Altkanzler Helmut Schmidt ( SPD ) hat Kanzlerin Angela Merkel ( CDU ) vorgeworfen, ihr fehle in der Euro-Krise ein Kompass. Der 93-Jährige sagte in der Bild -Zeitung, gerade im Umgang mit dem hoch verschuldeten Griechenland sei Merkel zwar "recht geschickt im Taktieren, aber ohne strategisches Ziel". Niemand habe bemerkt, wie grundlegend die Kanzlerin ihre Position verändert habe.

So habe sie 2010 noch verkündet, "die Griechen müssten raus aus der Euro-Zone". Inzwischen sei Merkel "zumindest nach außen" für den Verbleib Griechenlands im Euro und für Staatsgarantien in zigfacher Milliardenhöhe. Schmidt sagte: "Die Griechen hätte ich nicht in den Euro aufgenommen." Das Land war zu Zeiten der rot-grünen Bundesregierung aufgenommen worden.

Mit der Rettung Griechenlands stehe und falle nun das Vertrauen der Welt in den Euro. " Europa muss sich einig zeigen und fähig, seine Probleme zu lösen. Andernfalls werden wir zwischen den großen Mächten der Zukunft kaum noch eine Rolle spielen", bekräftigte Schmidt. Er hatte schon auf dem SPD-Parteitag im Dezember die Bedeutung eines stärkeren Europa herausgestrichen und an Deutschlands historische Verantwortung zu europäischer Solidarität erinnert.

Schmidt sieht durch Wulff die politische Klasse beschädigt

In dem Interview warf Schmidt dem ehemaligen Bundespräsident Christian Wulff vor, dem Amt des Staatsoberhaupts "schweren Schaden" zugefügt zu haben. "Er hat gleich die gesamte politische Klasse mit beschädigt", sagte er. Für ihn sei Wulff kein Opfer der Medien geworden: "Nee, er ist ein Opfer seiner selbst", erklärte Schmidt. Wulff sei nicht nur als Ministerpräsident von Niedersachsen zu jung gewesen, sondern auch für das höchste Staatsamt "zehn Jahre zu jung".

Zum politischen Wirken von Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck sagte der Altbundeskanzler, Gauck sei mit seinen 72 Jahren relativ alt und bringe viel Lebenserfahrung mit ins Amt. Er kenne Gauck nicht näher – "aber alles, was ich von ihm weiß, klingt angenehm".

Altkanzler kann keine Bücher mehr signieren

Weiter sagte er, dass er nicht mehr Dutzende Bücher signieren kann. "Täglich werden mir stapelweise Bücher zum Signieren geschickt", sagte Schmidt. "Aber ich schaffe das nicht mehr, persönlich meinen Namen hineinzuschreiben. In Zukunft wird meine Sekretärin die Bücher also unsigniert zurückschicken."

Der ZEIT-Herausgeber und Buchautor sagte weiter, er arbeite noch 50 bis 60 Stunden in der Woche, drei Tage davon sei er in seinem Büro bei der ZEIT. "Ich glaube, ich bin einer der wenigen, der freitags immer an der politischen Konferenz teilnimmt. Außerdem lese ich täglich sieben Zeitungen und dazu Auszüge aus der internationalen Presse", sagte der Altkanzler.