten sind möglich: nämlich eine Zustimmungslösung, eine Widerspruchslösung und eine Entscheidungslösung. Erstere entspricht dem bisherigen Gesetz und besagt, dass nur als Spender infrage kommt, wer – zum Beispiel per Organspendeausweis – ausdrücklich zugestimmt hat. Nach der Widerspruchslösung muss der, der nach seinem Tod nicht Organspender werden will, hingegen zu Lebzeiten ausdrücklich widersprechen. Diese Regelung gibt es bereits in 22 europäischen Ländern. In Deutschland gilt sie aber als nicht mehrheitsfähig.

Sowohl der Unions-Fraktionschef Volker Kauder als auch SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sind Vertreter einer Entscheidungslösung. So soll jeder (zum Beispiel bei dem Antrag auf einen Personalausweis) einmal im Leben gefragt werden, ob er seine Organe weitergeben möchte oder nicht.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagte in der ersten Lesung des interfraktionellen Gesetzentwurfs, der gemeinsame Antrag sei ein "starkes und klares Signal", um das Thema Organspende in die Öffentlichkeit zu bringen. "Jeder Organspender ist ein Lebensretter." Je mehr Menschen dabei mitmachten, desto weniger Empfänger müssten warten. "Die Organspende ist ein Akt der Nächstenliebe", für den man sich persönlich entscheidet.

"Heute können wir miteinander zeigen, dass Politik Verantwortung ernst nimmt für Menschen, die Hilfe dringend bedürfen", sagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. "Die Organspende ist eine Frage der Mitmenschlichkeit." Er verwies darauf, dass in dem Gesetzentwurf bewusst darauf verzichtet worden sei, Anreize zugunsten der Spendenbereitschaft zu schaffen, etwa in Form von Bonuszahlungen oder Beitragssenkungen der Krankenkassen. "Die Organspende soll eine Spende bleiben." Es dürfe dabei keine Kommerzialisierung geben, sagte Steinmeier.

Leser-Kommentare
  1. Dringend notwendig, eigentlich sollte eher die Widerspruchsregelung gelten, wäre besser, noch besser wäre eine europaweite gleiche Gesetzgebung. Denn anderswo, ( China, Indien, Afrika, boomt der Schwarzmarkt mit Organen, da werden Menschen ( Flüchlinge wie Tiere ausgeweidet, wenn die Verwandten nicht zahlen)

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Wenn es keine Organspenden für Leute gibt, die vor ihrer Krankheit/Unfall nicht bereit waren Organe zu spenden (selbst wenn das durch z.B. eine bestimmte Krankheit nicht möglich wäre; also die prinzipielle Bereitschaft sollte reichen), dann löst sich das Problem von selbst.
    Die ganzen Egoisten würden in Scharen sich einen Organspendeausweis besorgen.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. So lange im medizinischen Bereich profitorientierte Partikularinteressen nicht ausgeschlossen werden können, kann ich die Ängste der Menschen verstehen, die einer Bereitschaft zur Organspende gegenüber skeptisch sind.

    Sobald ein Krankenhaus mehr damit verdient, ein Organ zu verpflanzen als einem schwer Verletzten das Leben zu retten, gibt es ein kleines existenzielles Problem mit der Bereitschaft zur Organspende.

    Schauen sie sich doch an worüber seit Jahren im medizinischen Bereich diskutiert wird. Es wird nur noch über ökonomische Themen geredet, über Nutzen. In einer solchen Gemengelage habe ich Angst, mich zu einem Rohstofflager für reiche Privatpatienten zu deklassieren.

    Sie finden, ich habe Paranoia? Nein, ich habe nur BWL studiert...

    5 Leser-Empfehlungen
  4. Die Bereitschaft Organe zu spenden, würde sicherlich steigen, wenn endlich die unsägliche Zwei-Klassen-Medizin in diesem Land überwunden würde. Welcher Kassenpatient will sich schon zum Wohle privilegierter Privatpatienten ausschlachten lassen. Ich definitiv nicht!

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das wäre mir neu.

    Auch wenn es komisch klingt, aber ich bin lieber Kassenpatient als Privatpatient. Da wird mit mir nur das nötigte getan und nicht noch unnötige Behandlungen, die einfach viel Geld bringen.

    Das wäre mir neu.

    Auch wenn es komisch klingt, aber ich bin lieber Kassenpatient als Privatpatient. Da wird mit mir nur das nötigte getan und nicht noch unnötige Behandlungen, die einfach viel Geld bringen.

  5. ch habe gehört, dass z. B. der Hirntod nicht wirklich bewiesen ist. Und dass Organspender nach der Entnahme ein Schmerz verzerrtes Gesicht hatten, obwohl sie ja tot waren. Da müsste grundsätzlich diskutiert werden. Es gibt andere lebensverlängernde Maßnahmen. Die Isrealis haben, soweit ich mich erinnere, eine Woche Ärztstreik gehabt. Die Totenzahl ist drastisch gesunken... Vieleich brauchen wir weniger der z. Z .verfügbaren Ärzte. Da spart man gleich doppelt.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anja66
    • 22.03.2012 um 17:28 Uhr

    Explantation nicht tot, sondern sterbend.

    Leichenteile kann man nämlich nicht wieder einpflanzen.

    • Anja66
    • 22.03.2012 um 17:28 Uhr

    Explantation nicht tot, sondern sterbend.

    Leichenteile kann man nämlich nicht wieder einpflanzen.

  6. Das wäre mir neu.

    Auch wenn es komisch klingt, aber ich bin lieber Kassenpatient als Privatpatient. Da wird mit mir nur das nötigte getan und nicht noch unnötige Behandlungen, die einfach viel Geld bringen.

  7. "Es solle mehr Beratung und Informationen geben, es solle aber niemand gezwungen werden, sich für oder gegen die Organspende zu entscheiden."

    Alleine die Tatsache, daß neuerdings so vehement über dieses Thema diskutiert wird, läßt in mir den Verdacht auf wirtschaftliche Interessen aufkeimen.

    Das schon seit Jahrzehnten nicht genug Organe bereitstehen weiß jeder.
    Eigentlich ein Drama.
    Das jedoch sich sogar die Politik jetzt einmischt ... läßt mich spekulieren daß es dabei um verdammt viel Geld geht.

    Ich glaube meinen seit 20 Jahren ausgefüllten und immer mitgeführten Organspendeausweis werde ich noch mal überdenken.

    Eine Leser-Empfehlung
  8. Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/lv

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service